#beBETA-Konferenz: Wie die Corona-Krise die Medienhäuser verändert hat

  • Die Corona-Krise beschert den deutschen Medienhäusern Reichweiten- und Digitalaborekorde.
  • Auch in den Redaktionen schreitet die digitale Transformation rasant voran – nicht allein beim Thema Homeoffice.
  • Doch wie sieht die Zeit “nach Corona” aus? Das war Thema beim Digitalkongress #beBETA.
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Hannover. Die Corona-Pandemie trifft Chefredakteurin Anna Careborg und ihr Team vom “Svenska Dagbladet” ganz persönlich. Am 31. März stirbt Tomas Oneborg, preisgekrönter Fotograf und langjähriger Mitarbeiter der Stockholmer Zeitung, an Covid-19. Und die Redaktion hat keine Möglichkeit, sich von ihrem Kollegen zu verabschieden. “Sein Tod hat uns enorm für das Thema sensibilisiert”, erinnert sich Careborg. Und es sollte nicht die einzige prägende Erkenntnis im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie bleiben.

Rund zwei Monate nach dem tragischen Verlust und nach Ausbruch des Virus arbeitet ein Großteil der Redaktion der schwedischen Tageszeitung noch immer aus dem Homeoffice. Die Kolleginnen und Kollegen allerdings seien motivierter denn je, erzählt die Chefredakteurin im Videochat auf dem Digitalkongress #beBETA. Ein Kollege sagte sogar: “Es hat sich nie sinnvoller angefühlt zu arbeiten, als zur Zeit”, zitiert Careborg.

Was er damit meint? “Journalismus ist einfach unentbehrlich in dieser Zeit”, so Careborg. “Wir haben jetzt einen wirklich wichtigen Job zu machen.” Also entwickelte die schwedische Zeitung neue Formate für ihre Leser: Tägliche Corona-Updates, Streamingtipps, Food-Rubriken, Videoevents und sogar Sprachkurse bietet das Medienhaus seit der Corona-Krise an. Dabei habe sich laut Coreborg gezeigt: “Nicht nur die Reichweite unseres Nachrichtenangebots hat sich erhöht – die Leute wollen auch dafür bezahlen.”

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Corona beschert Medien Reichweitenrekorde

Genau dieser Punkt stand am Mittwoch im Mittelpunkt der Digitalkonferenz #beBETA, die bereits zum zweiten Mal vom Bundesverband Digtitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) ausgerichtet wurde – coronabedingt allerdings diesmal als reine Streamingkonferenz.

Während der Corona-Zeit erleben die Nachrichtenangebote der Zeitungen einen echten Reichweitenboost, gewannen zudem viele zahlende Digitalabonnenten hinzu. Und auch in den Redaktionen änderte sich innerhalb nur weniger Wochen einiges. Als digitale “Turbotransformation” beschreibt beispielsweise Yannick Dillinger, stellvertretender Chefredakteur der “Augsburger Allgemeinen”, diese Situation.

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Für Thomas Düffert, CEO der Madsack Mediengruppe, kommt das nicht von ungefähr. Gerade in Krisenzeiten sei Orientierung wichtig – und die komme sicherlich nicht von denjenigen, die am lautesten schrien, so Düffert. Gemeint sind damit etwa Verschwörungstheoretiker, wie der Soulsänger Xavier Naidoo, Vegankoch Attila Hildmann oder der selbsternannte “Journalist” Ken Jebsen.

Zeitungen genießen großes Vertrauen

Während der Corona-Krise zeige sich, das etablierte Zeitungsmarken bei Lesern das größte Vertrauen genießen – auch bei eher digitalaffinen Menschen. Allein im März und April hätten die Zeitungen Milliarden Seitenaufrufe verzeichnen können. “Die Corona-Krise war eine echte Sternstunde des Journalismus”, ist sich Düffert sicher. “Und die ist es auch immer noch.”

Das Problem aller Verlage sei nun allerdings, dass die digitalen Erlösmodelle noch immer viel zu gering seien, während vielerorts die Zustellkosten der gedruckten Zeitung “enorm explodieren”. Hier sei auch die Politik gefragt, findet Düffert. “Digitale Transformation braucht Zeit, Zustellnetze müssen erhalten bleiben, damit die digitale Transformation am Ende funktionieren kann”, so der Madsack-Chef. “Sonst verlieren wir vielleicht den Journalismus, der die Menschen zuverlässig durch die Krise gebracht hat.”

Auch BDZV-Chef Mathias Döpfner sieht die Corona-Krise als Beschleuniger für Innovationen und digitale Transformation innerhalb der Redaktionen: “Ich will die Krise nicht verklären”, so Döpfner. Sie sei für viele Verlage eine wirtschaftliche Herausforderung – nicht zuletzt durch das Wegbrechen der Anzeigenerlöse. “Aber: Das ist eine riesige Chance”, so der BZDV-Präsident.

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Hannah Suppa im Gespräch mit Michael Bröcker, Chefredakteur von "Media Pioneer" in Berlin.  @ Quelle: Tim Schaarschmidt

Servicestücke statt “Terminjournalismus” im Lokalen

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Auch innerhalb der Redaktionen habe sich durch die Krise viel geändert, zum Beispiel beim Thema Homeoffice. “Ich habe schon vor 13 Jahren gesagt, es kommt auf die Performance eines Mitarbeiters an. Dabei ist es unerheblich, ob er seine Arbeit im Garten oder am Strand erledigt. Damals gab es viele Zweifler.” Jetzt in der Krise zeige sich allerdings, dass auch das Modell Homeoffice funktioniere und Mitarbeiter zum Teil sogar effizienter arbeiten würden.

Redakteure regionaler Tageszeitungen sehen die Corona-Krise derweil auch inhaltlich als große Chance. Swantje Dake, Chefredakteurin Digital der “Stuttgarter Nachrichten” und “Stuttgarter Zeitung” habe während der Corona-Krise mit ihrem Team stark auf Servicethemen gesetzt. “Terminjournalismus” sei in dieser Zeit vollständig weggefallen – schließlich gab es auch keinerlei Termine. Dieser neue Ansatz könnte auch ein Modell für die Zukunft sein: “Einige Sachen, die wir während Corona weggelassen haben, bleiben vielleicht auch weg.”

Jetzt müssen die Abonnenten nur noch bleiben

Doch wie kann es gelingen, das gestärkte Vertrauen und die neu gewonnen Leser auch nach der Corona-Pandemie langfristig zu halten – im Idealfall sogar an Abomodelle zu binden? Anna Careborg vom “Svenska Dagbladet” arbeitet für diese Ziele eng mit dem Analytics-Team der Tageszeitung zusammen. Der Leser stehe im Mittelpunkt, sagt die Chefredakteurin – und das Angebot werde auf ihn zugeschnitten. Das man dadurch treue Kunden gewinnen kann, zeigt ein “Morning Report” der Zeitung im Newsletterformat: Diesen hätten bereits 71.000 Menschen abonniert.

Auch Stijn Vercamer, Digital Director beim “Mediahuis” in Antwerpen (Belgien) setzt auf Lesernähe. Ein eigens eingerichtetes Team kümmert sich darum, die Kunden besser kennenzulernen, erfragt ihre Bedürfnisse am Telefon oder ihren Kündigungsgrund, falls sie ein Abo nicht weiterführen. Beim “Spiegel” in Hamburg setzt man derweil auf Produktteams wie etwa Dialogmarketing, Conversion-Optimierung, Performance Marketing, Data Science – das erklärte Aboleiterin Wiebke Meeder bei der Konferenz.

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Einen Tipp bekam das doch eher journalistische Konferenzpublikum zudem aus der Versicherungsbranche: Torsten Leue, Vorstandsvorsitzender Talanx AG in Hannover, appellierte bei der digitalen Transformation an einen “klaren Fokus”, eine “dezentrale Unternehmenskultur” und vor allem: einen “langen Atem”. Eine Zeit “nach Corona” gebe es für Leue nämlich gar nicht – die digitale Transformation eines Unternehmens sei ein langanhaltender Prozess. Ein “Marathon und kein Sprint”.

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