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„Bringen Sie sich in Sicherheit!“ ARD-Reporter wird auf Querdenken-Demo beworfen und bricht Interview ab

  • Während einer Liveschalte in den Nachrichten von Tagesschau 24 ist SWR-Korrespondent Thorsten Denzel bedroht und beworfen worden.
  • Die Übertragung wurde daraufhin beendet.
  • Videos auf Twitter zeigen mehrere gewalttätige Überfälle auf Journalisten bei der Querdenken-Demo.
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Stuttgart. In einer aktuellen Ausgabe der „Tagesschau“ auf dem ARD-Spartensender Tagesschau 24 wurde SWR-Reporter Thorsten Denzel vor laufender Kamera bedroht. „Es werden hier Steine geworfen. Ich glaube, wir müssen die Liveschalte abbrechen“, sagte der Reporter in Richtung von Tagesschau-24-Moderator Michail Paweletz.

Der antwortete: „Dann brechen wir ab. Bringen Sie sich in Sicherheit, Herr Denzel, vielen Dank.“ Zu sehen ist das Gespräch in der um 17.22 Uhr ausgestrahlten Sendung. Ein Video aus einer anderen Perspektive zeigt, wie ein Gegenstand an dem Reporter vorbeifliegt. Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) kommentierte die Attacken auf Twitter: „Das hat mit Demonstrationsfreiheit nichts zu tun. Das ist ein feiger Angriff auf die Pressefreiheit!“

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Polizei ermittelt noch, welche Angriffe auf Journalisten es gab

Mitschnitte der Liveschalte werden seither dutzendfach in den sozialen Medien geteilt. „Bin fassungslos, dass die Polizei es zulässt, dass Journalisten die Berichterstattung abbrechen müssen, weil Steine geworfen werden und sie sich in Sicherheit bringen müssen“, schreibt Autorin Katharina Nocun auf Twitter.

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Die Polizei teilte am Abend mit, dass sie das Video prüfe. Eine Sprecherin sagte am Abend, die Beamten ermittelten noch, welche Angriffe es auf Medienvertreter gegeben habe.

Journalisten melden mehrere Übergriffe durch Querdenker

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In Stuttgart hatten sich am Samstag nach Angaben der Polizei mehr als 10.000 Menschen versammelt, um gegen Corona-Regeln zu demonstrieren. Sie waren einem Aufruf der Querdenker-Bewegung gefolgt. Erwartet worden seien auf dem Cannstatter Wasen 2500 Teilnehmer. Es gab gleich mehrere Fälle, in denen Journalisten während der Berichterstattung angegriffen wurden.

So wurden auf Twitter Videos verbreitet, in denen Demonstranten einem Fernsehteam mehrfach „Lügenpresse“, „Abschaum“, „Ihr seid Dreck“ und „Drecksschweine“ entgegenbrüllen. Zudem soll ein Demonstrant versucht haben, einen Journalisten aus Dortmund zu schlagen, was ein weiteres Video belegt.

Die Polizei teilte auf Twitter bereits mit, dass man den mutmaßlichen Täter identifiziert habe. Der angegriffene Journalist David Peters twitterte: „Mir gehts soweit gut. Danke für die Solidarität.“

Journalistenverband kritisiert „offensichtliche Untätigkeit“ der Polizei

Der Journalisten­verband DJV kritisierte auf Twitter: „Dieses Gewalt­potenzial ist alarmierend! Wo ist da die @PP_Stuttgart? Drohungen und Angriffe gegen Journalist*innen müssen konsequent geahndet werden. Die Polizei ist auch dazu da, die #Pressefreiheit zu schützen.“ Der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall erklärte, wieder einmal hätten die selbsternannten Querdenker keine Hemmungen, Berichterstatter als Ziel ihrer Wut anzugreifen. „Wütend macht mich die offensichtliche Untätigkeit der Polizeibeamten, die nichts für den Schutz unserer Kolleginnen und Kollegen unternehmen.“

Der Verband wolle wissen, warum Journalisten nicht ausreichend geschützt würden. „Was muss eigentlich noch passieren, bis die Sicherheitskräfte erkennen, dass Journalistinnen und Journalisten in Deutschland nicht mehr frei berichten können?“

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Im Zuge der Querdenken-Demo in Stuttgart wurde die Polizei vor allem auf Twitter scharf kritisiert. So machten Bilder die Runde, wie ein Polizist einen Querdenken-Ordner per Handschlag begrüßte. Die Polizei Stuttgart twitterte hierzu. dass ein Versammlungs­teilnehmer „nach einem Gespräch dessen Hand“ ergriffen habel und „in die Höhe streckte“. Zudem sei die Polizei nicht hart genug gegen die Demonstranten, weitestgehend ohne Schutzmaske unterwegs und damit gegen Corona-Auflagen verstoßend, vorgegangen, heißt es weiter.

Kritik aus dem baden-württembergischen Gesundheitsministerium

Zahlreiche Menschen kritisierten, dass mitten in der dritten Welle der Corona-Pandemie überhaupt eine Demonstration mit mehr als 10.000 Menschen stattfinden durfte. Uwe Lahl vom baden-württembergischen Gesundheitsministerium etwa sagte: „Ich verstehe nicht, dass die Stadt sich sehenden Auges in diese Situation manövriert hat.“

Sowohl schriftlich als auch in einem persönlichen Telefonat habe er dem Stuttgarter Ordnungsbürgermeister Clemens Maier die Möglichkeiten aufgezeigt, die die Corona-Verordnung des Landes für ein Verbot von Großdemonstrationen hergebe, sagte der Ministerialdirektor am Samstag.

Die Stadt habe sich dann gegen ein Verbot entschieden. „Das war aus infektiologischer Sicht in dieser Phase der Pandemie falsch“, sagte Lahl. Wie solle man der Bevölkerung erklären, dass sich an den Osterfeiertagen nur fünf Menschen aus zwei Haushalten treffen dürften, während Tausende Demonstranten ohne Maske und ohne Mindestabstand durch die Stadt zögen. „Das Demonstrationsrecht ist ein hohes Gut, aber in einer Pandemie gibt es auch dafür Grenzen“, sagte Lahl.

Stuttgarts Bürgermeister spricht von „Tausenden Ordnungswidrigkeiten“

Der Sprecher der Stadt Stuttgart, Sven Matis, erklärte, man habe sich an die geltende Corona-Verordnung des Landes gehalten, die das Grundrecht auf Versammlungen nicht wegen der Pandemie einschränke. „Das war unser Gradmesser“, so Matis. „Wir haben intensiv über den Umgang mit den angemeldeten Kundgebungen gerungen, uns dann - um auf sicheren Grund zu stehen - an der Landesverordnung orientiert.“

Bürgermeister Maier zufolge gab es Tausende Ordnungswidrigkeiten. Alle, die ohne Maske und ohne Abstand auf den Kundgebungen durch die Stadt zogen, müssten mit Anzeigen rechnen. Man werde sich auch mit der Landesregierung beraten, inwieweit die Corona-Verordnung nach den Erfahrungen in Sachen Versammlungen angepasst werde.

RND/msk/pach/dpa

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