Britische Zeitung „The Sun“: Krawallblatt in der Krise

  • Die Corona-Pandemie und ein Abhörskandal machen der britischen Boulevardzeitung „The Sun“ zu schaffen.
  • Medienmogul Rupert Murdoch setzt den Bilanzwert der Zeitung jetzt auf null.
  • Verliert die Insel ein ebenso einflussreiches wie umstrittenes Sprachrohr?
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London. Sie ist nicht nur stolz darauf, von den einen überaus geliebt, von den anderen abgrundtief gehasst zu werden, als sei sie eine Person. Sie betont auch gerne den Umstand, stets auf der Seite der Sieger gestanden zu haben. Welche politische Seite die britische Boulevardzeitung „The Sun“ auch immer vor Wahlen oder einem Referendum wie jenem um die EU-Mitgliedschaft unterstützte, am Ende jubelte auch das Krawallblatt – und damit der Medienmogul Rupert Murdoch. Er kaufte vor 52 Jahren die unprofitable Gewerkschaftszeitung „Daily Herald“ und machte sie als „Sun“ zum Fundament seines Imperiums.

Titelseiten über Skandale und Sex, reißerische wie sensationsheischende Überschriften wie der legendäre Titel „Freddie Starr hat meinen Hamster gegessen“, der übliche Klatsch und Tratsch in großen Buchstaben sowie die Einführung des so umstrittenen wie berühmten Seite-drei-Mädchens, das erst vor wenigen Jahren abgeschafft wurde: Die „Sun“ war auf der Insel viele Jahre einflussreiches Sprachrohr, dessen Stimme von den Berühmten und Mächtigen gefürchtet wurde.

Nicht nur die Pandemie macht der „Sun“ zu schaffen

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Doch plötzlich soll eine der größten Boulevardzeitungen Europas nichts mehr wert sein, wie der „Guardian“ nun berichtet. Denn Murdoch setzte gerade erst den Bilanzwert der „Sun“-Zeitungen auf null. Die nächste Blamage für den 90-Jährigen, nachdem die „Daily Mail“ 2020 erstmals seit Jahrzehnten die „Sun“ bei den Auflagenzahlen überholt hatte.

Die dramatischen Verluste durch die Corona-Pandemie haben zu der Krise beigetragen. So brachen Anzeigenerlöse und Verkäufe weg, was das Ergebnis von gut 419 Millionen Pfund auf 324 Millionen Pfund drückte. Das entspricht einem Rückgang von 23 Prozent. Das Mutterhaus „News Group Newspapers“, dem die „Sun“ angehört, hat im vergangenen Geschäftsjahr, das im Juni 2020 endete, seinen Vorsteuerverlust auf mehr als 200 Millionen Pfund, umgerechnet über 230 Millionen Euro, verdreifacht.

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Doch dafür zeichnet keineswegs nur die Pandemie verantwortlich, sondern auch außergerichtliche Einigungen. Wie der „Guardian“ schreibt, machen in dem Geschäftsbericht mehr als 80 Prozent der Verluste und damit rund 164 Millionen Pfund Einmalzahlungen aus, die größtenteils im Zusammenhang mit einem Abhörskandal stehen, der zwar bereits 15 Jahre zurückliegt, aber das Skandalblatt zu Fall zu bringen droht. So werden in den Dokumenten angeblich allein 52 Millionen Pfund für Gebühren und Wiedergutmachungen an zivile Opfer aufgeführt.

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Hohe Kosten durch Entschädigungszahlungen

Zwar bestreitet Murdoch, dass die „Sun“ ebenfalls jene perfiden Praktiken angewandt hat, die offenbar beim Schwesternblatt der „Sun“, der „News of the World“, gang und gäbe waren. Jahrelang hatten Reporter der Sonntagszeitung die Telefongespräche von Schauspielern und Popstars, Fernsehberühmtheiten, Familienangehörigen gefallener Soldaten, Politikern, Sportlern und sogar Royals mitgeschnitten. Zu den Opfern zählten Prinz Harry und die halbe Königsfamilie, Hugh Grant, Paul McCartney, ein Ex-Minister. Ein Privatdetektiv im Auftrag der Zeitung hatte sogar die Handymobilbox eines Entführungsopfers gehackt.

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In einem der größten Medienprozesse in der Geschichte Großbritanniens landeten etliche verantwortliche Journalisten und Murdoch-Vertraute vor Gericht, die „News of the World“ wurde als Folge im Jahr 2011 eingestellt. Doch die Kosten gehen weiter. So bezahlte die News Group erst am Donnerstag vergangener Woche eine „beträchtliche Summe“ an den ehemaligen Parlamentsabgeordneten Simon Hughes, wie der „Guardian“ schreibt, um die Klage des Liberaldemokraten wegen Telefonhackings beizulegen. Der Politiker behauptete, Reporter hätten seine Sexualität öffentlich machen wollen und deshalb Telefonate illegal angezapft und abgehört. Damals erschien auf dem Titel des Blatts eine Geschichte, mit der die „NotW“ Hughes als homosexuell outete. Nach eigenen Angaben ist er bisexuell.

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Zu den Prominenten, die im vergangenen Jahr ihre Klagen gegen eine Zahlung zurückzogen, gehören Elton John und die Schauspielerin Elizabeth Hurley. „Das Unternehmen ist im gewöhnlichen Geschäftsverlauf Verleumdungsklagen ausgesetzt“ und verteidigt sich dagegen, hieß es vonseiten der „News Group“. Der Konzern bilde „Rückstellungen für die geschätzten Kosten zur Verteidigung gegen solche Ansprüche“ sowie „Rückstellungen für eventuelle Vergleichskosten, wenn ein solcher Ausgang als wahrscheinlich erachtet wird“.

Das klingt nach PR-Sprache. Denn in den Bilanzunterlagen geht man von weiter sinkenden Umsätzen für die nächsten Jahre aus – trotz Abbau von Personal und einer Senkung der Vertrieb- und Marketingkosten. Laut Einschätzung von Beobachtern scheint selbst Murdoch nicht mehr zu glauben, dass die „Sun“ je wieder profitabel wachsen werde. Es könnte das Ende einer Ära bedeuten und dürfte – wie üblich, wenn es um die „Sun“ geht – für gemischte Gefühle sorgen: große Freude bei den einen, bittere Enttäuschung bei den anderen.

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