„Britt - Der Talk“ am Montag gestartet

Der tägliche Blick in das Leben der anderen: Braucht es ein Comeback des Daily-Talks?

Moderatorin Britt Hagedorn.

Moderatorin Britt Hagedorn.

Die Liste ist lang. Sie liest sich in Teilen wie ein Who is who der Fernsehbranche, einige Namen sind aber auch längst aus der kollektiven Erinnerung verschwunden: Britt Hagedorn, Hans Meiser, Ilona Christen, Arabella Kiesbauer, Bärbel Schäfer, Oliver Geissen, Jörg Pilawa, Jürgen Fliege, Sonja Zietlow, Vera Int-Veen, Andreas Türck, Ricky Harris, Franklin, Peter Imhof, Tobias Schlegl, Sabrina Staubitz, Birte Karalus, Johannes B. Kerner, Natasche Zuraw, Thomas Ohrner, Dieter Speck, Michael Lindenau, Nicole Noevers, und so weiter.

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Sie alle versuchten sich in den 90er- und 2000er-Jahren mehr oder weniger lange und erfolgreich als Gastgeber einer täglichen Talkshow. Das Genre „Daily Talk“ war einer der größten Hypes der TV-Geschichte, bis es vor knapp zehn Jahren wieder vom Bildschirm verschwand. Mit einigem Recht, wie damals mehrheitlich über das Aus geurteilt wurde. Nun droht, womit eigentlich keiner mehr gerechnet hat: ein großes Comeback. Aber warum? Und: Braucht es das?

Am Anfang war er einer der Pioniere des Privatfernsehens schlechthin. Mit seinem am 14. September 1992 gestarteten RTL-Nachmittagstalk brachte der heute 76-jährige Hans Meiser nach seiner eigenen bescheidenen Einschätzung erstmals ganz normale Menschen ins deutsche Fernsehen. Das eigentliche Vorbild des Daily Talks aber kam natürlich auch in diesem Fall aus den USA, wo die „Jerry Springer Show“ bereits ein Jahr vor „Hans Meiser“ aus dem Stand mächtig Staub aufgewirbelt hatte: Menschen wie du und ich auf der großen Bühne des Fernsehlebens - das hatte seinen Reiz, brachte das Studiopublikum zum Johlen und entpuppte sich als Quotenbringer erster Güte. Bis zu 40 Prozent Marktanteil generierte Meiser in den besten Zeiten. Ein Erfolg, der dem Wahnsinn Tür und Tor öffnete.

Fast zwei Jahrzehnte trug das Konzept - vorübergehend gab es 13 Nachmittags-Talks auf unterschiedlichen Sendern. Da blieben Auswüchse nicht aus. Hier boten schmierige Kerle ihre Frauen öffentlich zum Beischlaf an, dort gingen gehörnte Ehemänner ihren Widersachern an die Gurgel, gestandene Ehefrauen überraschten mit ungeahnten Geständnissen, diverse Vaterschaften wurden vor laufender Kamera in ein völlig neues Licht gerückt. Sexbeichten allenthalben. Nicht immer, aber immer öfter brüllten sich die Gäste an, brachen in Tränen aus und waren bisweilen nah an der Handgreiflichkeit. Emotionen pur - oder doch nur ein einzige Fake? - Das Publikum verlor da sukzessive den Überblick und das Vertrauen. Für eine Weile schien es noch egal zu sein: Die Sendungen liefen gut, und alles, was besonders ausuferte, wurde dem Publikum in Clip-Shows wie „talk, talk, talk“ (Pro Sieben) erneut vorgesetzt. Allmählich gerieten auch die besseren und authentischen Formate so irgendwann unter Generalverdacht, das Label „Krawalltalk“ zu bedienen.

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Britt Hagedorn als „letzte Mohikanerin“

Irgendwann konnte das Gequassel beim besten Willen keiner mehr ertragen - vermutlich nicht einmal mehr die leidgeprüften Redakteure und Moderatoren, die in einigen ihrer Sendungen bisweilen knietief in den Untiefen des menschlichen Daseins standen. Wer sollte das noch aushalten? Die Medienaufsicht jedenfalls nicht. Sie fuhr den Machern der Nachmittagstalks, die vor echten oder inszenierten privaten Schlammschlachten nur so strotzten, immer häufiger in die Parade.

Am Ende war es wie immer, wenn sich das Fernsehen seine besten Ideen totkopiert und die Erfolgswelle bis zum Gehtnichtmehr reitet: Es gab zu viel vom Gleichen, zu wenig Originalität und immer weniger Authentizität. Gerade Letzteres war ein großes Thema. „Das Lügenfernsehen“, hieß im Sommer 2011 eine Dokumentation des NDR für das „Panorama“-Magazin, die in der TV-Branche hohe Wellen schlug. Alles, was unter dem Verdacht stand, gescriptet, also nicht echt zu sein, war verpönt.

Den Werbekunden war das Ganze bald entweder zu schmuddelig oder nicht mehr quotenträchtig genug, am Ende traf beides zu. Die Daily Talks, die zwischenzeitlich mehrheitlich zu regelrechten Brüllorgien ausgeartet waren, hatten Ende der Nullerjahre fertig. Bis auf eine Ausnahme: Lange galt Britt Hagedorn als „letzte Mohikanerin“ im Genre der krawalligen Daily-Talks - doch im März 2013 wurde auch ihre Sat.1-Sendung „Britt - Der Talk um eins“ eingestellt. Seitdem war Funkstille - über einige wenige halbherzige, grandios gescheiterte Versuche, etwa mit Inka Bause (ZDF), Marco Schreyl (RTL) und Detlef Soost (RTL II), darf man getrost den Mantel des Schweigens legen.

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Britt Hagedorn: „Mehr geballte, echte Emotionalität gibt es nirgendwo“

Fast ein Jahrzehnt danach kommt es nun zu einem kaum für möglich gehaltenen Comeback: Britt Hagedorn und Sat.1 wollen es wieder wissen. Und die Branche wird genau hinschauen, ob „Britt - Der Talk“ funktioniert. Schließlich hat es so etwas wie einen Fernsehtrend seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr gegeben. Die 50-Jährige begrüßt ab Montag (24. Oktober) um 16 Uhr, täglich ihre Gäste zu Themen wie „Tattoosucht - du siehst aus wie Karneval!“, „Albtraum Botox - früher warst du schön!“ oder „Spätes Mutterglück - ist das dein Enkel?“ - Da tun sich natürlich Fragen auf. Vor allem die nach dem Warum! „Ich habe das im privaten Umfeld schon seit Jahren gesagt: Es bräuchte wieder einen Talk am Nachmittag“, erklärt Britt Hagedorn selbst. Die Frau, die immerhin über 2000 einschlägige Sendungen und 13 Jahre Erfahrung als Talk-Gastgeberin auf dem Buckel hat, ist immer ein Fan des eigenen Genres geblieben: „Für mich ist der Daily Talk die Mutter aller Reality-Fernsehsendungen. Mehr geballte, echte Emotionalität gibt es nirgendwo.“

Britt Hagedorn verspricht für den Neustart Authentizität. „Es wird bei mir niemals gescriptete Sendungen geben“, betont sie. „Die Gäste sind echt, und ihre Geschichten sind es auch.“ So sei das bei ihr auch früher schon gewesen: „Wir sind nie auf gescriptet umgeschwenkt. Darauf war ich immer stolz.“

Nun glaube sie fest an den Erfolg des Comebacks, sagt Hagedorn: „weil ich überzeugt bin, dass es in der Gesellschaft so etwas wie ein grundlegendes Talkbedürfnis gibt.“ Schon im Mittelalter hätten „sich die Leute zusammengefunden und Geschichten aus der Nachbarschaft erzählt“. Da gebe es „diesen kathartischen Ansatz, der auf die klassische Tragödie zurückgeht: Es wirkt befreiend, zu sehen, dass man nicht alleine mit seinen Herausforderungen ist.“ Dieses „Oh Mann, ich bin nicht alleine“ sei ein Reflex, lacht die Moderatorin. Ein anderer: „Guck mal, mir geht‘s gar nicht so schlecht, andere sind schlimmer dran.“ Natürlich sei da auch ein empathischer Ansatz: Wir fühlen gerne mit anderen mit. Also: „Der Bedarf ist da. Immer noch - vielleicht sogar mehr denn je!“

„82 Millionen potenzielle Geschichten“

Weil Philosophie allein noch keine Quoten macht: Es gibt handfeste Argumente für eine Wiederbelebung des so lange brachliegenden Genres. Die haben mit diesen unruhigen Zeiten zu tun: Energieknappheit, Krieg und Inflation, dazu die nach wie vor dräuenden Coronamaßnahmen. All das lässt Deutschland auf einen Krisen-Winter zusteuern. Ergo: „Die Menschen sehnen sich nach Ablenkung“, weiß auch Britt Hagedorn. „Unser Leben besteht glücklicherweise auch aus etwas anderem als Pandemie und Krieg. Der Alltag, unsere ganz normalen kleinen und großen Sorgen und Nöte - all das, was unser Leben ausmacht, das wird momentan zu wenig abgebildet.“ Eine Lücke, die ein gut gemachter Nachmittagstalk schließen könnte, findet die Moderatorin wohl nicht zu Unrecht, und sie fügt an: „Wer weiß, vielleicht schaffen wir es sogar, ein paar aus ihren Online-Blasen herauszuholen und wieder mehr Lust auf das reale Leben zu machen.“

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Ein hehrer Ansatz. Angesichts eines zunehmend radikaler werdenden Tons und immer raueren Sitten in den Sozialen Medien und längst auch auf der Straße wäre dies zweifellos notwendig. Aber soll nun ausgerechnet der Daily Talk, manchem als „Trash-Talk“ in Erinnerung, dazu beitragen, die verloren gegangene Streitkultur wiederherzustellen?

„Warum nicht“, antwortet Britt Hagedorn. Der Gesellschaft sei da in den vergangenen Jahren so viel verloren gegangen: „Häufig wird sich nicht mehr zugehört, es findet manchmal kein Austausch von Argumenten und Standpunkten statt, nur noch Schwarz oder Weiß. Wir wollen zeigen, dass ein Diskurs anders gehen kann. Ich möchte in meinem Talk die Wertschätzung als Credo implementieren, trotzdem darf aber jeder deutlich seine Meinung vertreten.“

Keine Frage: Das Fernsehen macht, gerade wenn es unterhalten will, immer noch Meinung, setzt Trends. Es beeinflusst immer noch ganz wesentlich Entwicklungen in Sprache, Mode und Lifestyle, und fraglos ersetzt es in manchem Haushalt weite Teile von Erziehung und sozialem Miteinander. Insofern könnte ein neuerlicher Nachmittags-Talk-Hype entweder alles nur noch schlimmer machen - wenn alles zur zugespitzten, überzogenen Lachnummer gerät, besetzt mit Gauklern, die, warum auch immer, unbedingt mal ins Fernsehen wollen. Oder aber tatsächlich helfen, den Fokus mancher Zeitgenossen, die sich ansonsten in den Kommentarspalten verlieren, neu auszurichten. Das wird jedoch nur funktionieren, wenn sich die Macher darauf besinnen, was zählt: Wahrhaftigkeit - echte Menschen mit echten Storys.

Einer, der fest an die Zukunft der Talks glaubt, ist auch Hans Meiser. „Ich weiß nur, dass man ran muss an die Menschen und gute Fragen stellen sollte“, dozierte der Pionier der Branche schon vor Jahren: „Es gibt 82 Millionen Deutsche, also 82 Millionen potenzielle Geschichten.“

RND/Teleschau

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