„Bei Wish bestellt“: Wie eine Shoppingplattform zum Internetmeme wurde

  • Auf dem Shoppingportal Wish werden Produkte aus Fernost zu Ramschpreisen verkauft.
  • Der Spruch „Bei Wish bestellt“ hat sich inzwischen sogar zu einem Netzmeme entwickelt.
  • Was steckt hinter der Plattform? Und warum ist sie so erfolgreich?
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Hannover. Stellen Sie sich mal vor, Sie würden ein Internetvideo veröffentlichen, auf dem Sie ungelenk zu Rihanna tanzen und singen. Mit ziemlicher Sicherheit würde der folgende Kommentar nicht lange auf sich warten lassen: „Haha. Rihanna bei Wish bestellt“.

Sprüche wie dieser finden sich derzeit unter unzähligen Youtube- oder Tiktok-Videos. Auch auf anderen Plattformen wie Twitter geht das Meme rum – und immer wieder ist von „Wish“ die Rede. Eine aggressive Katze ist beispielsweise nur „Ein Tiger bei Wish bestellt“. Tic Tac Toe sind nur „Destiny’s Child bei Wish bestellt“.

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Und der britische Premierminister Boris Johnson im weißen Kittel ist, ganz klar: „Christian Drosten bei Wish bestellt“.

Was bedeutet das Meme?

Das Internetmeme bezieht sich auf die US-amerikanische Shoppingplattform Wish, auf der die verrücktesten Produkte zu Tiefstpreisen verkauft werden. Die Kritik: Häufig handelt es sich bei den Produkten um minderwertige Technikgadgets, Beautyprodukte oder Mode – und nicht selten tauchen auch dreiste Produktkopien im Sortiment auf.

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Die Verbraucherzentralen hatten im Jahr 2018 die Beschwerden von Kunden gegenüber Wish zusammengetragen. In den meisten geht es demnach darum, dass Produkte bei der Lieferung entweder beschädigt waren oder gar nicht ankamen.

Video
Das „Wish“-Phänomen: Wie eine Shoppingplattform zum Meme wurde
5:55 min
Bei Wish kann man die kuriosesten Produkte kaufen, und das zum Schnapperpreis. Doch Verbraucherzentralen warnen.  © RND
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Der ironische Spruch „Bei Wish bestellt“ bedeutet also nichts anderes als: Bei der dargebotenen Leistung handelt es sich um einen billigen Abklatsch, eine schlechte Kopie oder ein Produkt von minderer Qualität.

Was hinter Wish steckt

Gegründet wurde die Plattform Wish 2010 in San Francisco. Gründer waren damals Peter Szulczewski, ein ehemaliger Softwareingenieur von Google, und der CTO Danny Zhang. 2013 wandelten sie das Portal von einer Wunschlistenseite in eine E-Commerce-Plattform um. Nur zwei Jahre später zeigte der Shoppingriese Amazon Interesse an Wish und bot an, das Unternehmen für 10 Milliarden Dollar zu kaufen. Wish jedoch lehnte das Angebot ab.

Das Besondere an Wish: Das Unternehmen bietet, ähnlich wie Ebay, selbst gar keine Produkte an. Stattdessen verkaufen hier Händler direkt an die Verbraucher. Die meisten dieser Anbieter stammen laut der Verbraucherzentrale NRW aus China – für jeden verkauften Artikel erhält Wish eine Provision. Als Gegenleistung für die überragenden Schnäppchen verlangt Wish Geduld: Auf der Website sind teilweise Lieferzeiten von drei bis vier Wochen angegeben. Die Produkte werden zum Teil aus Ländern wie China, Myanmar und Indonesien versendet.

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Das scheint treue Kunden allerdings kaum abzuschrecken. Im Jahr 2019 verdoppelte die Plattform ihren Umsatz im Vergleich zum Vorjahr auf 1,9 Milliarden US-Dollar. Warum? Weil Wish-Kunden offenbar Schnäppchen lieben. Der Wish-Marketingmanager Tarek Fahmy sagte dem Onlineportal Vox.com im vergangenen Jahr, der Erfolg von Wish beruhe vor allem darauf, dass Schnäppchen im E-Commerce-Bereich ein „deutlich unterversorgter Markt“ seien.

Risikokapitalgeber hätten am Konzept der Plattform zunächst ihre Zweifel gehabt – doch dann kam alles anders. Gründer Szulczewski verglich den aufkeimenden Erfolg von Wish im Jahr 2016 gar mit dem Aufstieg von Donald Trump zum US-Präsidenten. In beiden Fällen, so argumentierte er, hätten die Eliten „die unsichtbare Hälfte“ ignoriert.

Smartphones und Sextoys

Doch die angebotenen Produkte auf Wish sind nicht einfach nur Schnäppchen für die „unsichtbare Hälfte“. Sie sind vor allem eins: ziemlich skurril. Loggt man sich auf der Plattform ein, springen einem die verrücktesten Produkte entgegen. Aktuell wäre das etwa ein Smartphone mit dem Namen i12 Pro, das dem iPhone erstaunlich ähnlich sieht. Jedoch kostet es statt rund 1000 Euro wie bei Apple nur 51. Eine Jacke mit dem Logo der bayerischen Traktorfirma Fendt ist schon für einen Euro zu haben. Und ein E-Scooter für nur 22 Euro ist laut Wish „fast weg“.

Doch auf der „Beliebt“-Seite der Plattform sind noch ganz andere Dinge zu finden. Neben Kameras, Bohrmaschinen und Uhren finden sich hier auch Sextoys. Unterwäsche für Frauen ab 3 Euro verspricht einen fülligeren Hintern, für Männer gibt es eine Packung Schwarzkümmelöl mit dem Namen „schlong big“ für 4,81 Euro. Sie soll den Penis auf 28 Zentimeter wachsen lassen. Eine Creme für 6 Euro verspricht sogar 38 Zentimeter, ist aber laut Wish schon „fast weg“.

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Weitere Highlightprodukte auf der aktuellen „Beliebt“-Seite: Eine Art Klebefolie für 1,73 Euro, die man sich auf den Bauch klebt und die dann beim Abnehmen helfen soll. Eine „18K Luxus-Halskette“ in Gold für 83 Cent und Fakezähne mit silbernen Brillanten, die man sich in den Mund kleben kann. Eine Kundenrezension bemerkt: „Lieferung schneller als gedacht.“ Aber „die Steine fallen alle raus“.

Eine Hand voll Würmer für 2 Euro

In den sozialen Netzwerken gibt es inzwischen ganze Sammlungen von skurrilen Wish-Produkten. Da ist etwa ein Ohrstecker zu sehen, der beim Abnehmen helfen soll, ein Gerät, das angeblich das Doppelkinn entfernt, und ein Mundstöpsel, der das Schnarchen verhindern soll. Fast schon legendär ist die Hand voll Würmer(?), die unzähligen Nutzern im Facebook-Newsfeed angezeigt und vielfach geteilt wird. Das bekannteste Forum mit dem Namen „WTF Wish“ auf Reddit hat 103.000 Mitglieder.

Fußballer machen Werbung für Wish

Der weltweite Durchbruch gelang Wish 2018. Grund waren aggressive Werbeanzeigen in den sozialen Netzwerken. Hier wurde mit Alltags- oder Technikprodukten zu Tiefstpreisen geworben. Vor allem dürfte dem Unternehmen das Know-how von Gründer Szulczewski zugutegekommen sein: Als ehemaliger Google-Mitarbeiter kennt er sich mit Algorithmen aus, die Werbeanzeigen auf Facebook und Instagram waren perfekt auf die Kunden abgestimmt.

Andere wiederum entdeckten plötzlich in ihrem Newsfeed Dinge, die sie eigentlich noch nie haben wollten – wie etwa die merkwürdigen Sextoys oder die Hand voller Würmer. Glenn Lehrman, Leiter Kommunikation bei Wish, beschreibt die Produkte gegen über Vox.com als „Marketingtaktik“: „Wir möchten damit sagen, dass auf Wish für jeden etwas dabei ist. Was die Website zugänglich macht, ist die Tatsache, dass es Spaß macht.“ Offenbar mit Erfolg: 20 Minuten am Tag sollen Nutzer laut Lehrman durch die Wish-App scrollen und dabei jede Menge einkaufen.

2018 wurden auch zahlreiche Videospots produziert. In einem Clip beispielsweise ist zu sehen, wie ein Vater seinen Söhnen Smartwatches für 10 Dollar pro Stück schenkt – die ganze Familie ist völlig aus dem Häuschen. In einem anderen Werbespot packt eine Mutter ihre Make-up-Pinsel für einen Dollar aus – und kreischt vor Glück.

Sogar berühmte Fußballer machten Werbung für Wish: Der brasilianische Spieler Neymar war dabei, genau wie der niederländische Profi Robin van Persie. Auch der Amerikaner Tim Howard und Paul Pogba aus Frankreich erfreuten sich in Werbespots an Wish-Produkten. Die Filme waren hochwertig produziert.

So entstand das Wish-Meme

Im Gegensatz dazu stehen die Erfahrungen der echten Wish-Kunden, die häufig von Enttäuschungen geprägt sind. 2018 begannen bekannte Youtuber, auf der Videoplattform Wish-Hauls und -Reviews zu veröffentlichen, um ihre Negativerfahrungen zu teilen. Das Video „I tried wedding dresses from Wish“ von Safiya Nygaard hat inzwischen 17 Millionen Aufrufe. Kurz darauf posteten immer mehr Reddit-Nutzer die abgefahrensten Wish-Produkte mit dem bekannten „Nobody“-Meme.

Und schließlich entstand auf Reddit auch das heute bekannte „Bei Wish bestellt"-Meme: Im Forum von PewDiePie postete ein Nutzer im Dezember 2019 das Bild eines Teenagers mit Ohrringen, die so auch aus dem Wish-Shop stammen könnten. „When you order Eminem off wish“ lautete die Überschrift des Beitrags – und das heute bekannte Meme war geboren.

Wish nimmt’s mit Humor

Aber was sagt Wish selbst zu dem Hype um seine Produkte und zur damit verbundenen Kritik? Schwer zu sagen – denn eine Kontaktaufnahme mit dem Unternehmen ist gar nicht so einfach. Eine Anfrage über die offizielle Wish-Mailadresse wird zwar beantwortet, jedoch von einem Chatbot mit dem Namen Renchel. „Danke, dass Sie uns geschrieben haben. Wir verstehen, das Sie enttäuscht sind, weil Sie dieses Produkt nicht bekommen haben. Um den Fall genauer nachvollziehen zu können, bitten wir Sie, uns weitere Details mitzuteilen“, heißt es darin. Von einem vermissten Produkt war in der Mail gar keine Rede – doch Wish scheint gut zu wissen, warum sich Kunden an den Support wenden. Einen Pressekontakt findet man derweil nur nach langem Suchen auf der Website. Eine Anfrage blieb bislang unbeantwortet.

Allerdings hat sich ein Mitarbeiter von Wish schon einmal selbst in einem Blogbeitrag des Unternehmens zum Meme geäußert. „Wir bei Wish wissen, dass unsere Produkte nicht immer perfekt sind, aber wir wissen auch, dass ihr uns dafür liebt. Kürzlich haben wir festgestellt, dass einige von euch die Wish-App geehrt haben, indem sie uns geholfen haben, Meme-Status zu erreichen“, schreibt AJ Reddy im Januar – und hängt gleich seine beliebtesten Wish-Memes an.

Seinen Kunden gibt er noch einen wichtigen Tipp mit auf den Weg: „Lest bei Bestellungen bei Wish unbedingt unsere Produktbewertungen! (...) Ihr könnt sogar Bilder ansehen, die andere Kunden von ihren Artikeln hochgeladen haben. Auf diese Weise wisst ihr IMMER, was ihr bekommt, und erhaltet keine enttäuschenden Überraschungen.“

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