„Das Damengambit“: Wie der Netflix-Hit einen Schach-Boom auslöste

  • Die Netflix-Miniserie „Das Damengambit“ ist seit Wochen auf Platz Eins der weltweiten Streaming-Charts.
  • Der Erfolg der Serie löst einen regelrechten Schach-Boom aus.
  • Auch, weil sich eine junge Frau innerhalb einer Männerdomäne behauptet.
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Berlin. Ein Mädchen lernt im Waisenhaus das Schachspielen und stellt später die Welt der Großmeister auf den Kopf: Die Handlung der Netflix-Serie „Das Damengambit“ ist eigentlich in einem Satz erzählt. Dennoch ist sie so raffiniert und hinreißend in Szene gesetzt, dass sie dieser Tage die Welt erobert. Im ersten Monat haben mehr als 60 Millionen Haushalte die Literaturverfilmung in sieben Teilen gestreamt. Das bedeutet einen Rekord unter den Netflix-Miniserien.

Waisenmädchen wird geniale Schachspielerin

Im Mittelpunkt stehen Kindheit und Jugend der Heldin Beth Harmon (Anya Taylor-Joy) im Kentucky der 1950er und 1960er. Ihren Vater hat sie nie gekannt, ihre seelisch kranke Mutter starb bei einem Autounfall, als Beth klein war. Das stille Mädchen hat von der Mutter eine mathematische Genialität geerbt. Im Waisenhaus entdeckt Beth ihre besondere Begabung aber erst, als der verschlossene Hausmeister Shaibel (Bill Camp) ihr widerwillig das Schachspielen beibringt.

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Beth Harmon steigt in Netflix-Serie an Schach-Weltspitze

Am Schachbrett des Hausmeisters im Keller entdeckt die Achtjährige das Spiel Zug um Zug und entflammt für diesen Denksport. Im Lauf der US-Dramaserie besiegt Beth einen Gegner nach dem anderen. Die Züge der Heldin Beth Harmon stammen aus Großmeister-Partien, die der frühere Weltmeister Garri Kasparow ausgewählt hat. Sich am Brett wie echte Turnierspieler zu verhalten, dabei half der New Yorker Schachlehrer Bruce Pandolfini den Schauspielern.

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Wenig realistisch ist hingegen, wie rasch Beth fast ohne Rückschläge an die Weltspitze aufsteigt. Selbst ein Remis, wie das im Spitzenschach häufige Unentschieden heißt, wird dem Netflix-Publikum nicht zugemutet. Die Männer, die die Serienheldin schlägt, reagieren höflich und anerkennend. Von realen Gegnern wäre einer echten Beth Harmon in dem Fall Sexismus entgegengeschlagen, sagen viele Kenner der Schachwelt. Das ist der tiefere Grund, warum Spieler die Serie so lieben. „Das Damengambit“ zeigt die Schachszene wie sie gerne wäre.

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Junger Schachspieler inspirierte Walter Tevis zur Romanvorlage

Walter Tevis, Autor der Serien-Vorlage, wuchs selbst in Kentucky auf. Er wurde während eines Heimaufenthalts tablettensüchtig, konnte mit Gleichaltrigen nichts anfangen und flüchtete als Jugendlicher in ein Spiel. In seinem Fall war es Billard. Mit „Haie der Großstadt“, 1961 prominent verfilmt, gelang Tevis der Durchbruch als Schriftsteller.

In jener Zeit machte ein junger Schachspieler aus Brooklyn namens Bobby Fischer von sich reden. Auch Tevis entdeckte Schach. Seine Beth Harmon schuf er später in vieler Hinsicht als idealisierte, weibliche Version von Fischer. Als der 1972 Weltmeister wurde, boomte das Spiel in den USA. Schachsets waren ausverkauft, Schachlehrer ausgebucht.

„Das Damengambit“ steigert Interesse am Schachspiel

Das wiederholt sich gerade. Seit vier Wochen ist „Das Damengambit“ die meistgesehene Netflix-Serie weltweit und schaffte es in 63 Ländern auf Platz eins, wenn auch bisher nicht in Deutschland. Und auch das Buch schlägt ein: 37 Jahre nach seinem Erscheinen hat es der Walter-Tevis-Roman in die „New York Times“-Bestsellerliste geschafft.

Schachvereine und die wenigen verbliebenen Schachcafés sind derzeit geschlossen, aber online hat „Das Damengambit“ dem seit dem ersten Lockdown boomenden Brettspiel einen Kick gegeben. Auf Plattformen wie chess.com oder LiChess haben sich die Neuregistrierungen in den vergangenen Wochen verfünffacht. Großmeisterinnen sind derzeit gefragte Interviewpartner. Beth Harmon wird wohl zum „Schachspieler des Jahres“ gewählt und nicht Profi Magnus Carlsen. Als der Weltmeister seine kürzlich gestarteten Champions-Chess-Onlineturniere promotete, wurde er vor allem nach „Das Damengambit“ gefragt. Die Serie sei toll, sagte Carlsen, aber leider nicht ganz realistisch.

RND/dpa

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