• Startseite
  • Medien & TV
  • „Das Damengambit“ und „Babylon Berlin“: Uli Hanisch lässt diese Serienwelten entstehen

„Das Damengambit“ und „Babylon Berlin“: Uli Hanisch lässt diese Serienwelten entstehen

  • Uli Hanisch ist der Mann, der Serien und Filmen ein Zuhause gibt.
  • Er hat unter anderem das Szenenbild für „Babylon Berlin“ und „Das Damengambit“ entwickelt.
  • Im Interview erklärt er, warum er kaum Souvenirs aus seinen Produktionen behält.
Anzeige
Anzeige

Berlin. Szenenbildner Uli Hanisch (53) lässt Welten entstehen. Neben Kinofilmen hat er die Serien „Babylon Berlin“ und „Das Damengambit“ ausgestattet. Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur erklärt er, wohin all die Gegenstände nach dem Dreh verschwinden – und warum man als Zuschauer manchmal einen Koller bekommt, wenn ein Film in der eigenen Stadt spielt.

Herr Hanisch, wie sieht es bei einem Szenenbildner daheim aus: Stehen bei Ihnen lauter Schachfiguren aus dem „Damengambit“ herum?

Nein, ich habe tatsächlich erstaunlich wenig Souvenirs aus den Filmen der vergangenen zwei Jahrzehnte. Es verirren sich manchmal Kleinigkeiten. Aber ich glaube, es ist sogar ganz heilsam, dass man – wenn man sich schon für Möbel und allen möglichen Kram interessiert – seine Sammelleidenschaft im Beruf abwickeln kann und das nicht alles nach Hause schleppen muss. Wir leihen ja sehr viel.

Anzeige

Wie funktioniert das genau?

Der Großteil – gerade an Möbeln und Gegenständen – wird geliehen. Und dann sind wir eigentlich immer ganz froh, wenn die Dinge wieder dahin zurückgekehrt sind, wo sie hergekommen sind. Im Grunde genommen fangen wir immer bei null an, mit einem Stück Papier, einem leeren Raum. Irgendwann ist alles voll mit Zeug. Und wenn das Projekt beendet ist, ist alles wieder weg.

Wo leiht man Dinge? Gibt es ein Kaufhaus der schönen Dinge?

(lacht.) Solange es eine Filmindustrie gibt, gibt es einen Requisitenfundus. Das hat sich über die Jahrzehnte natürlich verändert. In Deutschland gibt es diverse Grossisten, die sich zum Teil aus den Sendeanstalten gespeist haben. Oder Antiquitätenhändler. In London gibt es riesige Leihhäuser, nach Epochen geordnet. Es gibt welche, die haben nur Lampen, nur Bilder oder nur technische Geräte, medizinische Sachen. Das ist ein mikroskopisch kleiner, aber dennoch wahrnehmbarer Geschäftszweig.

Anzeige

Wenn man durch Filmparks geht, landet man schnell beim Gefühl: „Oh, das ist alles nur aus Pappmaché.“ Das klingt bei Ihnen anders.

Dieses Stichwort „Pappmaché“ trifft bei uns immer einen Punkt. Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben mit Pappmaché gearbeitet. Ich weiß gar nicht, was das sein soll. Sie können ja mal versuchen, sich auf ein Pappmachésofa zu setzen. Die Sachen, die im Film benutzt werden, sind echte Gegenstände. Da stehen dann ein Tisch, ein Bett, ein Sofa. Wir sind eigentlich wie ein Speditionsunternehmen – wir bewegen viel Material.

Anzeige
Das Stream-Team Was läuft bei den Streamingdiensten? Was lohnt sich wirklich? Die besten Serien- und Filmtipps für Netflix & Co. gibt‘s jetzt im RND-Newsletter „Stream-Team“ – jeden Monat neu.

Und wie ist das mit Außenkulissen?

Für „Babylon Berlin“ haben wir das gemacht – da ist die Neue Berliner Straße im Studio Babelsberg gebaut worden. Da stehen dann in der Tat in erster Linie Fassaden. Aber auch da wurden 5000 Tonnen Stahl verarbeitet als Unterkonstruktion. Trotzdem ist natürlich so eine Kulissenstraße lustig, weil man durch die Tür tritt – und hinten gleich wieder rausgeht. Aber das beschreibt nur einen sehr kleinen Teil des Tuns. Zu 80 oder 90 Prozent drehen wir auf der Straße oder in Originallocations.

Haben Sie beim Fernsehen eigentlich schon mal weggeschaltet, weil ein Szenenbild so gruselig war?

Nein, ich glaube nicht. (lacht) Das müsste schon ganz schön schlecht sein. Ich glaube, ich würde eher wegschalten aus denselben Gründen wie jeder andere auch, nämlich wenn ich es langweilig finde.

Wie findet man gute Drehorte? Fallen Ihnen, wenn Sie unterwegs sind, ständig schöne Plätze und gute Details auf?

Mir fällt erst mal nur dann etwas auf, wenn ich arbeite, also wenn ich etwas Spezielles suche. Sonst würde ich ja verrückt werden. Vielleicht ist das, was wir bei „The Queen’s Gambit“ gemacht haben, ein schönes Beispiel, weil wir da ja im Grunde genommen so gut wie alles in Berlin gedreht haben. Und dann macht man sich Gedanken: Wie kann man eine kleine Ecke Paris darstellen? Oder was kann man eben für Moskau nehmen? Was ist mit Mexico City oder Las Vegas? Man hangelt sich immer an den Anforderungen der Geschichte entlang.

Nehmen wir mal den Film „Once Upon a Time in Hollywood“ von Quentin Tarantino, der spielt im Los Angeles der 1960er. Das Szenenbild hatte einen Detailreichtum, den vielleicht nur Tarantino selbst wirklich kennt. Wie ist das bei Ihnen: Lieber viele Details oder sagt man irgendwann, das reicht jetzt?

Ich würde erst mal widersprechen, dass das nur Herr Tarantino weiß. Das ist ja eine sehr große Gruppenleistung, was wir machen. Bei Projekten wie „Babylon Berlin“ oder „Queen’s Gambit“ arbeiten allein in meiner Abteilung 100 Personen. Da kommen wahnsinnig viele Expertisen zum Tragen. Aber zur Frage: Wenn Sie bei einer bekannten Person zu Hause sind, dann analysieren Sie bestimmt nicht alle Details im Raum, Sie haben aber trotzdem ein Verständnis davon, wo Sie gewesen sind. Und so ähnlich geht es uns auch. Der Raum findet erst dann in einer Art von Richtigkeit statt, wenn die Details da sind.

Anzeige

Wie lange hat es gedauert, für die Netflix-Serie „Das Damengambit“ alle Gegenstände und Drehorte zu finden?

Wir haben bei einer Produktion von so einer Größenordnung normalerweise drei bis vier Monate Vorlauf. Es gibt auch Projekte, wo ich schon früher angefragt werde, weil man überlegen muss: „Oh Gott, wo drehen wir das überhaupt?“ Vor allem, wenn es um Historisches geht. Bei „Das Parfum“, das im Paris des 18. Jahrhunderts spielt und in Südfrankreich in Grasse, haben wir schon ein Jahr vorher angefangen nachzudenken und uns durch sieben Länder gekämpft.

Wie hektisch ist Ihr Job?

Das wird immer hektischer. Es ist ja nicht so, dass wir alles zum ersten Drehtag fertig haben und dann weg sind. Sondern das Drehteam kommt wie eine Lawine oder Karawane hinter uns hergezogen. Und wir bedienen – sagen wir mal bei „Babylon Berlin“, wo wir zum Teil zwei Drehteams parallel hatten – zehn bis 30 Motive pro Woche. Das heißt, wir haben viele Baustellen gleichzeitig, die eingerichtet, gedreht, sofort wieder abgewickelt werden.

Wenn ein Film in der eigenen Stadt spielt, bekommt man als Zuschauer manchmal einen Koller: Die Bilder sehen toll aus – aber es macht keinen Sinn, wo die Figuren langlaufen und -fahren.

Genau.

Geht es da also nur um die Optik?

Es geht nie um Anwohnerkenntnisse. Das betrifft ja nur einen Promilleteil der Zuschauer, das kann keine Rolle spielen. Wenn es ein Berlin-Film wäre und das Sich-durch-die-Stadt-Bewegen Teil der Handlung wäre, dann könnte man das berücksichtigen. Aber wir wechseln ja manchmal selbst bei Innenmotiven fünfmal einen Ort. Weil das Treppenhaus, das Foyer, der Saal, der Hinterhof und das Außenmotiv an verschiedenen Orten sind. Da wird wild zusammengemischt.

Wenn jemand sagt, ihm sei das Szenenbild aufgefallen: Wollen Sie das eigentlich oder soll das Szenenbild im Film aufgehen?

Doch, doch, natürlich ist das mitunter ein Kompliment. Aber wenn ich auf einem bequemen Stuhl sitze, muss ich auch nicht über den Prozess des Stuhlbauens nachdenken, sondern genieße einfach den tollen Stuhl. Und so ähnlich ist es beim Filmemachen auch. Alles, was man als Illusion herstellt, will man ja gerne in der Magie der Illusion belassen. Man muss nicht jeden Trick entzaubern.

Zur Person: Uli Hanisch gehört zu den bekanntesten Szenenbildern Deutschlands. Nach seinem Grafikstudium in Düsseldorf arbeitete er mit Künstler Christoph Schlingensief zusammen. Mehrfach hat Hanisch den Deutschen Filmpreis gewonnen. Er gestaltete unter anderem das Szenenbild für „Cloud Atlas“ mit Tom Hanks. Am Donnerstagabend spricht er bei einem digitalen Talk der Reihe „Berlinale Talents“.

RND/dpa

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen