Böhmermann mit „türkiser Shitshow“ gegen Österreichs Kanzler Kurz

  • In der letzten Sendung „ZDF Magazin Royale“ vor der Sommerpause beschäftigt sich Jan Böhmermann mit Österreichs Regierung.
  • Er legt etwa Verfehlungen und Netzwerke von Bundeskanzler Sebastian Kurz offen.
  • Mit der Sendung offenbart Böhmermann einen Sumpf aus Vorteilsnahmen, dubiosen Kontakten und Drohungen.
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Köln/Hannover. Über Tage hatten Jan Böhmermann und sein Team in den sozialen Medien Hinweise auf die neueste Ausgabe des „ZDF Magazin Royale“ gestreut – und deuteten an, dass es in der letzten Sendung vor der Sommerpause um Österreichs Regierungspartei ÖVP gehen wird. So kam es am Freitagabend dann auch. Böhmermann kündigte eine monothematische „türkise Shitshow“ an. Die Sendung ist seit 20 Uhr in der ZDF-Mediathek abrufbar, um 23 Uhr wird sie im ZDF ausgestrahlt.

Böhmermann zeichnet dabei die Widersprüche von Kurz nach, zwischen volksnah und abgehoben. Er beruft sich dabei aber weitestgehend auf bereits bekannte Fakten und Berichte, etwa die Ibiza-Affäre. Eigene Recherchen finden sich hingegen fast nicht. Dennoch: Böhmermann offenbart in 30 Minuten den Machtanspruch von Kurz auf allen Ebenen – der Moderator spricht vom „Autokraten DIY Tutorial“, bei dem „echte Veränderungen“ in Regierung, Medien, Parlament und Justiz erfolgten.

Sebastian Kurz erhielt als Retter der ÖVP viel Macht

Kurz habe Vertraute und Quereinsteiger statt erfahrene Politiker in sein Umfeld geholt – Menschen also, die keine Erfahrung hatten, dafür aber „kanzlerloyal“ gewesen seien. Politische Posten und Aufgaben soll er via Chatnachrichten verteilt haben.

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Kurz änderte als erste Amtshandlung die Farbe der ÖVP von Schwarz zu Türkis und soll von der Partei die gesamte Macht gefordert haben – sonst, so die Drohung, würde er gehen. Die ÖVP hingegen war auf Kurz angewiesen – immerhin lag die Partei am Boden, als Kurz als Hoffnungsträger auftauchte.

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Auch das Verhältnis der Medien zu Sebastian Kurz spielte eine große Rolle in Böhmermanns Sendung. Der Politiker umschwärmte Journalisten, unter anderem traf er sich mit „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt abends und ließ seine Biografie von „Bild“-Vizechefredakteur Paul Ronzheimer schreiben. Im ORF hingegen wurden satirische Beiträge über Kurz, die angekündigt waren, doch nicht mehr ausgestrahlt.

Sebastian Kurz und seine Kontakte zum Immobilienmogul René Benko

Danach ging es um Kurz und seinen Kumpel René Benko, einen Immobilienmogul aus Tirol. Aufnahmen zeigen den Kurz-Vertrauten in Russland. Zudem soll Österreichs Kanzler, als Benko eine bestimmte Immobilie, das Kita-Leiner-Haus in Wien, kaufen wollte, dafür gesorgt haben, dass das Gebäude für 60 statt 90 Millionen Euro an Benko gegeben wurde. Dafür soll Kurz Beamte aus dem Weihnachtsurlaub geholt haben und das Bezirksgericht aufsperren lassen haben.

Benko kaufte sich sowohl bei „Krone“ als auch „Kurier“ ein und – wie Böhmermann sagt – „lebt HC Straches Ibiza-Traum“. Das bleibt mehr oder minder die einzige Spitze im Bezug auf die Ibiza-Affäre, bei der Ex-Vizekanzler Heinz-Christian Strache, der sich gerne mit Holocaustleugnern umgibt und – juristisch festgestellt – Ex-Neonazi genannt werden darf, darüber sprach, die „Kronen Zeitung“ zu übernehmen und Journalisten auszutauschen.

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Sebastian Kurz leiht sich Privatjet von ukrainischem Oligarchen

Benko versuchte über seine neu gewonnene Medienmacht offenbar, unliebsame Berichte zu unterbinden. So wollte er Medien verbieten, über seine Verurteilung im Falle der Bestechung des kroatischen Premierministers Ivo Sanader zu berichten. Der Immobilienmogul soll Sanader 150.000 Euro geboten haben, um ein Gerichtsverfahren zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Aber mit diesen Strategien scheint Benko nicht der Einzige zu sein. Helmut Brandstätter, ehemaliger „Kurier“-Verleger und „Kurier“-Chefredakteur, erzählte, dass Kurz verlangt habe, dass im „Kurier“ nach seinen Wünschen geschrieben werden solle – und auch andere Personen an die Spitze rücken sollten.

Während sich Kurz vor Medien und Volk gerne als volksnah gibt, in der Holzklasse fliegt und Seniorenheime besucht, berichtet Böhmermann davon, dass sich Kurz einen Privatjet des ukrainischen Oligarchen Dmitrij Firtasch lieh – einem Mann, der mit internationalem Strafbefehl gesucht wird. Die USA fordern wegen Bestechungsvorwürfen die Auslieferung von Firtasch.

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Politiker unter Korruptionsverdacht leitet eigenen Untersuchungsausschuss

Auch weitere fragwürdige Methoden offenbart Böhmermann. So sollen die Kirchen 2019 die Asylpolitik von Kurz kritisiert haben. Daraufhin habe er der Bischofskonferenz mit dem Verlust der Steuerprivilegien und Förderungen gedroht. Journalisten, die über Korruptionsvorwürfe in Bezug auf den Spielbetreiber Novomatic berichteten, der ÖVP-nahe Vereine gesponsert haben soll, hatten einen Grabkranz auf dem Mofa oder keine Sicherungen mehr im Sicherungskasten.

Novomatic soll unter anderem auch dem Parlamentspräsidenten Wolfgang Sobotka Geld gegeben haben – dieser leitet den Untersuchungsausschuss in der Angelegenheit. Als er dort bezüglich Kontakten zu Ex-Wirecard-Chef Jan Marsalek log und aufflog, forderte Sobotka die Abschaffung der Wahrheitspflicht im Untersuchungsausschuss.

Im letzten Teil der Sendung ging es schließlich um Finanzminister Gernot Blümel. Böhmermann hatte dem Politiker bereits vor der Ausstrahlung einen Rücktritt nahegelegt, weshalb mit Enthüllungen gerechnet wurde. Böhmermann hielt sich aber auch hier an bereits bekannte Zusammenhänge. Als Blümel im Zuge des Korruptionsverdachts im Ibiza-Untersuchungsausschuss aussagen sollte, gab er an, sich nicht erinnern zu können, ob er einen Dienstlaptop habe. Während die Behörden seine Wohnung durchsuchten, war seine Frau allerdings mit dem Laptop im Kinderwagen spazieren. Zudem wurden mehrere Datenträger vernichtet – der Vorfall wurde als „Schredder-Affäre“ bekannt.

Böhmermann spricht von 300.000 „türkisen Chatnachrichten“

Die letzte Sendung von Böhmermann ging ohne große eigene Enthüllungen zu Ende. Dennoch deutete der Moderator an, dass er noch Informationen zurückhält. Er bedankte sich für 300.000 „türkise Chatnachrichten, von denen wir erst einen Bruchteil ausgewertet haben“ – die Auswertung habe aber viel Spaß bereitet.

RND/msk

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