Bob Woodward: Der legendäre Reporter, der Trump gefährlich werden könnte

  • Seine Recherchen brachten 1973 US-Präsident Richard Nixon zu Fall, 1974 folgte sein Rücktritt. Nun könnte der legendäre Reporter Bob Woodward Donald Trump gefährlich werden.
  • Der 77-jährige Watergate-Enthüller gilt als unbestechlicher Chronist der US-Politik.
  • Wer ist der Mann, der Trumps Corona-Lüge auf Band hat? Ein Porträt.
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Es war nur ein kleiner Satz für einen Menschen, aber ein ziemlich großer Satz für den Journalismus: “Wir stehen zu unserer Story”, sagte Ben Bradlee, Chefredakteur der “Washington Post”, als im Herbst 1972 die Wogen der Kritik über seinem Blatt zusammenschlugen.

Was seine beiden Reporter Bob Woodward und Carl Bernstein da Tag für Tag ans Licht holten, wollte niemand glauben. Keine Zeitung druckte die Geschichte nach, und lange sah es so aus, als würde die Watergate-Affäre im Sande verlaufen, noch bevor sie diesen Namen trug.

Das Originalbild: Bob Woodward (r.) und Carl Bernstein Anfang der Siebzigerjahre im Newsroom der "Washington Post". © Quelle: picture alliance/AP Photo
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Doch es kam anders. Mit ihrer berühmten Titelgeschichte vom 10. Oktober 1972 gelang es dem Duo – von Bradlee “Woodstein” getauft – doch noch, einen Zusammenhang zwischen den fünf Einbrechern im Hauptquartier der Demokratischen Partei und den engsten Beraterkreisen um Richard Nixon herzustellen. Ein Coup. Der bisher größte der Pressegeschichte.

Die magische Kraft harter Fakten

“Watergate” wurde zum Synonym für die Macht der vierten Gewalt und für die magische Kraft harter Fakten – und machte Woodward und Bernstein zu den berühmtesten Reportern ihrer Zeit. Ein Hollywoodfilm (“Die Unbestechlichen”), zwei eigene Bestseller (“All the president’s men” und “The final days”) sowie zahllose weitere Bücher erzählen davon, wie die beiden Jungstars der “Post” zum Sturz von US-Präsident Richard Nixon beitrugen.

Damals, als sich das amerikanische Volk noch davon beeindrucken ließ, dass ein Präsident seine Glaubwürdigkeit verspielte.

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Die Hollywoodversion: Dustin Hoffman (l.) und Robert Redford als Carl Bernstein und Bob Woodward in Alan Pakulas Film "Die Unbestechlichen" von 1976. © Quelle: picture alliance / United Archiv

Damals, als ein paar Lügen reichten, um die Karriere von “Tricky Dick” zu beenden, während der aktuelle US-Präsident in seiner ersten Amtszeit nicht weniger als 20.000 Mal die Unwahrheit sagte oder die Fakten verzerrte, ohne dass seine loyale Anhängerschaft daran Anstoß nimmt.

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Der Watergate-Skandal elektrisierte die USA – zuletzt mit der Enttarnung von Woodwards mysteriöser Quelle “Deep Throat” durch das Glamourmagazin “Vanity Fair” im Mai 2005: Mark Felt, damals Vizechef des FBI, war der geheimnisvolle Zuträger in der Tiefgarage. Höchstwahrscheinlich. Oder doch nicht? Das Spiel ist einfach zu schön.

Fünf Hollywoodstars spielten bereits Woodward

Wer also ist Bob Woodward, der Mann, dessen hartnäckiger Recherchestil nun Trump gefährlich werden könnte? Wer ist dieser legendäre Reporter, der im Kino bereits von fünf Stars gespielt wurde: Robert Redford (1976), J. T. Walsh (1989), Will Ferrell (1999), Julian Morris (2017) und Spencer Garrett (2018)?

Genießt das Vertrauen der Mächtigen: Reporter Bob Woodward 2017 in der Lobby des Trump Towers in New York. © Quelle: picture alliance / abaca
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Robert Upshur Woodward, geboren am 26. März 1943 in Geneva im US-Bundesstaat Illinois, studierte in Yale, diente dann fünf Jahre bei der Navy und bewarb sich als Reporter bei der “Washington Post”. Legendär ist, wie ihn der damalige Lokalchef Harry M. Rosenfeld probehalber zwei Wochen über einen Gerichtsprozess schreiben ließ – und ihm dann aber die Festanstellung verweigerte, wegen seines "Mangels an journalistischer Erfahrung”.

18 Interviews, die Trump zum Verhängnis werden könnten

Ein Jahr arbeitete Woodward quasi auf Bewährung für den “Montgomery Sentinel” – ein Wochenblatt aus demselben Verlag, das im Januar dieses Jahres zum Opfer der Zeitungskrise wurde und sein Erscheinen nach 165 Jahren eingestellt hat. 1971 schließlich heuerte die “Post” Woodward doch noch als Reporter an. Ein Jahr später ging die erste Meldung über einen Einbruch bei den US-Demokraten über den Ticker. Der Rest ist Mediengeschichte.

Nun also, 47 Jahre nach Watergate, ist Woodward wieder in den Schlagzeilen. 18 Interviews hat der heute 77-jährige zwischen Dezember 2019 und Juli 2020 mit Trump geführt. Wie damals bei Nixon sind es Audiomitschnitte, die einem amerikanischen Präsidenten zu schaffen machen. Nixon ließ die Gespräche im Oval Office damals heimlich mitschneiden – Trump plauderte ebenso arglos wie offen über die Tatsache, dass ihm die Gefahr durch das Coronavirus früh bewusst war und dass er sie absichtlich herunterspielte.

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Warum hat Trump mit Woodward gesprochen?

“Das ist ein tödliches Zeug”, sagte er Woodward am 7. Februar. “Du atmest die Luft, und so wird es übertragen. Das ist sehr knifflig, sehr heikel. Es ist auch tödlicher als die Grippe.” Und am 19. März sagte er: “Ich wollte das immer herunterspielen. Ich spiele es immer noch herunter, weil ich keine Panik erzeugen will.”

Es könnte Woodwards größter Coup seit “Woodstein” werden. Warum sich Trump überhaupt bereit erklärte, für das Buchprojekt mit Woodward zu sprechen, ist ein Rätsel. Jeder Präsident, der sich mit Woodward eingelassen habe, habe es am Ende bereut, sagte laut “Spiegel” Karl Rove, der frühere Berater von Präsident George W. Bush.

Ein unkorrumpierbarer Chronist der Zeitgeschichte

Woodward gilt als unkorrumpierbarer Chronist der US-Zeitgeschichte. In knapp 20 Polit-Bestsellern hat er auch nach Watergate aus den innersten Machtzirkeln der Politik berichtet – in seinem typischen, faktengesättigten Stil, bei dem er in angelsächsischer Reportertradition fast vollständig auf Analyse und Einordnung verzichtet.

Auch in konservativen Kreisen fand er Gehör – spätestens, seit er sich nach dem 11. September 2001 als Unterstützer von George W. Bushs Politik zu erkennen gab, bis er im Oktober 2006 mit seinem Buch “State of Denial” dann doch wieder auf Distanz zu Bush ging. Und auch Trump hat er bereits heftig angegangen – in seinem Buch “Fear”, das 2018 das Chaos und die moralische Zerrüttung im Weißen Haus unter Trump entlarvte.

Legenden des Journalismus': Bob Woodward, (r.) und Carl Bernstein im Jahr 2019 bei der PEN America Literary Gala in New York. © Quelle: picture alliance/AP Images

“Woodstein” – ein ungleiches Duo

Der jetzige Coup des alten Haudegens ist ein fernes Echo jener Jahre, als “Woodstein” das Fundament für ihre eigene Legende legten. Sie waren wie Feuer und Wasser damals: Woodward, der strebsame Yale-Absolvent, Marinesoldat, konservative Konformist und disziplinierte Arbeiter, und Bernstein, der liberale Chaot, knallharte Analytiker und klar bessere Schreiber. Musterknabe und Luftikus, Engelchen und Teufelchen. Woodward war eher bedächtig, Bernstein preschte gerne vor – nur auf diesem Nährboden konnten wohl die notwendige Hartnäckigkeit, Motivation und das Gespür für die richtigen Fragen gedeihen.

Doch während Woodward zum Prototypen des investigativen Erfolgsautors wurde, kämpfte Bernstein lange mit seinen Dämonen. Der jüdische Ostküstenintellektuelle, eher genialischer Künstlertyp als Selbstvermarkter, verfiel zeitweise dem Alkohol, verirrte sich in einen ungeeigneten Job als ABC-Bürochef in Washington und träumte jahrelang von einem Buch über seine Eltern (das er dann auch schrieb). Immer sah es so aus, als sei er irgendwann im Leben mal durch eine falsche Tür gelaufen.

“Ich bin nur ein Reporter”

Woodward dagegen umwehte schnell die Gelassenheit des Siegers. “Ich bin nur ein Reporter”, sagt er gern. Seit “Watergate” weiß die Welt, was für eine machtvolle Profession dies sein kann. Damals genügte es, dass sich ein Präsident im Gestrüpp seiner Lügen verhedderte, um einen Rücktritt zu erzwingen. In der Trump-Ära dagegen muss ein “politischer Skandal” ganz andere Eskalationsstufen erreichen, um überhaupt noch als solcher zu gelten.

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US-Präsident Donald Trump hat Medienberichten zufolge das Coronavirus zu Jahresbeginn bewusst heruntergespielt, um eine Panik zu verhindern.  © Reuters

In seiner 1995 erschienenen Autobiografie nannte der frühere “Post”-Chefredakteur Bradlee seinen einstigen Schützling Woodward den “besten Reporter, den ich je gesehen habe”. Das Besondere sei, dass Woodward dieses Level auch nach Watergate beibehalten habe. Bradlee war für die beiden Watergate-Enthüller, was George Martin für die Beatles war: der Mann, der die Fäden zusammenführte, der Gedanken sortieren half. Als Bradlee 2015 mit 93 Jahren starb, schrieb die Redaktion der “Post”: “Er hatte den Mut einer ganzen Armee."

“Stenograf der Reichen und Mächtigen”

Und Woodward? 2014 sagte Robert Gates, ehemaliger CIA-Direktor und Verteidigungsminister, mal über ihn: “Er hat eine außergewöhnliche Fähigkeit, ansonsten verantwortungsbewusste Erwachsene dazu zu bringen, über Dinge zu sprechen, über die sie nicht sprechen sollten. Das ist einfach einzigartig."

Das rief auch Kritiker auf den Plan. Woodwards Kollege Anthony Lewis beschrieb dessen Reporterstil einst als “Handel, bei dem die Mächtigen ihm Zugang gewähren im Gegenzug für Ruhm und Ehre”. Sollte heißen: Viele fühlten sich geschmeichelt, dass Woodward überhaupt über sie schrieb. Der legendäre Kolumnist und Publizist Christopher Hitchens sah das ähnlich wie Lewis, als er Woodward mal einen “Stenografen der Reichen und Mächtigen” nannte.


Wie Nixon hat Trump ein massives Problem

Glaubte Trump also wirklich, den viel erfahreneren Enthüller Woodward mit seinem vermeintlich unwiderstehlichen Charme bezirzen zu können? Tappte er, getrieben vom eigenen Narzissmus, naiv in diese Falle, weil er den legendären Reporter unbedingt für sich gewinnen wollte? Wie damals Nixon hat Trump nun ein massives Problem: Es sind seine eigenen Worte, die ihm das Amt kosten könnten. Sie sind für jedermann zu hören. Wie damals Nixon dürfte es ihm schwer fallen, die Fakten als “Fake News” abzutun.

“Nixons großer Fehler war, dass er nicht verstanden hat, dass die Amerikaner zur Vergebung bereit sind”, hat Woodward mal gesagt. “Wenn er Fehler früh eingestanden und sich beim Land entschuldigt hätte, wäre er davongekommen.” Dass Trump sich entschuldigt, scheint dagegen undenkbar.

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