Borowski im Märchenwald: Kieler „Tatort“ wird zum Problemfall

  • Der Kieler „Tatort: Borowski und das Haus am Meer“ (Sonntag, 15. Dezember) vermischt Wirklichkeit und Fiktion.
  • Das passt so gar nicht zu Kommissar Borowski, der in diesem Film kaum etwas mit dem Fall zu tun hat.
  • Der Kieler Krimi wirkt plötzlich wie ein Problemfall.
Lars Grote
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Kiel. Der Kieler „Tatort“ streut jetzt immer wieder Monster und Gespenster in die Folgen, man muss das nicht als Nachteil sehen, sondern könnte sagen: Das ist bei „Game of Thrones“ ja auch nicht anders, die haben damit einen überragenden Erfolg. Nun gibt es aber Klaus Borowski in den Kieler Krimis, einen Kommissar, den man fast überall platzieren kann, in einer Kneipe, einem Hörsaal, sogar in einem Swingerclub, nur eben nicht in einem Märchenwald, wie es die Kieler jetzt probieren.

Borowski ist ein Kommissar, der nicht ermittelt, sondern murmelt, er interessiert sich deutlich mehr für seine jungen, geistig wendigen Kolleginnen als für die Toten, deren Mörder er ermitteln soll. Die Konturen dieses Manns sind schwammig, er muss hinein in eine klar gezeichnete Realität, sonst löst er sich allmählich auf. Doch in der neuen Folge „Borowski und das Haus am Meer“ (Buch und Regie: Niki Stein) verschwimmt die Silhouette des Ermittlers irgendwann so stark, dass selbst der stämmige Schauspieler Axel Milberg der Figur bald nur noch nachwinkt. Und sich von ihr verabschiedet.

Der Teufel hält Einzug

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Zu Beginn des Filmes steht das Meer, ein Kreuz steckt im Strand und eine Arche dümpelt. Das ist romantisch arrangiert, als stamme die Idee vom Maler Caspar David Friedrich. Doch schnell hält hier der Teufel Einzug, ohne uns zu sagen, wer genau der Teufel ist. Vielleicht Johann (Martin Lindow), der als Pfarrer in einer kleinen Kirche predigt und sich in seinem Ton mitunter in das Alte Testament verirrt, das bei ihm bitter, gallig und erbost über die Menschen kommt? Oder ist es eher sein Vater Heinrich (Reiner Schöne), ein unverschämter, kranker alter Mann, der schmierig seine Schwiegertochter angräbt?

Wie hinter Nebel zeigt sich die Geschichte, es ist unklar, wo der Traum beginnt und die Wirklichkeit zu Ende geht. Ein kleiner Junge rennt Borowski vor den Volvo, es ist Simon (Anton Peltier), Johanns Sohn. Er spricht von einem Hund und einem Indianer, die er im Wald gesehen hat. Als sein Opa Heinrich tot am Strand gefunden wird, ermordet, haben Argumente ausgedient, es geht jetzt stramm in Richtung Mythos, Fantasy und Übersinnlichkeit. Das Drehbuch nimmt sich alle Freiheit, die Logik über Bord zu werfen. Das macht den Film nicht besser – er zeichnet Skizzen, die Atmosphäre schaffen, und nimmt dann eine Nadel, um hineinzustechen. Diese Seifenblasenhaftigkeit lädt dazu ein, gedanklich auszusteigen.

Die Esoterik der Bilder soll auf den Kern des Übels zielen. Heinrichs Vater war ein hoher Nazi, nach dem Krieg will Heinrich alles wieder in Balance bringen: Als tue er Buße, hat er in Dänemark eine linke, reformpädagogische Schule gegründet – die sich jedoch zu einer Sekte auswuchs, mit Zug zur Diktatur und Hang zum sexuellen Missbrauch. Bald wurde sie verboten. Die Gründer der Schule ziehen auf ein kleines Schiff, die „Arken“, dänisch für Arche, weiterhin herrscht hier ein Geist von Radikalität.

Borowski hat nicht viel zu tun mit diesem Fall

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Borowski hat nicht viel zu tun mit diesem Fall, den Volvo fährt er lustlos – lieber würde er wohl eine Kiste Wein im Kofferraum nach Hause bringen, als die wilden Eindrücke des kleinen Simon säuberlich in Märchen und verwertbare Indizien zu sortieren. Die Arbeit mit dem Kind ist in der aktuellen Folge Frauensache, Borowskis Kollegin Mila Sahin hört dem Jungen zu, doch Almila Bagriacik spielt die Rolle nicht mit jener Verve, die ihre Vorgängerinnen Sibel Kekilli und Maren Eggert ausgezeichnet hat. Es fehlt die Reibung zwischen Kommissar und weiblicher Kollegin. Schauspielerisch wird Bagriacik und Milberg wenig abverlangt, der Fokus liegt in dieser Folge auf Kulissenbau und Szenerie.

Es gab mal eine Zeit in Kiel, da hat Sascha Arango die Drehbücher geschrieben, der ein Literat und Menschenkenner ist. Auch legendäre Folgen mit Lars Eidinger als Transvestit sind in Erinnerung, nur ein paar Jahre her. Das waren Glanzlichter, die jeden Standort der „Tatort“-Reihe überstrahlten. Plötzlich aber wirkt der Kieler Krimi wie ein Problemfall.


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