„Beforeigners“: Eine Wikingerpolizistin ermittelt

  • Die norwegische HBO-Serie „Beforeigners“ bietet einiges – Comedy, Satire, Krimi und Science fiction.
  • Menschen aus der Vergangenheit tauchen im Oslo von heute auf, ein Cop von heute und seine Partnerin aus Wikingerzeiten machen sich auf Mördersuche.
  • Die Macher der äußerst unterhaltsame Serie legen aber auch den Finger in die Wunde der europäischen Flüchtlingspolitik.
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Wem die Namen Anne Björnstad und Eilif Skodvin jetzt nichts sagen: Das waren die Macher hinter „Lilyhammer“, jener herrlich schrägen Mafia-on-the-Rocks-Serie, in der Steven van Zandt den Mobster Frank „The Fixer“ Tagliano spielte. Der hauptberuflich als Gitarrist in Bruce Springsteens E-Street-Band tätige van Zandt hatte bereits zuvor in „Die Sopranos“ Erfahrungen als Mitglied der ehrenwerten Erpress-&-Mord-Gesellschaft gesammelt. In „Lilyhammer“ spielte er den New Yorker in Norwegen so verwegen, dass man aus dem Gnickern nicht mehr herauskam. Einmal Gangster, immer Gangster – auch in Schnee und Eis.

Welche noch exotischeren Fremdweltler können wir wohl in den Norden holen, schienen sich Björnstad und Skodvin nach Auslaufen dieses Serienjuwels gefragt zu haben. Und die Antwort liefert die schon 2019 von HBO Europe produzierte Serie „Beforeigners“, die ab 14. März in der ARD-Mediathek zu streamen ist. Die Neuankömmlinge im Land der Fjorde sind dabei streng genommen Einheimische. Nur fühlen sich die meisten völlig fremd, denn sie sind „temporale Migranten“, Menschen aus den Zeitaltern der Mammutjagd, der Wikingerzüge und des 19. Jahrhunderts. Sie erscheinen eines Tages mit reichlich „Blubb-blubb“, illuminiert von seltsamen Lichtern, im Hafenbecken von Oslo, als würden sie ein zweites Mal geboren. Sie sind geschockt von ihrem unverhofften Auftauchen in einer ihnen völlig unverständlichen Welt.

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Kommt man aus der Vergangenheit, ist der Wahnsinn gebucht

Denn kommt man aus der Vergangenheit, schlimmstenfalls einer fernen, in unsere Gegenwart, dann verliert man leicht den Verstand. „Überall donnern fliegende Fische über den Himmel“, jammerte der Zauberer Catweazle, als es ihn 1974 aus dem England des Normannenjahres 1066 ins britische Hier und Jetzt (und ins ZDF) verschlug. Radioapparate, Fernsehgeräte, Trecker und Jeeps – alles erschien ihm als Dämonenzeug. Der Zausel, den ein Fluchtzauber versehentlich durch die Jahrhunderte schickte und auf den Grund und Boden der Farmersfamilie Bennett verschlug, krabbelte dort mit Vorliebe furchtsam unter den Tisch, mit Kreide einen Bannkreis gegen das Böse um sich ziehend. Ein Ewiggestriger, hinreißend gespielt von Geoffrey Baylden.

Björnstad und Skodvin liefern in „Beforeigners“ auch Culture-Clash-Comedy. Natürlich haben die Neu-Norweger mit dem digitalen Zeitalter ihre Probleme, natürlich müssen sie integriert werden, was ja schon mit geografischen Migranten mehr schlecht als recht funktioniert. Die meisten Wikinger lungern auch knapp zwei Dekaden nach dem ersten Zeitensprung noch auf der Straße und in Metkneipen herum oder liefern bestenfalls Pizzen aus. Die meisten Steinzeitler zieht es umgehend in die Wälder, wo leider weit und breit keine Mammuts mehr zu erjagen sind.

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Nur die Gäste aus dem – nennen wir es mal trotz des unbritischen Handlungsorts – viktorianischen Zeitalter fügen sich als Behördenmitarbeiter, Lehrer oder Journalisten in den Osloer Alltag des 21. Jahrhunderts ein, ohne indes auf ihre seltsamen Frisuren, ihre schnöselige Garderobe oder ihre verkehrsgefährdenden Hochräder verzichten zu wollen. Gelegentlich sind Gegenwartsmenschen vom behäbigeren Lebenstempo der Besucher angezogen. Die Ex des Polizisten (und Serienhelden) Lars Haaland (Nicolai Cleve Broch) dreht inzwischen ihre putzigen Löckchen an der Seite des stocksteifen Biedermanns Gregers und will der flüggen Tochter die Teilnahme am Russefeiring, einer norwegischen Springbreak-Variante, verweigern. Der Anstand gebietet Abstand von unzüchtigen Festivitäten. Da kommt man nur unter die Räder.

Gibt es jetzt auch Monster in Norwegen?

Apropos: Der Science-Fiction-Fantasy-Plot wird mit einem Skandinavien-Krimi durchmischt. Lars und seine neue Kollegin Alfhildr (Krista Kosonen), die erste Wikingerfrau „mit multitemporalem Hintergrund“ in den Diensten der Polizei, untersuchen den Fall einer (offenbar) neolithischen Toten. Sie wurde erdrosselt und hat seltsame gitterförmige Schnitte auf ihrem Rücken. Eine Zeugin sagt aus, „ein grünes Seeungeheuer mit glühenden Augen“ habe sich das Opfer gekrallt.

Gibt es jetzt auch Monster in Norwegen? Steckt Menschenhandel dahinter? Handelt es sich um ein Hassverbrechen? Schließlich haben nicht wenige von den genervten Altbürgern ein so wütendes wie sachlich falsches „Norwegen ist für die Norweger“ auf den Lippen, wenn wieder mal betrunkene Altnordfrauen auf der nächtlichen Straße Wikingergesänge grölen oder sich am helllichten Tag menstruationshalber Moos in ihre Unterwäsche stopfen. Ein dank seiner Liaison mit einer Influencerin wohlhabender, nach alter Väter Sitte vorzugsweise nackt umherstreifender Steinzeitler names Navn (Oddgeir Thune) weckt das nachhaltige Interesse des Polizistenduos.

Und dann trifft die mit vielerlei altertümlichen Ermittlungsmethoden hilfreiche Alfhildr zuerst Urdr (Águsta Eva Erlendsdóttir), eine Schildmaid-Kollegin aus ihrem früheren Leben, dann Tore Hund (Stig Henrik Hoff), den früheren Anführer einer Bauernarmee gegen Olav, den Dicken (Tobias Santelmann). So lebt auch noch ein 1000 Jahre alter Konflikt neu auf.

Die Serie ist eine witzige Metapher für ein europäisches Versagen

Was genau hinter dem im Übrigen weltweiten Phänomen des Zeittransfers steckt, wird in den drei (von bisher sechs) zur Sichtung überlassenen Episoden nicht verraten. Sicher ist nur eins – hier ist nichts zufällig. Die Serie ist im Kern ein Buddy-Krimi, aber auch eine Metapher für das europäische Versagen in der noch immer aktuellen Flüchtlingskrise, ein böser Kommentar zu der schäbigen Einwanderungspolitik der EU-Länder. Und ihrer oft kleinmütigen Bewohner, die nicht teilen wollen, auf Inklusion gern verzichten, Assimilationsversuchen die kalte Schulter zeigen, das Trauma der Entwurzelten nicht nachfühlen möchten und ihre rassistischen Fehlurteile – selbst beim besten Willen – nicht in den Griff kriegen. Die Serie „Beforeigners“ unterhält nicht nur vorzüglich (abzüglich der etwas staksigen Synchro) als Komödie und Thriller, wir spüren mit der Zeit auch ihren Zeigefinger: tua culpa!

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Eine zweite Staffel „Beforeigners“ ist in Vorbereitung, und wer Gefallen an dieser Art von bösem Skandi-Humor gefunden hat und „Lillyhammer“ schon kennt, der möge es zur bis dahin mit den (leider nur) drei Staffeln norwegischen Wikinger-Comedy „Norsemen“ auf Netflix probieren. Wer hingegen doch eher auf reines Lustspiel mit Catweazle und seine Kröte Kühlwalda steht: Der mittelalterliche Abrakadabrist soll ab 11. März – gespielt von Otto Waalkes – im Kino neuerlich auf Zeitreise gehen, diesmal nach Deutschland. Natürlich nur, wenn es ihm bis dahin gelingt, die downgelockten deutschen Kinos aufzuzaubern.

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„Beforeigners“, in der ARD-Mediathek, sechs Folgen, von Anne Björnstad, Eilif Skodvin, mit Nicolai Cleve Boch, Krista Kosonen, Oddgeir Thune (ab 14. März streambar, linear am 13. März ab 23.40 Uhr, alle Folgen am Stück in der ARD)

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