Corona kein Thema in TV-Produktionen: Masken? Nein, danke!

  • Wie wirkt sich die Pandemie aufs Fernsehen aus?
  • In den TV-Produktionen des laufenden Jahres wird der Mund-Nasen-Schutz nur selten zu sehen sein.
  • Das hat einen bestimmten Grund.
Tilmann P. Gangloff
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Krisenzeiten sind traditionell gute Zeiten für die Unterhaltung: weil viele Menschen angesichts ständig schlechter Nachrichten nach Zerstreuung suchen. In den zurückliegenden zehn Monaten lag jedoch neben vielen anderen gesellschaftlichen Branchen auch die Unterhaltungsbranche brach. Von den Ausgangsbeschränkungen haben neben den Streamingdiensten Netflix, Amazon Prime und Disney+, die sich über viele neue Kunden freuen konnten, nicht zuletzt die klassischen TV-Sender profitiert. Aber hat die Corona-Pandemie auch das Programm verändert – nach dem Motto „Das Leben ist schon hart genug“?

Tatsächlich zeigen die Zahlen, dass „der Zuschauer“ besser ist als sein Ruf. Der Zuspruch für Unterhaltungsformate ist zwar höher als sonst, aber klammert man Sportübertragungen und Sonntagskrimis aus, wird die Hitliste der zehn meistgesehenen ARD-Sendungen 2020 von der „Tagesschau“ dominiert. Konkurrenzlos an der Spitze liegt mit über 12,5 Millionen Zuschauern die Ausgabe vom 22. März; das war der Tag, an dem sich Bund und Länder erstmals auf eine umfassende Einschränkung der sozialen Kontakte geeinigt haben. Auf dem zweiten Platz folgt mit 11,7 Millionen Zuschauern ein „ARD extra“ zur Corona-Lage vom 13. Dezember. Damals haben die führenden Köpfe der Länder gemeinsam mit der Bundeskanzlerin beschlossen, die im November veranlassten Maßnahmen („Lockdown light“) zu verstärken.

Kein Studiopublikum: Eingespielte Euphorie wirkt nicht selten deplatziert

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Das Zweite, schon seit Jahren das Programm mit den meisten Zuschauern, bietet laut Programmplaner Florian Kumb von den großen Sendern den höchsten Informationsanteil, und das soll gerade in der Krise auch so bleiben. Die „heute“-Nachrichten um 19 Uhr erreichen regelmäßig deutlich mehr Zuschauer als sonst, vor allem beim aus Sendersicht jungen Publikum zwischen 14 und 49 Jahren. Hier liegt der Zuwachs bei über 60 Prozent. Selbst ein als „Unterhaltungsdampfer“ verschriener Sender wie RTL wird in diesen Tagen einem journalistischen Anspruch gerecht, den viele Kritiker den Programmverantwortlichen nicht zugetraut hätten. Seit Ausbruch der Pandemie hat RTL sein Programm rund 30-mal für ein „RTL Aktuell Spezial“ geändert.

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Am deutlichsten sind die Folgen der Pandemie bei den Shows zu sehen. Bis zum Herbst waren Zuschauer in den Studios unter bestimmten Auflagen und mit Abstand zugelassen, aber mittlerweile werden Sendungen wieder verschoben. Manche Produktionen versuchen, ohne Publikum auszukommen, was vor allem dann nicht funktioniert, wenn die eingespielte Euphorie so deplatziert wirkt wie in der völlig missratenen Sat.1-Show „Pretty in Plüsch“.

Kein Mund-Nasen-Schutz im TV

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Im fiktionalen Fernsehen dagegen wirkt die Welt, als hätte es die Pandemie nie gegeben. Viele der aktuell gezeigten Produktionen sind bereits 2019 entstanden, aber dank Hygienemaßnahmen und regelmäßiger Corona-Tests aller Beteiligten wird auch den im Rest des Jahres ausgestrahlten Filmen und Serien meist nicht anzusehen sein, unter welch erschwerten Bedingungen sie zustande gekommen sind. Das hat einen einfachen Grund, wie Christoph Pellander, Redaktionsleiter bei der ARD-Tochter Degeto, erläutert: „Von der ersten Idee bis zur Umsetzung braucht ein Stoff bis zu 18 Monate Entwicklungszeit.“ Als die Drehbücher für die im letzten Jahr entstandenen Produktionen entwickelt worden seien, „war Covid-19 noch gar nicht Teil unserer Alltagskultur“.

Aber auch 2021 werden nur ganz wenige Produktionen entstehen, in denen die Mitwirkenden Mund-Nasen-Schutz tragen. Sämtliche großen Sender füllen ihre Nebenprogramme – bei der ARD zum Beispiel die Dritten und One, beim ZDF der Ableger Neo – mit Wiederholungen, und die müssen auch 2030 noch funktionieren. Jeder Film soll die Illusion einer in sich geschlossenen eigenen Welt wecken. Wenn die Pandemie, was alle hoffen, in einigen Jahren ein bewältigtes Phänomen sein wird, würden Gesichtsbedeckungen diese filmische Illusion umgehend zerstören, weil den allermeisten Zuschauern Gedanken wie diese durch den Kopf gehen würden: „Ach klar, Corona! Lange her.“

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