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Caren Miosga: “Wieso glauben wir immer, dass die Mütter das alles so nebenbei machen?!”

  • “Tagesthemen”-Moderatorin Caren Miosga gehört zu den profiliertesten Journalistinnen des Landes.
  • Im Interview mit Imre Grimm spricht sie über Journalismus in Corona-Zeiten, persönliche Angriffe und den Blick auf das Positive.
  • Und sie verrät, wie es ist, mit einem Wissenschaftler verheiratet zu sein.
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Frau Miosga, als Sie 2007 bei den “Tagesthemen” anfingen, schrieb eine Zeitung: “Sie sieht aus wie frisch geduscht. Die Haare leicht gewellt, die Wangen rosig, dazu dunkler Anzug, lilaglänzende Bluse, nicht viel Schnickschnack.” Hat sich das seitdem gebessert, dass Frauen nur nach Äußerlichkeiten beurteilt werden?

Gott sei Dank werde ich inzwischen auch inhaltlich kritisiert. Wohlgemerkt: auch. Aber die ausgleichende Gerechtigkeit besteht darin, dass sich auch Ingo Zamperoni gelegentlich mit Zuschauerpost auseinandersetzen muss, in der er bitte erklären soll, warum sein Einstecktuch so oder so sitzt. Aber Fernsehen ist nun mal ein optisches Medium. Die Leute beurteilen, was sie sehen.

Als Sie 2010 in die zweite Babypause gingen, haben Sie sich mit einem Bertolt-Brecht-Zitat verabschiedet: “Unglücklich das Land, das Helden nötig hat!” Hätten Sie gedacht, dass zehn Jahre danach immer noch Angela Merkel regiert?

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Nein. Das hätte ich nicht gedacht. Meine Kinder zum Beispiel können sich nur schwer vorstellen, dass jemals ein Mann diese Position einnehmen könnte. Das wiederum ist natürlich auch erfreulich, dass die lange Regierungszeit von Frau Merkel eine solche gesellschaftliche Wirkung hat.

"Die Redaktion funktioniert im Krisenfall wie ein Schweizer Uhrwerk": Caren Miosga moderiert seit 2007 die "Tagesthemen". © Quelle: Daniel Bockwoldt/picture allianc

Gehen Ihnen diese lauten, von sich selbst eingenommenen Kerle in der Weltpolitik, über die Sie in den “Tagesthemen” berichten, manchmal auf den Senkel – die Trumps und Putins?

Es ist ja unsere Aufgabe, sie ein bisschen runterzuholen. (lacht) Und sie dechiffrieren sich ja zum Teil selbst – und dann macht es auch wieder Spaß, das in seiner ganzen Absurdität zu zeigen. Insofern: Nö, die gehen mir nicht auf den Senkel. Wir müssen nur aufpassen, dass es nicht zu einer Faszination wird. Im Kern der Beurteilung muss das Politische stehen.

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Manche Menschen funktionieren in Krisen besser. Wie ist das bei Ihnen in der Corona-Krise?

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Die Redaktion funktioniert im Krisenfall wie ein Schweizer Uhrwerk. Aber man kann diese Krise ja mit keiner vergleichen, die es vorher gegeben hat. Sie betrifft uns alle, auch alle, die hier arbeiten. Wir haben Kinder, wir müssen zur Arbeit – wir teilen all die Sorgen mit den Leuten, zu denen wir jeden Tag sprechen. Und deshalb haben auch wir einen Moment gebraucht, um uns zu sortieren.

Der Leiter des Ressorts Innenpolitik im ARD-Hauptstadtstudio, Michael Stempfle, hat gesagt, dass Journalisten in der Frühphase der Corona-Krise wegen der Fülle an Themen häufig eher erklärten, als kritisch zu hinterfragen. Wie sehen Sie das?

Ja. Das war sicher so. Die Eilmeldungen kamen im Minutentakt, und es ging erst einmal darum, etwas für alle Neuartiges zu verstehen; auf einmal war die Wissenschaft die Grundlage aller Entscheidungen, und deren Erkenntnisse mussten wir erst einmal erklären. Aber ich glaube, dieser Vorwurf, dass die Medien in der Frühphase der Krise zu unkritisch waren, der stimmt nicht. Wir haben schnell auch über Grundrechte gesprochen und kritische Fragen gestellt, zum Beispiel zu Pandemieplänen oder zu der Frage, ob zu früh oder zu spät reagiert wurde.

Was lief nicht so gut?

Selbstkritisch würde ich sagen, dass wir zu Beginn zu wenig auf die Situation der Familien geguckt haben, ähnlich wie die Politik selbst. Irgendwann riefen mich Freunde an, völlig verzweifelte Mütter, die sagten: “Ihr müsst die Familienministerin Franziska Giffey endlich in die Pflicht nehmen, ich halte das nicht mehr aus!” Und ich konnte nur sagen: “Ja, stimmt, du hast recht.” Wieso glauben wir als Gesellschaft eigentlich immer, dass die Mütter das alles so nebenbei machen?!

Sie haben zwei Töchter. Wie haben Sie die Kinderbetreuung organisiert?

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Ich bin in der luxuriösen Position, dass mein Leben im Prinzip normal weiterging, weil ich ohnehin schon Hilfe bei der Kinderbetreuung habe, um tagsüber und auch abends arbeiten zu können. Insofern hatte ich gar nicht so viel zusätzliche Belastung. Aber ich kenne viele Leute, die nachts um vier aufgestanden sind, um überhaupt zwei oder drei Stunden arbeiten zu können.

"Auch Ingo Zamperoni muss sich gelegentlich mit Zuschauerpost auseinandersetzen, in der er bitte erklären soll, warum sein Einstecktuch so oder so sitzt": Die Moderationskollegen Caren Miosga und Ingo Zamperoni im "Tagesthemen"-Studio in Hamburg-Lokstedt. © Quelle: picture alliance / Daniel Bockwo

Die seriösen Medien erleben einen Nachfrageboom. Ist das neue Vertrauen in die Medien nachhaltig? Oder ist das bloß eine Hoffnung gebeutelter Journalisten, die als Vertreter von “Lügenpresse” und “Staatspropaganda” diffamiert werden?

Immer dann, wenn es wirklich einschneidende Geschehnisse gibt, schalten die Leute vermehrt ein. Auch in dieser Krise hat sich das bestätigt: Wir hatten über Wochen enorm hohe Einschaltquoten und freuen uns sehr, dass uns so viel Vertrauen zugesprochen wird. Das ist ein tolles Kompliment für unsere Arbeit. Dass das nachhaltig bliebe, das würden wir uns wünschen.

Auch die “Tagesthemen” haben über die sogenannten Hygienedemos berichtet, obwohl es sich bei den Corona-Skeptikern doch eher um eine Minderheit handelt. Ist es richtig, diesem Phänomen so viel Raum zu geben?

Ich finde, wir haben nicht zu viel darüber berichtet. Natürlich diskutieren wir in der Redaktion darüber, ob wir diesen Protesten ein Forum geben sollen, weil sie von rechten Kreisen instrumentalisiert werden. Aber gleichzeitig sind da ja auch Leute unterwegs, die ein ehrliches Anliegen haben, Leute, die es nicht mehr aushalten, ihre Grundrechte nicht wahrnehmen zu können, und die haben ein Recht darauf, wahrgenommen zu werden.

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Bekommen Sie den Volkszorn auch persönlich zu spüren?

Wie viele Tage und Nächte haben Sie Zeit? (lacht) Natürlich kriege ich das auch ab. Ich gestehe aber, dass ich nicht mehr alles lese, weil ich dann schlecht schlafen würde. Und ich habe keine Lust, schlecht zu schlafen. Ich lese nichts mehr, was bösartig ist oder unter der Gürtellinie. Vernünftigen Menschen versuche ich, persönlich zu antworten. Aber ein “Blöde Kuh!” oder “Du Hofschranze von Merkels Gnaden” will ich nicht mehr wahrnehmen.

Haben Sie eine Erklärung dafür, dass so viele Menschen “öffentlich-rechtlich” mit “staatlich” verwechseln?

Vielleicht, weil es in der früheren Geschichte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks immer wieder Versuche gab, seitens der Politik Einfluss zu nehmen. Vor über 50 Jahren wollte die damalige Regierung ja sogar das “Adenauer-Fernsehen” gründen, um es kontrollierbarer als die ARD zu machen. Aber das heißt mitnichten, dass wir zum “Staatsfunk” mutierten. Unsere Arbeit besteht darin, der Politik auf die Finger zu schauen und nicht umgekehrt.

Man hat den Eindruck, dass nicht mehr die Lautesten die Agenda bestimmen. In den Talkshows sitzen jetzt Fachjournalisten, Politiker, Wissenschaftler.

Ja. Und am Anfang hatte man das seltsame Gefühl: Die sind sich alle einig! Das war ja fast unheimlich, eine Talkshow zu sehen, in der sich alle verständig zunicken. Aber das hat ja dann relativ schnell wieder abgenommen. Die Opposition war wieder da, und die Bundesländer streiten sich auch wieder. Das war ja auch ein großes Missverständnis: dass die Politik offenbar erwartete, Wissenschaftler würden Meinungen vertreten und diese politisch nutzen. Wissenschaftler haben Erkenntnisse, und wenn die sich ändern, dann ändert sich eben auch die Diskussion.

Sie sind mit einem Wissenschaftler verheiratet. Ich habe dazu einen unfreiwillig komischen Satz gefunden. Er lautet: “Neben ihrer großen Schwäche für Currywurst entwickelte sie irgendwann auch eine große Schwäche für den Pathologen Tobias Grob.”

(Lacht) Currywurst und Pathologie! Da habe ich jetzt nur etwas eklige Assoziationen.

Viele entdecken die Lebensform des Forschers ja gerade für sich. Journalisten wissen sehr wenig über sehr viel, und Wissenschaftler wissen sehr viel über sehr wenig. Wie erleben Sie dieses Spannungsfeld zu Hause?

Unser Zuhause ist ein Mikrokosmos der Debatte in Deutschland. Als die ersten Lockerungen kamen, kam mein Mann immer mal mit einer neuen Studie um die Ecke und sagte: “Hallo! Dieses Virus ist noch da! Ihr tut alle so, als sei alles wieder normal, aber das stimmt nicht.” Natürlich hat er als Mediziner da einen fokussierten Blick – aber der hilft mir, den eigenen zu weiten: Wir dürfen die medizinischen Aspekte nicht außer Acht lassen.

“Wir schlürfen die Katastrophen wie die Cocktails”, hat Norbert Blüm mal gesagt. Jetzt haben die “Tagesthemen” eine Rubrik eingeführt, in der es genau darum geht: nicht immer nur Katastrophen zu schlürfen.

“Tagesthemen mittendrin” zeigt hochwertig gemachte Reportagen aus den Regionen Deutschlands – länger und bedachter als bisher. Wir wollen ausgeruhte Storys senden, die es sonst vielleicht nicht in die Sendung geschafft hätten.

Zum Auftakt hat der MDR über das Dorf Bollstedt in Thüringen berichtet, das einen ersten Preis im Bundeswettbewerb “Unser Dorf hat Zukunft” gewonnen hat. Ist das auch eine Antwort auf die Klagen, die Lebenswirklichkeit im Osten werde nicht genügend abgebildet?

Es gibt da ein Erlebnis, das mir in Erinnerung geblieben ist: Zum 30-jährigen Jahrestag des Mauerfalls haben wir 2019 mit den “Tagesthemen” live aus Sachsen-Anhalt gesendet – und es hat mich vollkommen überrascht, wie sehr sich die Menschen dadurch wertgeschätzt fühlten. Damals haben wir uns vorgenommen, dass wir diesem Wunsch nach mehr Berücksichtigung Rechnung tragen sollten. Aber wir wollen aus allen Regionen Deutschlands senden, nicht nur aus dem Osten.

Gab es Nachrichten, bei denen Sie richtig traurig waren?

Als Robert Gernhardt gestorben ist. Oder David Bowie. Und zu den Ereignissen, die mich nachhaltig beschäftigten, gehört auch die Geflüchtetenkrise in den Jahren 2015 und 2016. Das hat vielleicht auch mit der eigenen Fluchterfahrung in vielen deutschen Familien zu tun, auch in meiner. In dieser Welt hat alles miteinander zu tun.

Das Gespräch mit Caren Miosga als Podcast hören:

Medien, Kultur und Politik: Das ist Caren Miosga

Caren Miosga moderiert seit 2007 die “Tagesthemen” in der ARD – im wöchentlichen Wechsel mit Ingo Zamperoni. Sie ist damit bereits mehr als doppelt so lange in dieser Funktion aktiv wie Hanns Joachim Friedrichs (1985–1991). In zwei Jahren würde sie Ulrich Wickert einholen, den bisherigen Rekordhalter bei der “Tagesthemen”-Moderation (1991–2006).

Geboren wurde sie 1969 im niedersächsischen Peine. Die Familie ihres Vaters stammt aus Oberschlesien. In Hamburg studierte Miosga Geschichte und Slawistik und arbeitete für mehrere Radiosender sowie parallel zum Studium auch als Reiseleiterin in Sankt Petersburg und Moskau.

1999 wurde sie Mitarbeiterin beim Norddeutschen Rundfunk und führte dort durch das “Kulturjournal” sowie von 2003 bis 2005 durch das Medienmagazin “Zapp”. Von Mai 2006 an moderierte sie das ARD-Kulturmagazin “ttt – titel, thesen, temperamente” am Sonntagabend, bis sie 2007 zu den “Tagesthemen” wechselte.

Miosga ist seit 2007 mit dem Pathologen Tobias Grob verheiratet. Das Paar hat zwei Töchter.

RND

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