Mörder von trauriger Gestalt: Jan Michelsen ermittelt wieder in „Darkness“

  • Der Kopenhagener Cop Jan Michelsen machte in der ersten Staffel von „Darkness“ eine gute Figur, deshalb bekommt er jetzt eine zweite.
  • Die dänische Krimiserie überzeugt erneut durch höchste Spannung, nervt aber auch ob ihrer Effekthascherei.
  • „Darkness“ läuft ab 16. Juni beim Streamingdienst Joyn+.
Jan Freitag
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Im handelsüblichen Krimi bilden Kommissar und Täter komische Symbiosen. Ersterer jagt Letzterem ja nicht nur so oft hinterher, dass der Eindruck massenhaft mörderischer Mehrheitsgesellschaften entstehen könnte. Letzterer ist Ersterem dabei auch noch gern mal persönlich bekannt. Ermittlung unter Freunden, in der rauen Wirklichkeit gewiss die absolute Ausnahme, wird in der Fiktion langsam zur Regel.

Wenn die Polizistin Louise Bergstein (Natalie Madueño) dem Ritualmörder Peter Vinge nachstellt, wird daher schon zur Hälfte der ersten von acht Folgen klar, wie nah sich beide auch abseits ihrer Rollenprofile sind. Das ist so weit okay: Nähe erzeugt Reibung, Reibung erzeugt Wärme, Wärme erzeugt Feuer, Feuer erzeugt Knistern. Und knistern soll es natürlich andauernd in der Fortsetzung des dänischen Serienkrimis „Darkness“ (ab 16. Juni bei Joyn+), der Ende 2019 handwerklich souverän auf den Erfolgszug mit Blutbädern nordeuropäischer Bauart gesprungen war.

An der Seite von Kommissar Michelsen (Kenneth M. Christensen) suchte die Profilerin Bergstein seinerzeit einen Killer, der es auf Frauen abgesehen hatte und zumindest dem Publikum zügig bekannt war. Fünf Jahre nach dem vermeintlichen Ende einer Reihe brutaler Morde an drei jungen Männern kehrt sie nun nach Odense zurück und zeigt aufs Neue, wie robust es in der Heimatstadt des dänischen Märchenerzählers Hans Christian Andersen zugeht.

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Ein Hauch von „Dexter“

Denn wieder sterben scheinbar wahllos Menschen eines grausamen, ersichtlich sadistischen Todes. Diesmal sind sie zwar etwas älter und nicht weiblich – aber als Louise mit ihrer neuen Kollegin Karina (Helle Fagralid) die Ermittlungen aufnimmt, zeigen sich merkwürdige Parallelen.

Abermals hat der Täter den Opfern nämlich persönliche Sachen ohne materiellen Wert entwendet und sie teilweise am selben Tatort getötet wie fünf Jahre zuvor. Ein Unterschied allerdings behindert und befördert Louises Spurensuche enorm: Sie ist nicht nur mit der Mutter von einem der Opfer befreundet, im Lauf der Untersuchung stellt sich heraus, wie viel sie mit Peter Vinge verbindet.

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Das ist, wie üblich im „Skandi Noir“ genannten Genre voyeuristischer Kapitalverbrecherjagden, virtuos inszeniert. Regisseur Jonas Alexander Arnby setzt die stimmigen Drehbücher von Headautorin Ina Bruhn in ein trüb-schönes Schattenlicht, das die Schleichfahrten des großartigen Kameramannes Kasper Wind angemessen unterbelichtet. Und wenn der international gebuchte („The Last Kingdom“), deutschstämmige (Freiburg im Breisgau) und oscarprämierte („Kon-Tiki“) Tobias Santelmann als Mörder von der traurigen Gestalt die Objekte seiner Gewaltfantasien malträtiert, dann findet sich in „Blinded“ ein Hauch von der finster-komischen Thrillerserie „Dexter“.

Viel Oberflächlichkeit

Dennoch geht einem der Rachefeldzug des psychisch labilen Familienvaters Peter, dem die anstehende Scheidung von seiner beruflich erfolgreicheren Ehefrau ebenso zusetzt wie die Vorwürfe seines kleinen Sohnes oder das Schlechte der Welt im Allgemeinen, nach einiger Serienzeit nicht nur an die Nieren, sondern mehr noch leicht auf die Nerven.

Zu selbstreferenziell wirkt die ausgestellte Brutalität nämlich mitunter. Zu melodramatisch wirken die Protagonisten im malerischen Odense. Zu selten wird die Stimmung von echtem Licht erhellt. Vor allem aber: Zu attraktiv sind die Charaktere des spielstarken, aber oberflächlichen Ensembles.

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Auch „Skandi noir“ kann sich Kommissare eben nur als Models – wie die bildschöne Hauptdarstellerin Natalie Madueño – vorstellen, während ihre Kollegen zwar inhaltlich blass bleiben, aber Charakterköpfe sind.

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So viel Oberflächlichkeit hat dieser fesselnde Thriller fast noch weniger verdient als den deutschen Untertitel: „Schatten des Verbrechens“. Au weia.

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