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“Breaking Bad News”: Corona bricht (fast) den Rekord für Eilmeldungen der Deutschen Presse-Agentur

  • Die Coronakrise hält die Welt in Atem – das gilt auch für die Medien.
  • Die Zahl der Eilmeldungen der Deutschen Presse-Agentur erreichte im Monat März den zweithöchsten Wert ihrer Geschichte.
  • Information ist wichtig wie nie. Aber das aktuelle Push-Gewitter birgt auch Gefahren.
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Hannover. Mit dem Nachrichtengeschäft ist es wie mit dem Wetter: Es gab mal, irgendwann früher, diese ruhigen, windstillen Tage, in denen sich die Welt in planbarer Routine erging (Bundesliga, FDP-Parteitag, Wahlen in Ägypten). Es gibt die kräftigen Brisen, die bei Journalisten den Puls leicht erhöhen und die Tagesagenda über den Haufen werfen (Rücktritte, Erdbeben, Flugzeugabstürze). Und es gibt Corona. Diesen wochenlangen, weltweiten Nachrichtenwirbelsturm mit medialen Windgeschwindigkeiten in Rekordhöhe, ein beispielloses Gewitter von “Breaking News” – oder präziser: “Breaking Bad News”.

Journalisten nennen es eine “Lage”, wenn sich die Nachrichten zu einem bestimmten Überthema dicht drängen. Eine solche Lage wie jetzt aber haben sie alle noch nicht erlebt. Dass fast der gesamte Planet über Wochen und Monate wirklich nur noch ein Thema kennt, in allen Ressorts von Politik, Sport, Gesellschaft und Medien bis Kultur – das ist einzigartig. Das gab es nicht nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl, nicht nach den Anschlägen vom 11. September 2001 und nicht einmal in den wilden Wochen nach dem Mauerfall. Der Grund ist schnell gefunden: Diese Menschheitskrise betrifft wirklich alle.

Im März verschickte dpa 241 Eilmeldungen

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Das Gefühl, als Berichterstatter Zeitzeuge von etwas Unvergleichlichem zu sein, belegen nun auch Zahlen: Die Deutsche Presse-Agentur hat im März dieses Jahres in ihrem Basisdienst 241 Eilmeldungen gesendet. Das waren fast doppelt so viele wie im März vergangenen Jahres (124). Rund zwei Drittel der aktuellen Eilmeldungen hatten mit der Corona-Krise zu tun. “Das ist die zweithöchste Zahl an Eilmeldungen in einem März seit Beginn der elektronischen Erfassung von dpa-Meldungen im Jahr 1983”, sagt Nachrichtenchef Froben Homburger. Nur im März 2011 habe es noch mehr Meldungen dieser Art gegeben – nämlich 270. Hauptgrund war damals die Reaktor-Katastrophe von Fukushima am 11. März 2011.

Plastiktüte gegen Viren: Ein Fernsehjournalist des Hessischen Rundfunks hält bei einer Reportage über die Corona-Auswirkungen im öffentlichen Leben ein Mikrofon in der Hand. © Quelle: Frank Rumpenhorst/dpa

Aber: “Bemerkenswert ist dieser zweite Platz in der dpa-Historie auch deshalb, weil wir uns vor einigen Jahren strengere Regeln im Umgang mit Eilmeldungen gegeben haben”, erklärt Homburger. So sende die dpa solche kurzen, höchstens drei Sätze langen Spot-Eilmeldungen seit einigen Jahren wirklich nur noch zu herausragenden Ereignissen oder neuen Entwicklungen innerhalb einer Top-Lage – und nicht mehr wie früher zusätzlich auch die etwas längeren Überblicke oder gar einzelne Zusammenfassungen.

Rund 60 “Blitze” hat die dpa in ihrer Geschichte verschickt

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“Eilmeldungen” (Priorität 2) sind bei der dpa die zweithöchste Kategorie für “Breaking News”. Die höchste sind “Blitzmeldungen” (Priorität 1). Sie betreffen meist singuläre, bedeutende Weltereignisse. Rund 60 “Blitze” hat die dpa in ihrer fast 71-jährigen Geschichte verschickt. Mit der Vergabe dieser Priorität war die Agentur in ihrer Frühzeit großzügiger als heute, sagt Homburger. So informierte sie 1952 auch über die Wahl der stellvertretenden DGB-Vorsitzenden Matthias Föcher und Georg Johannes Reuter als “Blitz” - und meldete auch den Tod des evangelischen Landesbischofs von Württemberg unter “Priorität 1”.

Seit der deutschen Wiedervereinigung - die übrigens unter dem heute nicht mehr genutzten Label “EIL EIL” vermeldet wurde - hat die dpa erst 26 “Blitzmeldungen” verschickt. Corona gehört nicht in diese Kategorie, weil die Pandemie sich schleichend entwickelte und kein einzelnes Großereignis die Krise ausgelöst hat. Hier ein Auszug aus bisherigen Blitzmeldungen der Deutschen-Presse-Agentur:

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  • 19. Oktober 1951: “Truman unterzeichnet Entschließung zur Kriegsbeendigung mit Deutschland”
  • 20. August 1952: “Kurt Schumacher gestorben”
  • 4. Juli 1954: “Deutschland Fußballweltmeister durch 3:2-Sieg über Ungarn”
  • 22. November 1963: “Kennedy tot”
  • 19. April 1967: “Adenauer gestorben”
  • 20. Juli 1969: “Apollo 11 Fähre auf Mond gelandet”
  • 27. April 1972: “Amtlich: Brandt bleibt Kanzler – keine absolute Mehrheit für Barzel”
  • 9. August 1974: “US-Präsident Richard Nixon erklärt Rücktritt”
  • 24. April 1975: “Botschaft (Stockholm) gesprengt”
  • 18. Oktober 1977: “GSG 9 befreite Geiseln”
  • 19. Oktober 1977: “Schleyer tot aufgefunden”
  • 29. September 1978: “Papst Johannes Paul I. ist gestorben”
  • 6. Oktober 1981: “Ägyptischer Staatspräsident Sadat bei Attentat getötet”
  • 1. Oktober 1982: "Helmut Kohl ist neuer Bundeskanzler. Helmut Schmidt über konstruktives Misstrauensvotum gestürzt“
  • 18. August 1988: “Das Geiseldrama ist beendet, erklärt die Polizei”
  • 24. Februar 1991: “US-Präsident Bush: Ich habe die Offensive in Kuwait angeordnet”
  • 20. Juni 1991: “Der Bundestag hat sich für Berlin als Parlaments- und Regierungssitz entschieden”
  • 4. Oktober 1993: “Die Aufständischen im Weißen Haus ergeben sich den Jelzin-treuen Truppen”
  • 4. November 1995: “Der israelische Ministerpräsident Izchak Rabin ist tot”
  • 2. April 2005: “Der Papst ist tot”
  • 19. April 2005: “Ratzinger zum Papst gewählt”
  • 9. Oktober 2009: „Friedensnobelpreis 2009 geht an Barack Obama“
  • 31. Mai 2010: “Köhler erklärt Rücktritt”
  • 17. Februar 2012: “Bundespräsident Wulff tritt zurück”
  • 11. Februar 2013: “Papst Benedikt XVI. gibt Pontifikat am 28. Februar auf”.
  • 9. November 2016: „AP: Donald Trump zum 45. US-Präsidenten gewählt“

Das Eilmeldungsgewitter der Deutschen Presse-Agentur zu Corona ist nicht das einzige statistische Indiz für den gegenwärtigen medialen Ausnahmezustand. “Das ZDF ist in diesen Tagen eigentlich eine einzige Erfolgsstory”, schreibt auch Programmdirektor Norbert Himmler. Die Quoten brächen Rekorde. Und auch die “Tagesschau” kommt statt auf acht bis zehn in diesen Wochen auf bis zu 17 Millionen Zuschauer. Manches Handy klingt dieser Tage dank all der Push-Meldungen wie die Murmeln auf einem Murmelbahntreppchen: Pingpingpingping....!

„Ich wollte die Nachrichten verfolgen, jetzt verfolgen sie mich“

Das aktuelle Nachrichtenfeuerwerk hat zwei Seiten. Eine schnell informierte Gesellschaft ist die Basis jeder Demokratie – und Voraussetzung für eine wirkungsvolle Eindämmung des Virus. Denn: “Menschen brauchen sauberes Wasser zum Überleben, und Demokratien brauchen saubere Informationen”, sagt der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Eine einzige Ausgabe einer Tageszeitung enthält heute mehr Informationen, als ein Mensch im 17. Jahrhundert in seinem ganzen Leben erhielt. Aber: Viele Menschen eint in diesen Wochen auch ein diffuses Überforderungsgefühl, nicht wenige schalten angesichts der schieren Masse an Informationen innerlich auf Autopilot.

“Ich wollte die Nachrichten verfolgen”, schrieb einst der Heidelberger Lyriker Bruno Ziegler – “jetzt verfolgen sie mich.” Das war schon vor Corona ein Problem in der modernen Medienwelt. Was nicht in Zehntelsekunden auf Interesse stößt, wird gern ignoriert. Was substanziell, aber reizarm ist, wird aussortiert. Das führt zu einer Simplifizierung der Welt, einer Aufsplittung großer Zusammenhänge in disparate, leicht konsumierbare, grell ausgeleuchtete Einzelfacetten. Die Welt ist aber keine Push-Meldung. Push-Meldungen allein wirken auf Dauer wie Zucker. Sie sind nur der Einstieg in ein Thema.

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Studie: Sechs von zehn Menschen lasen nur die Überschrift

“Wer bei seiner geistigen Nahrung nur Fettgedrucktes zu sich nimmt, lebt ungesund, denn Schlagzeilen wirken wie Schlagsahne”, sagt der Kölner Immunbiologe Gerhard Uhlenbruck. Eine Studie hat gezeigt, dass 59 Prozent aller bei Facebook oder Twitter verlinkten Inhalte gar nicht angeklickt werden. Die meisten im Netz verschickten Storys werden nicht gelesen. Weder vom Absender noch vom Empfänger. Von niemandem. Sechs von zehn Menschen lesen höchstens die Überschrift. “Menschen sind eher dazu bereit, einen Artikel zu teilen, als ihn zu lesen”, sagt Arnaud Legout, Mitautor der Studie. “Das ist typisch für moderne Medienkonsumenten: Sie bilden sich eine Meinung auf der Basis einer Kurzzusammenfassung, ohne in die Tiefe zu gehen.” Die satirische Website “Science Post” hat mal einen sinnlosen Fülltext (“Lore ipsum ...”) veröffentlicht (Überschrift: “70 Prozent der Facebook-User lesen nur die Überschrift, bevor sie kommentieren”). 46 000 Menschen teilten den Beitrag unbesehen.

Lesen viele Menschen nur noch Eilmeldungen? Solch eine punktuelle Dauerstimulation hat ganz reale körperliche und seelische Folgen. Sie führt zu einer subtilen Erhöhung des Stresslevels. Bei Stress und Angst schüttet der Körper das Hormon Cortisol aus. Diese evolutionäre Überlebensfunktion versorgt uns bei Gefahr kurzfristig mit Energie und Sinnesschärfe. Hält der Zustand aber länger an, kann er die Erneuerung der 100 Milliarden Nervenzellen im Gehirn behindern. Der Hippocampus wird geschädigt – ausgerechnet das Hirnareal, das Stress im Zaum hält. Ein Teufelskreis.

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Die Eilmeldung hat ihren Wert – ersetzt aber keine Debatte

Außerdem vergrößert Stress die Amygdala. Diese Hirnregion hilft uns, Situationen korrekt einzuschätzen. Bei chronischer nervlicher Anspannung verästeln sich bestimmte Amygdala-Zellen stärker und sorgen dafür, dass Menschen mit Angst und Schrecken überreagieren. Ihnen erscheint plötzlich alles Mögliche als gefährlich und bedrohlich, was rational betrachtet harmlos ist. Sicher ist: Corona ist nicht harmlos. Aber Angst macht noch mehr Angst.

Die Eilmeldung hat in diesen Zeiten ihren Wert. Sie informiert im besten Fall schnell und präzise. Aber sie darf eine gründliche Beleuchtung eines Themas nicht ersetzen. Heribert Prantl etwa, Kolumnist der “Süddeutschen Zeitung”, vermisst eine umfassende Debatte über all die Maßnahmen, mit denen die Bundesregierung das Virus einzudämmen versucht. “Es geht nicht nur um Informationen im Journalismus”, sagte er im NDR, “es geht auch um Debatten, und die beginnen gerade erst.”

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