Corona und die Medien: Auch Journalisten sind systemrelevant

  • Deutschland schaltet ab, was geht. Für Polizei, Feuerwehr, Mediziner, Energieversorger, Kinderbetreuer und andere gelten Sonderrechte.
  • Denn sie gehören zur “kritischen Infrastruktur”. Auch Verlage und Redaktionen zählen dazu.
  • Denn Regionaljournalismus ist in der Coronakrise für viele die wichtigste Informationsquelle.
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Es sind Tage außerhalb jeder Norm. Ausnahmezustand. Für Millionen von Menschen. Für Ärzte, Laboranten, Pfleger, Kassiererinnen, Polizisten und ja – auch für Journalisten. Alles geschieht gleichzeitig. Push-Gewitter. Die Ereignisse überschlagen sich. Auf Englisch klingt diese Phrase wie der Refrain eines Punkrocksongs: “The events come thick and fast.”

Thick and fast. Mächtig und rasend schnell. In nur 48 Stunden verschickt die Deutsche Presse-Agentur 1596 Meldungen und 2785 Fotos zum Stichwort “Corona”. Düstere Worte sind plötzlich wieder zu lesen, die kaum weniger dramatisch klingen als “Verdunkelung” oder “Lebensmittelkarte”. Worte wie “Ausgangssperre”, “Hamsterkäufe”, “kritische Infrastruktur” und “systemrelevant”.

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Ansprache der Bundeskanzlerin zum Coronavirus
1:04 min
„Ich glaube fest daran, dass wir diese Aufgabe bestehen.“, sagte Angela Merkel in ihrer Fernsehansprache zum Coronavirus.  © ARD
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Wir selbst sind “das System”

Systemrelevant. Die Vokabel war zuletzt in der Bankenkrise 2009 zu hören, als es um Milliardenhilfen für strauchelnde globale Geldhäuser ging, die “too big to fail” waren, zu groß, um sie ohne Chaos in den Abgrund stürzen zu lassen. Nun lautet die Frage: Wann ist ein Staat ein Staat? Was braucht das “System” in dieser Zeit, um ohne Chaos zu funktionieren? Es ist eine Frage, die ein reiches Land in gesunden Zeiten verlacht. Was wir brauchen? Wir brauchen alles! Und zwar sofort! Und das “System” – das ist doch bloß ein abstraktes Feindbild aus linken Dystopien. Plötzlich aber stellen wir fest: Das System ist anfällig. Es ist nicht allmächtig. Es ist endlich. Denn wir selbst sind “das System”.

Die Notstromversorgung der Bundesrepublik

Deutschland rationiert seine Ressourcen. Und schaltet ab, was irgend geht. Wie die Raumkapsel von Apollo 13, die sich mit letzter Energie taumelnd auf den Rückweg zur Erde macht. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier dankt “allen, auf die es in diesen Tagen besonders ankommt”. Auch er weiß: Ohne Strom, Gas, Wasser und Benzinversorgung geht es nicht, auch nicht ohne Verwaltung, Mediziner, Justiz, Polizei, Feuerwehr, Katastrophenschutz, Justizvollzug, rudimentäre Kinderbetreuung. Diese Berufsgruppen sollen ein Anrecht auf Kinderbetreuung haben. Sie sollen, falls Deutschland die Grundrechte seiner Bürger weiter einschränken muss, die Freiheit behalten, ihren Beruf auszuüben. Sie sind quasi die Notstromversorgung der Bundesrepublik Deutschland.

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Auf Abstand: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gibt im Kanzleramt vor Journalisten ein Statement über die Maßnahmen der Bundesregierung zur Eindämmung des Virus ab. © Quelle: Markus Schreiber/AP POOL/dpa

Zum Personenkreis dieser kritischen Infrastruktur zählen auch wir Journalisten. Das wird manchen überraschen. Aber wir spüren seit Wochen am eigenen Leib: Wir werden gebraucht wie lange nicht. Je unklarer die Lage, desto größer der Durst nach gesicherten Informationen. Kommunikation wird überlebenswichtig. Denn die Angst kriecht in die Lücken, die das Wissen lässt. Dagegen arbeiten Medienprofis, die die Fluten zu teilen versuchen, die Fake News entlarven, die Experten zu Wort kommen lassen, die unermüdlich berichten, einordnen, erklären und suchen. Und die sich, auch wenn die Wahrheit immer nur ein Näherungswert sein kann, den professionellen Kriterien ihrer Zunft zumindest verpflichtet fühlen: Unbestechlichkeit, Faktencheck, Distanz.

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Die “Tagesschau” als Lagerfeuer der Aufklärung

Die “Tagesschau” versammelt als Lagerfeuer der Aufklärung jeden Abend viele Millionen. Die seriösen Nachrichtenseiten verzeichnen Klickrekorde. Und es “klickt” vielfach nicht das Lauteste, sondern das Hilfreichste, Profundeste und das, was Menschen aus der Seele spricht. In Zeiten des Social Distancing sind es vielfach lokale und regionale Redaktionen, die ältere, einsame und isolierte Leser am Geschehen teilhaben lassen. Sie melden, wie hoch die Infektionsrate in der Kommune ist. Sie berichten, was vor Ort zu tun ist. Sie sind existenziell wichtig.

In den in Bayern mit einer Ausgangssperre belegten Gebieten sind die Zusteller von Tageszeitungen mit Passierscheinen ausgestattet worden. Sie können ihrer Arbeit nachgehen. Der Zeitungsvertrieb ist durch die Allgemeinverfügung nicht betroffen.

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Journalisten retten keine Leben. Sie sind keine Helden des Alltags. Aber sie spüren in dieser Zeit eine große Verantwortung im Kampf gegen die Angst. Und eine enorme Nachfrage nach dem, was sie am Besten können: Information. Sie sind damit in der Corona-Krise systemrelevant. Auch Christian Drosten, populär gewordener Chef-Virologe der Berliner Charité, spricht von einer “Systemfunktion” des Wissenschaftsjournalismus.

Im Krieg sind die Kirchen voll, sagt man. Im Kern bedeutet das: In der Not besinnt sich die sonst oft sorglos-abgeklärte, postmoderne Gesellschaft gern zurück auf jene Institutionen, denen sie zuletzt das Vertrauen entzogen hatte. “Es gibt derzeit viele Redaktionen, die mit der nötigen Ernsthaftigkeit und Dringlichkeit, aber ohne unnötige Panik über Corona berichten”, schreibt nun selbst das medienkritische “Bildblog” anerkennend.

Facebook erweist sich als systemirrelevant

Und ganz nebenbei zeigt die Corona-Krise: Die globalen Social-Media-Großkonzerne, die als milliardenschwere Datenbroker weitgehend unbehelligt in den Grau- und Schwarzzonen des Netzes nach emotional ausbeutbarem Publikum fischten, sind nicht nur kein Ersatz für professionellen Journalismus. Sondern sie sind das Gegenteil. Sie befeuern Ängste, sie belohnen die Lüge mit Aufmerksamkeit. Sie sind systemirrelevant.

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“Das gehört zu einer offenen Demokratie”, sagte Angela Merkel am Mittwoch in ihrer historischen Fernsehansprache – “dass wir unser Handeln möglichst gut begründen und kommunizieren.” Das ist das Kerngeschäft des Journalismus, zumindest in seiner seriöseren Spielart: zwischen den Regierenden und den Regierten zu vermitteln. Distanziert und fair die Interessen und Motive zu hinterfragen. Das Wichtige zu berichten, die Leser und Zuschauer nicht alleinzulassen mit ihren tausend Fragen. Denn die berühren im Moment das Existenziellste, was es überhaupt gibt: das Leben selbst.

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