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„Burnt Orange Heresy” mit Uraltstars bei Sky: vom Kunstkrimi zum Kunstthriller

  • Nach coronabedingter Kinopause startet das vielgelobte Malereidrama „The Burnt Orange Heresy” am 9. August bei Sky.
  • Uraltstars wie Mick Jagger und Donald Sutherland werden darin zu Kunstexperten.
  • Der Film hat das Potenzial zu einer filmischen Debatte über die Kunst, aber enttäuscht wegen der saftigen Altherrlichkeit der Hauptdarsteller, findet RND-Kritiker Jan Freitag.
Jan Freitag
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Die Kunst, Kunst über die Kunst zu machen, besteht unter anderem darin, sie nicht wie Kunst aussehen zu lassen, sondern sie einigermaßen natürlich darzustellen. Ein schwieriges Unterfangen. Das belegen missratene Filmbiografien, die Kunstschaffende von Pablo Picasso (Antonio Banderas) über Frida Kahlo (Salma Hayek) bis Jan Vermeer (Colin Firth) porträtiert haben. Vor allem aber zeigen es zahllose Kunstkrimis, an denen selbst Oscarpreisträger wie Danny Boyle gescheitert sind. Dem Kunst-über-Kunst-Film „The Burnt Orange Heresy” dagegen, der seine coronabedingt abgebrochene Kinosaison nun ab dem 9. August auf Sky fortsetzen darf, gelingt dieser Balanceakt zu Beginn eigentlich ganz gut.

Der Kunstkritiker James Figueras erklärt einer Gruppe italienischer Senioren das Wesen der Kunstkritik, indem er ihr ein selbstgemaltes Ölgemälde mit origineller, aber erfundener Geschichte versehen als Werk eines Künstlers mit KZ-Biografie verkauft. Kunst, so lernen wir in den ersten drei von 90 Minuten, ist neben aller Kreativität eben auch Inszenierung. Eine Erkenntnis, die Regisseur Giuseppe Capotondi noch dadurch verstärkt, dass er die Vorbereitung des Vortrags in Figueras modernem Appartement zwischen die Regale einer altmodischen Bibliothek schneidet. Kunst als Show, Show als Kunst – trotz saumäßiger Synchronisation startet „The Burnt Orange Heresy” durchaus verheißungsvoll.

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Film verfängt sich im Dickicht der Oberflächlichkeit

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Nach diesem Einstieg aber verfängt sich der erfahrene Videomacher Capotondi zusehends im Dickicht der Oberflächlichkeit, die Reflexionen über das Wesen der Kunst sind oft zu eigen. Im Publikum des charismatischen Mittfünfzigers – gespielt vom deutsch-dänischen Actionstar Claes Bang – sitzt nämlich die halb so alte Kunststudentin Berenice Hollis (Elizabeth Debicki), mit der er nach kurzem Austausch souveräner Schlagfertigkeiten exzellenten Sex hat und sodann zu einer Abenteuerreise aufbricht: Der legendäre Kunstsammler Cassidy hat den legendären Kunstkritiker Figueras auf seinen Landsitz bei Mailand eingeladen, um für ihn ein Bild des noch legendäreren Jerome Debney zu besorgen.

Der galt einst als Großtalent im Stile Mark Rothkos, von dem selbstredend etwas in Cassidys Wohnzimmer herumhängt. Dummerweise sind sämtliche Bilder des 84-Jährigen, der zufällig gerade auf Cassidys Hof residiert, einem Brand zum Opfer gefallen. Ein echter Debney wäre demnach das Prunkstück der opulenten Privatgalerie. Und Figueras soll es dem Maler abschwatzen. Doch da der des Malens müde ist, beginnt der Kunstfilm hier vom Kunstkrimi zum Kunstthriller zu werden – mit dem Potenzial zu einer filmischen Debatte über die Kunst und ihre Rezeption.

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Altherrengedeck wirkt antiquiert

Zu schade, dass Capotondi bislang eher für Autowerbung als Fernsehfiktionen verantwortlich war und sein Drehbuchautor Scott Smith mit 56 Jahren spürbare Sympathien für die gleichaltrige Hauptfigur hat. Dass ihr die blutjunge, stets Blümchenkleider tragende Schönheit Berenice verfällt, ist von einer rückständigen Saftigkeit, die nicht nur Feministinnen fassungslos machen sollte. Und das Altherrengedeck wirkt sogar noch antiquierter, weil es von zwei Greisen mit dem emanzipatorischen Flair einer frühen „Playboy”-Ausgabe verkörpert wird.

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Der Endlosrocker Mick Jagger verströmt als Cassidy zwar ähnlich wie Donald Sutherlands Debney eine Art verwitterungsstolze Flamboyanz, die an den wunderbaren John Malkovich erinnert. Doch so virtuos die zwei Uraltstars Richtung (überraschendes) Finale schlawinern, so schmierig bleibt ihre Virilität – und verdeckt damit, dass „The Burnt Orange Heresy” durchaus das Zeug hätte, aufschlussreich über den Wahrheitsgehalt kreativer Abstraktion zu diskutieren. Diese Kunst über die Kunst hingegen ist so wahrhaftig wie ein Sexpamphlet von Charles Bukowski. Nicht richtig schlecht, nicht wirklich gut, aber irgendwie unangenehm. Schade eigentlich.

„Burnt Orange Heresy” ist ab dem 9. August bei Sky streambar.

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