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„Das Rad der Zeit“ – Die Welt der Magierin Moiraine erwacht bei Amazon Prime Video zu Serienleben

Stadt voller Schatten: Der treue Gefährte Lan Mondragoran (Daniel Henney) mit der verletzten Magierin Moiraine (Rosamund Pike) in den Ruinen von Aridhol.

Kommt eine zauberisch begabte Person zu kleinen Leuten in ein friedliches Städtchen irgendwo jottwede, sorgt dort für Aufsehen und requiriert ein paar junge Einheimische für eine Mission, von deren Gelingen nicht weniger als der Fortbestand der ganzen Welt abhängt. Ist ja wohl klar, worum es sich dabei handelt, oder? Vor dem inneren Auge erstehen sofort die Erdhäuser, die die fußbehaarten Leutchen von Hobbingen in die sanften Hügel des Auenlands hineinzubauen pflegen. Man denkt an den Mordfrosch Gollum, der das große Abenteuer der Hobbits zu torpedieren versucht, bis am Ende von vielen Hundert Seiten der Junghobbit Frodo den Einen Ring in den Lavaschlund des Schicksalsbergs wirft und damit die Macht des Teufels Sauron bricht. Es geht um „Der Herr der Ringe“ (HdR) – ganz klar.

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Nur, dass, seit Tolkiens Meisterwerk der Fantasy 1954 erschien, gefühlt Legionen von Fantasyromanen aus den Bausteinen Apokalypse, Underdogs, Kampf Gut gegen Böse gekupfert wurden, deren Autoren dem Sog des Originals oft nicht so recht entkamen. Auch Robert Jordans 1990 gestarteter Buchzyklus „Das Rad der Zeit“ (nach dessen frühem Tod 2007 wurde er von Brandon Sanderson bis zum 14. Band weitergeführt) holte sich ganz ohne Zweifel Inspiration vom Mittelerde-Erfinder. Jetzt startet bei Amazon Prime Video eine Serienverfilmung der Abenteuer des jungen Rand al’Thors und seiner Gefährtinnen und Gefährten. Fans der Sparte freuen sich darüber wie Althobbit Bilbo Beutlin über ein leckeres Pfeifchen.

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Und so reitet ziemlich zu Anfang der ersten Episode (von drei zur Sichtung überlassenen und insgesamt neun) die Magierin Moiraine Damodred gemeinsam mit dem Schwertkämpfer Lan Mondragoran (Daniel Henney in angenäherter Samurai-Optik) in das Dörfchen Emondsfelde bei den Zwei Flüssen ein, einem Ort, in dem die Häuser architektonisch ähnlich geschwungen sind wie bei Tolkiens Hobbits, wo tapfere Mädchen zur Initiation in einen Wildbach geschubst werden und wo gute Leute nach verrichteter Arbeit gern einen Humpen trinken, Witze reißen, lachen, singen. So als könnten gute Zeiten nie zu Ende gehen, so als könnte der „Krieg weit, weit weg“, von dem gemunkelt wird, nicht auch ihr Idyll zu Asche machen.

Die Magierin sucht nach dem wiedergeborenen „Drachen“

In Wahrheit ist er schon da, das titelgebende Rad nähert sich dem Ende einer weiteren Umdrehung. Die Eingangsrede Moiraines aus dem Off, die an den Prolog der Elbin Galadriel aus dem ersten „HdR“-Film angelehnt ist, enthält schwere Endzeitseufzer. Die Frau in Blau vom Orden der Aes Sedai fürchtet die Wiederkehr des „dark One“ (dunkler König) genannten Zerstörers und sucht nach dem „Drachen“, einer menschlichen Erlöserfigur, die in diesem harmonischen Winkel wiedergeboren sein soll und dem Bösen als Einziger die Stirn bieten könnte.

Fünf junge Leute nimmt diese zarte, starke Gandalfine mit sich – die Jungen Rand al‘Thor (Josha Stradowski), Perrin Aybara (Marcus Rutherford) und Mat Cauthon (Barney Harris) sowie die Jungfern Egwene Al‘Vere (Madeleine Madden) und Nynaeve al‘Meara (Zoe Robbins). Wer von ihnen der „Drachen“ ist? Gut aufpassen, wer die meiste Kamerazeit abbekommt.

Rosamund Pinke ist eine coole Aes Sedai

Rosamund Pike spielt die Zauberin elbinnenhaft ätherisch – Grüße an Cate Blanchett. Eine Frau, die mit einem Schmunzeln per Kreisbewegung ihrer Hand ihr zu laues Badewasser erwärmt und im Kampf mit tänzerischen Bewegungen die Macht des Lichts entfesselt, mit der sie körperlich überlegene Gegner überwinden kann. Natürlich schickt der „dark One“ seine Heerscharen aus. Die Trollocs überfallen das friedliche Dorf, und was in Peter Jacksons „HdR“-Filmen nur eine Vision Frodos war, die Zerstörung Hobbingens, wird in „Das Rad der Zeit“ Wirklichkeit. Die Heimat wird verheert, die Nachbarn werden getötet, das Quintett der Flüchtenden ahnt oder weiß, dass es keine Wiederkehr geben wird.

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Bald werden sie getrennt, und so lernt das Publikum allerhand neue Schauplätze und Personengruppen kennen. Nicht alle sind angenehm. Nein, die Aes Sedai sind keineswegs ein Orden mütterlicher Zauberfrauen. Und die Weißmäntel sind religiöse Eiferer, die unter dem Banner der Sonne in ihrem Wüten gegen vermeintliche Anhänger des „dark One“ keine inquisitorische Grausamkeit auslassen.

Die Arbeit der Abteilungen Tricktechnik und Maske ist okay. Der Schrecken der Trollocs, einer Mischung aus Ork und Minotaurus, hält sich für den von ihren Schwertern und Äxten gänzlich unbedrohten Zuschauer zunächst in Grenzen, sie sehen doch eher ulkig aus – wie besonders garstige Grüffelos. Nein, auch die Kampfszenen sind choreografisch nicht unbedingt von der „Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings“-Klasse.

Es gibt Gutes genug, um am Ball zu bleiben

Aber die Landschaften sind majestätisch geraten, fremdweltig und faszinierend. Und nach den drei sehr tolkienesken Episoden samt einem Eins-zu-eins-Szenenklau aus der ersten Episode von „Game of Thrones“ – hat man dennoch genug dramatisch-tragische Ansätze von Liebe, Schuld und Entfremdung, dazu einiges an geheimnisvollem Auflösungsbedürftigem mit – unter anderem – zutraulichen Wölfen, um am Serienball zu bleiben. Zumal sich die Romane Jordans recht bald vom Vorbild lösten und zu einer Saga in eigenem Recht wurden, die sich überaus komplex und originell gestalteten und deren Figuren sich von Skizzen zu Charakteren verdichteten.

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Und: Gute Fantasy tut not derzeit. Zumal der recht passable „Witcher“ mit seiner zweiten Staffel erst kurz vor Weihnachten loslegt, die zweite Staffel von „Carnival Row“ (sehr gute Serie) und die dritte von „His Dark Materials“ (überragende Serie) gar auf 2022 verschoben wurden. Spätestens in der unheimlichen Ruinenstadt Aridhol sind wir auf Showrunner Rafe Judkins‘ (Autor bei „Chuck“ und „Marvel‘s Agents of SHIELD“) „Rad der Zeit“ geflochten. Und wenn dann noch der Myrddraal, ein Kohortenführer des dunklen Königs, seine Kapuze fallen lässt und wie ein Lord Voldemort aus einem Albtraum von Guillermo del Toro („Pans Labyrinth“) einherreitet, wird man von Moiraines Welt verschluckt.

„Das Rad der Zeit“, erste Staffel, acht Episoden, von Rafe Judkins, mit Rosamund Pike, Josha Stradowski, Madeleine Madden, Marcus Rutherford (ab 19. November bei Amazon Prime Video)

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