Das Phänomen „Wetten dass..?“: willkommen in der Zeitmaschine!

  • Thomas Gottschalks Klassiker kehrt zurück: Mit einer Sonderausgabe von „Wetten, dass..?“ wagt das ZDF am Samstag ein Nostalgieexperiment.
  • Mit dabei sind Teile von Abba, Helene Fischer und Udo Lindenberg.
  • Eine kleine Liebeserklärung an ein TV-Phänomen, das nie so gut war wie sein Ruf heute.
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Am Ende weinten ZDF-Mitarbeiter – und trugen T-Shirts mit dem kecken Aufdruck „An uns hat‘s nicht gelegen“. Es war der 13. Dezember 2014 um 23.48 Uhr – das Ende von „Wetten, dass..?“ nach 215 Ausgaben. Noch einmal mit 63 Minuten Überlänge, natürlich, noch einmal mit 9,27 Millionen Zuschauern. Drei Jahre lang hatte Markus Lanz bis dahin versucht, den siechen Patienten als Notfalldoktor am Leben zu erhalten. Aber da hatte die einst größte Show Europas schon Kammerflimmern. Vom Sturz von Samuel Koch 2010 und dem Abschied von Thomas Gottschalk ein gutes Jahr später hatte sie sich nie mehr erholt. Lanz war dann nur noch der Sterbehelfer.

Für einen Moment schien es damals, als würde an diesem Abend in Nürnberg mindestens das gesamte deutsche Fernsehen seinen Dienst einstellen. Oder wenigstens das ZDF. Für immer. Fehlte nur noch, dass schwarz gekleidete Mainzelmännchen zu den Klängen von „Ich bin ein Gast auf Erden“ das „Wetten, dass..?“-Logo in einem vergoldeten Sarg symbolisch zu Grabe trugen. Spätestens, als Otto Waalkes und Michael „Bully“ Herbig mit einer halb improvisierten „My Way“-Version zur Gitarre die Sendung ins Grab sangen („Für Markus Lanz ist heute Schicht / Wird er bezahlt? Ich hoffe nicht“), wurde es pathetisch. Am Ende klatschte das Publikum im Stehen, Konfettiregen glitzerte golden, der Graf von Unheilig sang „Es ist Zeit zu gehen, wir werden euch im Herzen tragen.“ Schluchz.

„Danke, Thomas!“: ZDF-Entertainer Thomas Gottschalk am 3. Dezember 2011 bei seinem Abschied von „Wetten, dass..?“ © Quelle: imago stock&people
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Ein untoter Kastenteufel der deutschen Fernsehunterhaltung

Knapp sieben Jahre später nun: „Wetten, dass..?“ ist wieder da. Ein untoter Kastenteufel der deutschen Fernsehunterhaltung kehrt zurück aus dem televisionären Jenseits – wenn auch nur für ein einziges Mal. Zehn Jahre nach seinem letzten „Wetten, dass..?“-Einsatz kehrt auch Gottschalk auf die ganz große Bühne zurück. Ohne jede Ironie: Es ist eine brillante Idee des ZDF. Denn nach wenig dürstet das deutsche TV-Publikum in der anstrengenden Gegenwart so sehr wie nach gemeinsamem Schwelgen in vermeintlich besseren Zeiten.

Nostalgie ist ein starkes Gefühl. Unter dem beschönigenden Schleier der Erinnerung taugt selbst das schrundigste Zeug noch für einen kleinen Schauer der Sentimentalität. Willkommen also in der Zeitmaschine Fernsehen. Es ist, als wäre wieder 1981: Als Gäste dabei sind am Sonnabend Teile von Abba (anders als die anwesenden Herren Björn Ulvaeus und Benny Andersson sollen die Damen vom Comeback nicht ganz so euphorisiert sein), außerdem Helene Fischer, Udo Lindenberg und das Musicalensemble der „Eiskönigin“.

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Die ewige Existenz der Show schien so sicher wie die Rente unter Kohl

Da ist sie also wieder, diese Show, deren ewige Existenz lange so sicher schien wie der Sonnenaufgang, der Gong der „Tagesschau“ oder die Rente unter Helmut Kohl. 33 Jahre alt wurde „Wetten, dass..?“. Wie Jesus. Als die Show starb, starb nicht nur die Illusion vom homogenen, über alle Generationen hinweg vereinten Publikum, sondern vor allem die vom televisionären Weltumarmer, der für drei bis fünf Stunden die Helden der Großmütter mit den Idolen der Jugend vereint, der als großer Gemeinschaftsstifter das wilde Patchwork der Lebensstile versöhnt. Einer für alle.

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Ein Straßenfeger der Achtziger: Am 14. Februar 1981 feierte „Wetten, dass..?“ mit Moderator Frank Elstner seine Premiere im ZDF und avancierte schnell zur beliebtesten Show nicht nur im deutschen Fernsehen. © Quelle: ZDF / Renate Schäfer

Markus Lanz konnte das nicht. Gottschalk, der „göttliche Bub“ (Martin Walser), konnte das, wenigstens eine Zeit lang, seit er am 13. Dezember 1986 seine erste „Wetten, dass..?“-Ausgabe moderiert hatte (es war Heinos 48. Geburtstag). Gottschalk war bei seiner Premiere 37 Jahre alt – und ist der jüngste „Wetten, dass..?“-Moderator aller Zeiten. Frank Elstner war beim Start 38, Wolfgang Lippert 40 und Markus Lanz 43.

Bürokratisches Beamtenfernsehen trifft bürgerliche Weltläufigkeitssehnsucht

Die Samstagabendshow. Ein Mythos des (deutschen) Entertainments. Die großen TV-Conférenciers der Siebziger bis Neunziger waren ja alle Weltumarmer: von Hans Rosenthal („Dalli Dalli“) bis Joachim Fuchsberger („Auf Los geht‘s los“), von Hans-Joachim Kulenkampff („Einer wird gewinnen“) bis Rudi Carrell („Am laufenden Band“), von Jürgen von der Lippe („Geld oder Liebe“) bis – im Osten – Wolfgang Lippert. Prediger der Leichtigkeit wollten sie sein, Apologeten der Ablenkung. Harald Schmidt scheiterte dann später bei „Verstehen Sie Spaß?“, weil er genau das verweigerte. Jahrzehntelang funktionierte die Samstagabendshow als Kitt, der die Milieus zusammenhielt, der das schleichende Auseinanderdriften der Geschmäcker übertünchte – und damit Marktanteile von bis zu 80 Prozent holte. Weltreiche vergingen, Mauern fielen. Solange alle paar Wochen ein Bagger neben einer deutschen Mehrzweckhalle zehn Bierflaschen in zwei Minuten öffnete, war die Welt in Ordnung.

Im Zenit des Erfolgs war „Wetten, dass..?“ tatsächlich das „Lagerfeuer der Nation“, der Ofen, an dem der vom kalten Tempo der 80er-Jahre ermattete Bundesbürger – und nicht wenige Zuschauer in der DDR – ihre müden Knochen wärmen konnten. Die Show, die 30 Jahre lang eine fast staatsstabilisierende Wirkung hatte, verlieh den Werten und Wünschen ihrer Zeit vollendeten Ausdruck: Die Deutschen sehnten sich nach Internationalität und Glitzer – aber bitte mit klaren Spielregeln! Was Frank Elstner ihnen dann 1981 bot, war Mietglamour aus Hollywood in Kombination mit einem komplexes Regelwerk. Herrlich. Bürokratisches Beamtenfernsehen trifft bürgerliche Weltläufigkeitssehnsucht. Bingo!

Die nostalgische Schwermut der Generation Golf: Sänger Robbie Williams bei einem „Wetten, dass...?“-Auftritt 2005 mit Komikerin Gaby Köster. © Quelle: imago stock&people

Die nostalgische Schwermut der „Generation Golf“

Und alle guckten zu. Es ist in diesen Wochen viel von Fernsehabenden im Bademantel die Rede, die Strubbelhaare nach Shampoo duftend, Fischstäbchen im Bauch. Von Baggerwetten und Bleistiften, von Michael Jackson im offenen Hemd, von einem zeternden Götz George, von absurd beklebten Brillen und Wochenendpathos in Mehrzweckhallen zwischen Lübeck und Leipzig. Von dieser nostalgischen Schwermut der „Generation Golf“, die sich für ihre Kinder das gleiche Sicherheitsgefühl wünschte wie für sich selbst zwischen Playmobil-Piratenschiff, Zauberwürfel und Carrera-Bahn, zehrte die Show noch, als sie schon todkrank war, als die Zahl der Nischen wuchs und der Mainstream dahinschmolz.

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Ihr Alleinstellungsmerkmal war immer ihre Unschuld. Und die verlor die Show am 4. Dezember 2010 um 20.40 Uhr von einer Sekunde auf die andere, als Samuel Koch in Düsseldorf mit speziellen Sprungstiefeln über ein fahrendes Auto zu springen versuchte und sich schwer verletzte. Nach der Katastrophe wirkte die Show nicht mehr freundlich und harmlos, sondern gefährlich – und unsympathisch. Es schien, als habe sie sich beim Versuch, mit dem schrillen Sensationsfernsehen der Konkurrenz mitzuhalten, schwer verkalkuliert.

Die TV-Welt der Gegenwart ist ein globalisiertes Füllhorn des Entertainments

Inzwischen haben Gottschalk und Koch ihren Frieden mit der Katastrophe gemacht. Die aktuelle Identitätskrise der Deutschen aber hat viel zu tun mit dem Verschwinden von positiven Kollektiverlebnissen. Winnetou, Kerkeling als Beatrix und „Dinner for One“ – hach, wisst ihr noch? In Zukunft wird kaum jemand sagen: Bibis Beauty Palace, „How to sell Drugs online (fast)“ und „Carpool Karaoke“ – wisst ihr noch? Ein paar Fußballländerspiele gehören zu den letzten nationalen Events. Ab und zu ein „Tatort“, der sich mit Formatbrüchen geschickt relevant hielt. Aber das war‘s. Die TV-Welt der Gegenwart ist ein globalisiertes Füllhorn des Entertainments. Die extreme Zersplitterung hat einen hohen Preis: Es ist die kulturelle Vereinzelung. „Machen wir uns nichts vor“, sagt der frühere Endemol-Shine-Chef Marcus Wolter, „die ganze Familie um 20.15 Uhr vor dem Fernseher? Das gibt‘s nicht mehr. Meine Kinder zeigen mir den Vogel! Das ist nicht mehr deutsche Lebenswirklichkeit.“ Youtube und „Frau im Spiegel“ sind unversöhnbar. Man kann nicht mehr Miley Cyrus einladen, um damit Ruth Maria Kubitschek auszugleichen.

Am Sonnabend zu Gast bei „Wetten, dass..?“: Sängerin Helene Fischer. © Quelle: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/

Gemeinsames Erleben aber macht das Gespräch einer Gesellschaft mit sich selbst erst möglich. Das lineare Fernsehen versucht seit Kurzem wieder stärker, im Gewitter von Milliarden Youtube- und Tiktok-Clips die große Versöhnungssehnsucht des Landes zu befriedigen. Aber das wird schwer. Denn mit dem linearen Fernsehen ist es wie mit Karstadt: Ein Kaufhaus für alles funktioniert nicht mehr. Fernsehen 2021 – das ist kein Allerweltsgeschäft mehr, sondern ein Einkaufszentrum mit Hunderten Shops für alle Interessen, leicht erreichbar, technisch unter einem Dach, aber eben: vereinzelt in extrem spitzen Zielgruppen.

Gottschalk hat es mit Ernsthaftigkeit versucht

Gottschalk hat nach seinem Abschied bei „Wetten, dass..?“ lange versucht, eine Art Last-minute-Ernsthaftigkeit auszustrahlen – mit der festen Absicht, etwas zu hinterlassen, das länger hält als Small Talk mit Sophia Loren, Filme wie „Big Mäc – Heiße Öfen in Afrika“ und ein paar Bagger, die Kopfstand machen. Dass seine Autobiografie „Herbstblond“ 2015 ein allseits gelobter Bestseller wurde, macht ihn stolz. Das sieht man ja gelegentlich bei alternden Stars: dass der Drang wächst, noch einmal in die Tiefe des Raumes zu gehen, das eigene Portfolio um Wahrheitssuche und Welterklärung zu erweitern. Joachim „Blacky“ Fuchsberger schrieb sehr Kluges übers Altern („Je älter ich werde, desto intoleranter werde ich“). Dieter Hallervorden drehte einen Demenz-Kinofilm. Peter Sodann wollte Bundespräsident werden. Norbert Blüm übernachtete im Flüchtlingslager Idomeni.

Andererseits hat Gottschalk sich neben Dieter Bohlen in die „Supertalent“-Jury gesetzt. Und auch er hat in seinen 151 Ausgaben von „Wetten, dass..?“ immer mal Fremdschämmomente geliefert. Die ewigen Knietatschereien, koffeinfreie Gags, haspelige Vorbereitung, die Schleichwerbung (In einer einzigen „Wetten, dass..?“-Sendung von 1988 waren die Gummibärchen auf Gottschalks Couchtisch 93-mal im Bild – Nettosendedauer: 13 Minuten.) Als inszenatorischer Tiefpunkt gilt der Auftritt von Tom Hanks mit Katzenmütze im Jahr 2012, als Markus Lanz die Show in Grund und Boden moderierte. Da stand „der größte Schauspieler dieser Erde“ (Lanz) verloren in der Messehalle 5 in Bremen herum und schimpfte hinterher: „Wie könnt ihr Deutschen euch eine solche Show drei lange Stunden lang anschauen?“

„Wie könnt ihr Deutschen euch eine solche Show drei lange Stunden lang anschauen?“: Moderator Markus Lanz (l.) und US-Schauspieler Tom Hanks am 3. November 2012 in der ZDF-Show „Wetten, dass..?“ in Bremen – noch ohne Hasenohren. © Quelle: picture alliance / dpa

Das Hanks-Desaster soll sich nicht wiederholen beim „Wetten, dass..?“-Comeback. In einem launigen Kurzinterview mit dem Branchendienst DWDL.de hat Gottschalk schon vor Monaten angekündigt: „Ob international oder regional: Keiner bekommt Eis in die Hose gekippt oder blöde Mützen aufgesetzt. Kann aber sein, dass ich eine trage.“ Er könne den Zuschauern versprechen, „dass ich weder was vergessen noch was dazugelernt habe“. Was auf keinen Fall fehlen wird: „Die Eurovisions-Fanfare!“ Auch ihm sei bewusst, dass über der Sendung nach Kochs Unfall dauerhaft ein Schatten liege – „aber die Sonne ist stärker“.

Genießen wir die Schönheit der Welt, wie sie nie war

Kann sein, dass diese einmalige „Wetten, dass..?“-Ausgabe noch einmal zum Inbegriff des Illusionsmediums Fernsehen wird, zur Versöhnungsfeier der Generationen. Denn tatsächlich bleibt Identitätsstiftung ja ein gefragter Wert in diesen Zeiten. So gut aber, wie die Show im Rückblick aussieht, war sie in Wahrheit nie. Unwahrscheinlich, dass eine einzelne Unterhaltungsshow jemals wieder 20 Millionen Zuschauer haben wird. Und unwahrscheinlich, dass man montags auf dem Schulhof eines Tages wieder über den Auftritt eines „King of Pop“ im flatternden weißen Hemd sprechen wird. Und trotzdem: Lehnen wir uns drei bis fünf Stunden zurück und genießen die Schönheit der Welt, wie sie nie war.

Bleibt es beim einmaligen Comeback? „Zu meinem 100. Geburtstag trete ich definitiv noch mal an“, sagt Gottschalk. Bisher gibt es keine Pläne für weitere Ausgaben. Sollte die Show aber mehr als fünf Millionen Zuschauer haben, wird es dem ZDF schwerfallen, Argumente gegen zumindest eine jährliche Ausgabe zu finden. Wetten, dass ...?

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