Dritte „Charité“-Staffel: viele Klischees und zwei überragende Hauptdarstellerinnen

Philipp Hochmair als österreichisch-deutscher Gerichtsmediziner Otto Prokop (1921–2009) sitzt bei den Drehabreiten zur dritten Staffel der ARD-Serie „Charite“ in einem Hörsaal der Universität für Chemie und Technologie.

Philipp Hochmair als österreichisch-deutscher Gerichtsmediziner Otto Prokop (1921–2009) sitzt bei den Drehabreiten zur dritten Staffel der ARD-Serie „Charite“ in einem Hörsaal der Universität für Chemie und Technologie.

Wenn ab heute vor den Toren der Charité fiktional die Mauer wächst, sind Kommunisten bloß rote Nazis, ja fieser noch als die Gestapo. Eines aber sind sie nur ausnahmsweise: Halbgötter in Weiß, von denen auch die dritte Staffel der ARD-Serie (ab Dienstag, 20.15 Uhr, im Ersten) um das Berliner Großkrankenhaus reichlich im Personal hat.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Acht Tage, bevor sich die DDR selbst verkapselt, doziert Philipp Hochmair als Pathologe Otto Prokop mitreißend zum Fachgebiet Serologie, auf dem er später Weltruhm genießen wird. Ein paar Klinikgänge weiter ringt die revolutionäre Kinderärztin Ingeborg Rapoport (Nina Kunzendorf) um das Leben Neugeborener – und zwar aus der Gynäkologie des geläuterten NS-Mitläufers Kraatz, dem Uwe Ochsenknecht virtuosen Standesdünkel verpasst.

Wie so viele ihrer Zunft, haben sich diese drei Koryphäen mit dem Regime arrangiert. Politischer Druck von außen stört sie demnach weniger als das Versorgungsdefizit der sozialistischen Mangelwirtschaft im Innern, begleitet vom Fachkräfteexodus gen Westen. Während die NVA im ersten Teil heimlich Blutkonserven aufgestockt hat und im zweiten zusehends aufmarschiert ist, um im dritten den Stacheldraht hochzuziehen, pflegt die Belegschaft eine Stimmung nervöser Gleichgültigkeit – wären da nicht Fanatiker wie Rapoports Mann Mitja (Anatole Taubman) oder wesensfiese Stasi-Schergen, die kalt lächelnd den Mauerbau exekutieren.

Hauptdarstellerin Nina Gummich ist beeindruckend authentisch

Wie immer im Historytainment ist die DDR auch hier ein trister, grauer, ein böser Ort. Doch wie immer in diesem Erfolgsformat wird der sorgsam kostümierte Alltag alle zwei Jahre von einer fiktiven Frauenfigur erhellt, die in strengem Kontrast zum reaktionären Umfeld allmächtiger Männer steht. Sönke Wortmanns Kaiserzeit-Charité wurde 2017 von der unzeitgemäß emanzipierten Schwester Ida (Alicia von Rittberg) aufgemischt. In Arno Sauls NS-Charité war es die anfangs linientreue, bald systemkritische Studentin Anni (Mala Emde). Unter Christine Hartmanns Regie nun tanzt die Internistin Ella durchs Chaos der geteilten Stadt, und sofort geht die Sonne auf.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Das Stream-Team

Was läuft bei den Streamingdiensten? Was lohnt sich wirklich? Die besten Serien- und Filmtipps für Netflix & Co. gibt‘s jetzt im RND-Newsletter „Stream-Team“ – jeden Monat neu.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Alles beim Alten also. Zarte Pflänzchen stehen im Schatten kerniger Eichen von Robert Koch über Ferdinand Sauerbruch bis Otto Prokop, behaupten sich dort allerdings mit ehrgeizigem Optimismus. Und beharrlich singen dazu die Geigen. Dass 2021 anders ist, liegt da vor allem an Hauptdarstellerin Nina Gummich. Geboren zwei Jahre nach dem Mauerfall als Spross einer Schauspielfamilie in Leipzig, verleiht sie ihrer Filmfigur eine Wahrhaftigkeit, die sehr wenig mit Stefan Dähnerts Buch zu tun hat, aber sehr viel mit Nina Gummichs Spiel.

„Erstmals zwei weibliche Hauptfiguren“

Sehr deutsch muss Ella zwar ständig strahlen wie Mädchen beim Ponyhofgeburtstag, wenn sie sich in Dr. Nowak (Franz Hartwig) verliebt oder Prof. Prokop davon überzeugt, ihre Forschung zur Krebsfrühdiagnostik zu fördern, aber was die Darstellerin nach zwei Dritteln ihrer 29 Jahre vor der Kamera daraus macht, wirkt wie in den meisten ihrer fast 50 Filme beeindruckend authentisch. „Als absolute Bauchschauspielerin“, erklärt sie dieses Talent, „versuche ich, mir für eine Szene halt nie allzu viel vorzunehmen“. Selbst dem besten Plan komme „am Ende ja stets das Leben dazwischen und macht ihn zunichte“.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ihr unbefangener Charme schafft es daher im Alleingang, dem berechenbaren Drama Gut gegen Böse Originalität zu verleihen. Zumindest fast allein. Denn mit Nina Kunzendorf, schwärmt Kollegin Gummich, „hat die Serie erstmals zwei weibliche Hauptfiguren“. Und da beide so ungewöhnlich glaubhaft sind, sehen wir mal gnädig über all die Klischees ringsum hinweg. „Du machst die Mama doch wieder gesund?“, fragt ein kulleräugiges Kind am Ende des ersten Teils. Da wünscht man sich dann doch in medizinische Realfiktionen wie „Freud“ oder The Knick“.

Mehr aus Medien

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Verwandte Themen

Top Themen

 

Letzte Meldungen