Biopic „Das Geheimnis der Freiheit“: Beitz als schuldbeladener Wohltäter

  • Im ARD-Biopic „Das Geheimnis der Freiheit“ geht es um Nachkriegsunternehmer Berthold Beitz und seinen Biografen Golo Mann.
  • Der Film wäre um ein Haar erstklassig geworden.
  • Doch die Kulissenschieberei und die schwachen Frauenfiguren stören.
Jan Freitag
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Die Geister der Vergangenheit sind zähe Wesen. Als Ansporn oder Bürde bevölkern sie unsere Erinnerung, können aber auch als Spukgestalten sichtbar werden. Von derlei Geisterglaube ist bei Berthold Beitz zwar nichts überliefert; folgt man jedoch dem Filmporträt des vielleicht wuchtigsten Unternehmers der Nachkriegszeit, haben sich Ansporn und Bürde seiner persönlichen Geschichtsaufarbeitung im Gespenst einer toten Jüdin materialisiert.

So zumindest interpretiert es die ARD in Dror Zahavis Doppelbiopic „Das Geheimnis der Freiheit“. Um der Geister seiner eigenen Vergangenheit Herr zu werden, beauftragt Beitz, seinerzeit Generalbevollmächtigter des Stahlkochers Krupp, nämlich den Schriftsteller Golo Mann, eine Biografie seines berühmt-berüchtigten Vorgängers Alfried zu schreiben. Der hatte den Familienbetrieb seines Urgroßvaters nicht nur zum kriegswichtigsten NS-Konzern gemacht, sondern dafür auch noch massenhaft Zwangsarbeiter vernichtet und bei seinem Ziehsohn damit zweierlei erzeugt: Schuld und Sühne.

Beitz rettete einige Hundert Juden vorm Konzentrationslager

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Als Betriebsleiter einer Ölfirma half Berthold Beitz schließlich nicht nur an vorderster Ostfront, die deutsche Kriegsmaschinerie zu schmieren, er rettete auch einige Hundert Juden vorm Konzentrationslager, wofür ihm die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ verleihen wollte. Und genau hier setzt der Film des israelischen Filmemachers Zahavi („Mein Leben – Marcel Reich-Ranicki“) an. Denn weil die Krupp AG Anfang der Siebziger hoch verschuldet aus dem Wirtschaftswunder strauchelt, macht ihr Boss Beitz sogar Geschäfte mit dem blutrünstigen Schah von Persien. Zugleich aber verfolgt ihn der Geist seiner Sekretärin, die er nicht vorm KZ bewahren konnte, bis heim in die Villa Hügel nach Essen.

So wird „Das Geheimnis der Freiheit“ zu einem Werk über Nemesis und Hybris, über Reflexion und Pragmatismus eines schuldbeladenen Wohltäters, dem Sebastian Orlacs Drehbuch einen kongenialen Gegenpol zur Seite stellt. Als Sohn des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann ist nämlich auch der beauftragte Biograf Golo arg von der eigenen Historie gebeutelt, die in Gestalt seiner dementen Mutter Tania als lebendes Phantom durch Papas Haus geistert.

Mittelalte Männer treffen aufeinander, um Vergangenes zu verarbeiten

So treffen zwei mittelalte Männer aufeinander, um gemeinsam Vergangenes zu verarbeiten. Und wie Sven-Eric Bechtolfs kantig-viriler Beitz 90 Minuten lang mit Edgar Selge als grüblerisch-entrückter Mann um Deutungshoheit ihrer Lebensgeschichten ringt, hätte daraus großes Fernsehen werden können. Sobald sich die ungleichen Geistesbrüder im Zwiegespräch der Entlarvung ihrer jeweiligen Abgründe widmen, fesselt es ja mit einer hochkonzentrierten, fast kammerspielartigen Aura.

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In den Zwischenräumen jedoch schlägt das deutsche Historytainment unerbittlich mit seiner kostümierten Kulissenschieberei zu. Gerade die paar weiblichen Charaktere haben dabei keine andere Aufgabe, als Miniröcke spazieren zu tragen oder in Gestalt von Beitz‘ kettenrauchender Frau Else (Judith Rosmair) den Rücken des Göttergatten zu stärken. „Wie hätten wir mehr Frauen prominent nach vorn ziehen sollen, wenn es die damals nun mal nicht in großer Zahl gab?“, gibt Produzentin Katharina Trebitsch, als Tochter des Filmmoguls Gyula bestens vertraut mit übergroßen Vätern, beim Vorwurf des Testosteron-Überschusses zurück. Antwort: Vielleicht gar nicht!

Bitte mit weniger Frauenhaut und Testosteron

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Realfiktion, bei der mächtige Männer mächtige Dinge im mächtigen Mobiliar mächtiger Salons aushandeln, gibt‘s schon genug und versorgt zwar alterndes Publikum mit Zeitvertreib, das jüngere aber flüchtet angesichts solch antiquierter Gravität weiter zu Instagram und Youtube. In unserer rechtsradikal erhitzten Streitkultur, die wenig mehr braucht als diskursive (Selbst-)Erkenntnis, hat Katharina Trebitsch zwar recht, wenn sie das Timing ihres Films „perfekt“ nennt.

Aber wenn die ARD das nächste Mal zur Austreibung deutscher Vergangenheitsgeister bittet, dann bitte mit weniger Frauenhaut und Testosteron.

„Das Geheimnis der Freiheit“ läuft am Donnerstag, 30. Januar, um 20.15 Uhr in der ARD.

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