China-Sympathie zur Primetime: ZDF entfernt Dokureihe aus Mediathek

  • Eine vierteilige ZDF-Info-Doku offenbart ein seltsames Verständnis von Demokratie.
  • China gehört die Zukunft, Fragen nach Menschenrechten sind westliches Gehabe, wird darin vermittelt.
  • Mit der Kritik konfrontiert, entfernt das ZDF die Reihe aus seiner Mediathek.
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Man sieht Sarah Lande an, wie ergriffen sie ist. Die ältere Dame führt das Kamerateam durch ihr Anwesen im kleinen US-Städtchen Muscatine. „An diesem Tisch haben wir mit Xi Jinping zu Abend gegessen“, sagt sie. Man sieht das Bett, in dem Xi geschlafen hat, und erfährt, dass er während seines Aufenthalts in Iowa Autofahren gelernt hat. Xi habe Mark Twain geliebt, sagt Sarah, also sei man mit ihm für einen Ausflug zum Mississippi gefahren. 1985 war das, Xi war Anfang 30 und Teil einer Delegation, die in den USA etwas über moderne Landwirtschaft lernen wollte.

27 Jahre später besuchte er noch einmal Muscatine, diesmal als Vizepräsident des bevölkerungsreichsten Landes der Erde. Man müsse diese „seltene Geschichte von Freundschaft bewahren“, sagt ein chinesischer Geschäftsmann, der in Muscatine lebt, „um sie mit unseren Bürgern und der nächsten Generation von Studenten zu teilen“. Im Hintergrund erklingt ergreifende Klaviermusik.

Dass Xi Jinping, seit 2013 chinesischer Präsident, Herrscher über eine Diktatur ist und seine Kritiker ins Gefängnis werfen lässt, erfährt man nicht.

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Zu sehen gab es diese Szenen aus Iowa am vergangenen Dienstagabend zur Primetime beim Fernsehsender ZDF Info und schon einige Tage zuvor in der ZDF-Mediathek. „China vs. USA – Clash der Supermächte“ heißt die vierteilige Dokureihe, die der Sender im Rahmen eines Themenschwerpunkts über das Reich der Mitte ins Programm genommen hatte.

Das Thema, das behandelt wird, ist brisant. Schließlich prägt der Konflikt zwischen den USA und China die Weltpolitik wie kein anderer. Die filmische Aufarbeitung allerdings, an der sich die Dokus versuchten, ist auf ganzer Linie gescheitert. Denn durch alle vier Teile zieht sich ein Narrativ: Das amerikanische Modell, so der unterschwellige Tenor der Reihe, ist am Ende. Die Zukunft heiße China.

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Produziert in Singapur

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Produziert wurde die Reihe, die das ZDF als Lizenz erworben hat, vom Fernsehsender Channel News Asia aus Singapur. Das Land ist nicht nur einer der engsten Verbündeten Chinas, sondern auf der Rangliste der Pressefreiheit der Nichtregierungsorganisation „Reporter ohne Grenzen“ auf Platz 160, noch hinter Belarus und dem Sudan und nur wenige Plätze vor China und Nordkorea. „Die Medien werden autoritär gelenkt, viele Journalisten üben Selbstzensur“, urteilt „Reporter ohne Grenzen“ über Singapur.

Teils sehr subtil, immer wieder aber auch reichlich platt stellen die Filme die chinesische Diktatur als Alternative zur westlichen Demokratie hin. Da werden sterbende amerikanische Industriestädtchen gezeigt, die nur mit chinesischem Geld gerettet wurden, und glitzernde Hochhausfassaden in Fernost. Spannender aber ist, was in den rund drei Stunden, die die Dokureihe dauert, nicht erzählt wird.

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Beispiel Hongkong: Ein Geschäftsmann aus der ehemaligen britischen Kronkolonie bekommt sehr viel Zeit, über den wirtschaftlichen Schaden zu sprechen, den die Proteste der vergangenen zwei Jahre angerichtet hätten. Vom brutalen Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten oder davon, wie Peking die Demokratie in Hongkong systematisch zerstört, erfährt man hingegen fast nichts.

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Auch die Corona-Pandemie wird thematisiert, allerdings als Scheitern der US-Politik. Welche Rolle das Versagen der chinesischen Regierung gespielt hat bei der weltweiten Ausbreitung des Virus oder wie Peking eine Aufklärung der Ursprünge der Pandemie verhindert, dazu kein Wort. Stattdessen sagt ein amerikanischer Barbesitzer den erstaunlichen Satz in die Kamera, er hätte sich gewünscht, seine Regierung hätte ebenso drastisch auf die Pandemie reagiert wie die Behörden in Wuhan, dem Ausgangsort der Pandemie.

Das ZDF verteidigt sich

Überhaupt kommen in der Reihe viele US-Amerikaner zu Wort, die ihre eigene Regierung kritisieren. Das ist natürlich subtiler, als nur chinesische Kritiker sprechen zu lassen, ändert aber nichts an der einseitigen Agenda, die die Filme verfolgen. „Aufgrund des durchgängigen dramaturgischen Konzepts, den Antagonismus zwischen beiden Weltmächten zu beschreiben, blieb die chinesische Sichtweise nicht unwidersprochen, sondern wurde durch die Gegenüberstellung mit amerikanischen Perspektiven, mit Experten und Grafiken eingeordnet und relativiert“, verteidigt das ZDF auf Anfrage die Dokumentation.

Auf amerikanischer Seite allerdings traf die Filmemacherin Pearl Forss viele China-Versteher, Spitzenpolitiker hingegen nicht. Dafür aber bekommt der chinesische Vizeaußenminister Le Yucheng reichlich Platz, um Propagandaphrasen von sich zu geben.

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Die US-Regierung, behauptet Le etwa unwidersprochen, mache Jagd auf chinesische Wissenschaftler und Studenten in den USA. Technologieklau und Copyrightverletzung werden hingegen als westliche Paranoia dargestellt. Auf geschickte Weise vermischen die Filme Fakten und Halbwahrheiten, üben sanfte Kritik auch an China, nur um das Land im nächsten Moment wieder als Zukunftsmodell darzustellen. Das ist raffinierter als etwa die chinesische Propaganda selbst, aber eben auch schwerer zu erkennen und gerade deshalb durchaus gefährlich.

Aus der Mediathek genommen

Das ZDF weist darauf hin, dass man die vierteilige Reihe im Rahmen eines Themenschwerpunkts gezeigt habe, zusammen mit Filmen, die tatsächlich einen deutlich kritischeren Blick auf die chinesische Regierung werfen. Für „China vs. USA – Clash der Supermächte“ hielt man zur Hauptsendezeit dennoch drei Stunden Programmfläche frei, auch in der Mediathek wurde die Produktion beworben. Ob es allzu viele Zuschauer gibt, die den ganzen Themenabend verfolgt haben, um sich ein umfassendes Bild von China zu machen, sei dahingestellt.

In Mainz gibt man sich aber auch selbstkritisch: „Die Herkunft und das Zustandekommen der Filme hätten angesichts der subtilen Propagandamethoden des chinesischen Regimes noch intensiver geprüft werden müssen“, teilt das ZDF der Nachrichtenagentur Teleschau mit. „Dass die Dokuserie aus einem Land stammt, in dem kritischer Journalismus nur einen untergeordneten Stellenwert hat, wurde auf der Suche nach der ergänzenden Perspektive für den Programmschwerpunkt nicht hinreichend beachtet.“

Nachdem der Sender mit der Kritik an „China vs. USA – Clash der Supermächte“ konfrontiert wurde, nahmen die Verantwortlichen die Dokumentation aus der Mediathek. „Vor einer erneuten Ausstrahlung wird die Reihe noch einmal intensiv auf solche Schwachstellen überprüft – bis dahin werden die Dokumentationen in der ZDF-Mediathek nicht mehr zur Verfügung stehen“, erklärt das ZDF.

RND/Teleschau

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