Ausrangiert mit Ü50: Wenn sich Fernsehsender von ihren Moderatorinnen trennen

  • Simone Standl verlässt nach 17 Jahren die „WDR Lokalzeit aus Köln“ – unfreiwillig.
  • Die Moderatorin glaubt, ihr Rauswurf habe mit ihrem Alter zu tun, und spricht von „Jugendwahn“.
  • Der WDR dementiert das – doch andere Fälle lassen ein Muster erkennen.
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Köln. Es ist nur einer von vielen Fällen – jedoch einer, der derzeit ganz besonders hohe Wellen schlägt. Die Moderatorin Simone Standl, beliebtes Gesicht der „WDR Lokalzeit“, verlässt nach 17 Jahren die Sendung. Unfreiwillig.

Mittwochabend vergangener Woche flimmerte die letzte Sendung mit der Moderatorin über die Bildschirme. Standl, ganz in Schwarz gekleidet, moderierte ihre letzten Beiträge an. Anschließend teilte ihr Kollege Henning Quanz den Zuschauerinnen und Zuschauern mit, dass dies Standls letzte Sendung gewesen sei.

Zum Abschied zeigte die Redaktion einen Best-of-Film, eine Minute und 45 Sekunden lang, der die schönsten Momente der Moderatorin in 17 Jahren „Lokalzeit“ zeigt. Anschließend bekam Standl von ihren Kolleginnen und Kollegen einen großen Blumenstrauß überreicht, was jedoch nicht im Fernsehen zu sehen war.

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Moderatorin beklagt Altersdiskriminierung

Hinter den Kulissen war die Stimmung zu diesem Zeitpunkt auf dem Tiefpunkt – denn der Abschied der Moderatorin war keineswegs ein einvernehmlicher. Kurz vor Beginn des zweiten Lockdowns im Herbst habe ihr der Sender mitgeteilt, dass Ende Juni Schluss sei, berichtet Standl dem „Kölner Stadtanzeiger“.

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„Natürlich hat jeder Arbeitgeber das Recht, etwas anderes auszuprobieren, aber dann muss man anständig mit den Leuten umgehen. Ich stehe seit 27 Jahren beim WDR vor der Kamera, seit 1998 regelmäßig. Wir sind hier alle tief frustriert, das Klima ist nicht mehr schön. Alle stehen unter enormem Druck, auch die Festangestellten. Es kann von heute auf morgen zu Ende sein, und dann steht man da.“ Der WDR wolle sich offenbar diverser aufstellen, begründet Standl die Entscheidung ihres Arbeitgebers. „Das gehe nur mit neuen Gesichtern. Und Leute, die lange dabei sind, sollen als Erstes gehen.“

Doch auch ein vermeintlicher „Jugendwahn“ dürfte laut Standl Grund für das Ende der Zusammenarbeit sein, wie die Moderatorin dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND) sagt. „Wenn man sich in der Fernsehlandschaft umsieht, ist der Jugendwahn schon sichtbar. Vor allem wir Frauen sollen natürlich gute Leistung bringen – aber eben auch gut aussehen, jung, dynamisch und sportlich sein.“

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Für Standl übernimmt nun die deutlich jüngere Sümeyra Kaya den Moderationsjob der „Lokalzeit“. Standl bleibt dem WDR nur noch als Radiostimme erhalten. Bei WDR 2 soll sie ab August die regionalen Hörfunknachrichten sprechen.

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Proteste von Promis und Zuschauern

Der unfreiwillige Abschied der Moderatorin sorgte umgehend für Protest. In den sozialen Netzwerken meldeten sich zahlreiche Zuschauerinnen und Zuschauer zu Wort, um Standl den Rücken zu stärken.

„Unglaublich, der WDR hat sich sehr gewandelt in den letzten Jahren, leider nicht zum Vorteil“, schreibt beispielsweise ein Facebook-Nutzer. „Ich erachte es als beschämend, wie man mit qualifizierten und sympathischen WDR-Mitarbeitern umgeht“, schreibt ein anderer. Eine Zuschauerin bemängelt, dass beim WDR neuerdings immer häufiger „Selbstdarsteller“ als Moderatorinnen und Moderatoren zu sehen seien. „Mit dem WDR geht es seit Tom Buhrow immer weiter bergab“, kommentiert sie.

Auch Promis äußerten sich zum unfreiwilligen Abgang der Moderatorin. Peter Brings, Frontmann der Kölner Band Brings, hat mit der Moderatorin des Öfteren gemeinsam im Studio gestanden. „Was will man erreichen? Soll den jungen Zuschauern der Lokalzeit (Gibt es die?) nicht weiter zugemutet werden, einer Moderatorin in die Augen zu schauen, die ihre Mutter sein könnte?“, fragt Brings in einem Gastbeitrag bei t-online.de. In Zeiten, in denen man über die Rente mit 70 diskutiere, schicke man beliebte und damit erfolgreiche Moderatorinnen ins Aus. „Blödsinn! Das ist einer öffentlichen Institution wie dem WDR nicht würdig!“, resümiert Brings.

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Kein Einzelfall

Der WDR antwortete auf Medienanfragen nur nüchtern auf den Protest gegen den Rauswurf der Moderatorin. „Unter den ‚Lokalzeit‘-Moderatoren und -Moderatorinnen gibt es immer wieder Wechsel. Das ist normal – und das wissen auch die Moderatoren und Moderatorinnen“, erklärte ein Sprecher gegenüber dem RND. „Die Sendung lebt davon, dass sie in regelmäßigen Zeiträumen Neues ausprobiert.“ Mit dem Alter der Moderatorin habe das nichts zu tun. „Im WDR stehen auch Moderatoren und Moderatorinnen vor der Kamera, die älter sind.“

Tatsache ist aber: Der Fall Simone Standl ist beim Westdeutschen Rundfunk kein Einzelfall. 2020 beispielsweise trennte sich die Anstalt von Stefan Pinnow (52). Bis dato hatte der Moderator die Sendung „Hier und Heute“ sowie das Reiseformat „Wunderschön“ moderiert. In Letzterem taucht er bis heute in aufgezeichneten Folgen auf. Viele der Episoden übernimmt jedoch inzwischen der deutlich jüngere Daniel Aßmann (37).

Auch Pinnows Abschied war offenbar nicht ganz freiwillig. Mit dem Alter des Moderators habe die Entscheidung aber nichts zu tun, betonte seinerzeit der WDR. Vielmehr seien „konzeptionelle Gründe“ ursächlich für das Beenden der Zusammen­arbeit gewesen. Das Format „Wunderschön“ beispielsweise solle künftig von drei statt von sechs Moderatoren präsentiert werden. Pinnow moderiert, ähnlich wie Simone Standl, nun nicht mehr vor der Kamera, sondern beim NDR-Radio in Mecklenburg-Vorpommern.

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Die inoffizielle Altersgrenze

Schon 2012 hatte der Rauswurf von Claudia Ludwig beim WDR für Empörung gesorgt. Die damals 51-jährige Moderatorin wurde bei der Sendung „Tiere suchen ein Zuhause“ gegen die 13 Jahre jüngere Simone Sombecki (damals 38) aus­ge­tauscht. Ludwig damals: „Es war seit Längerem angedacht, dass der WDR gern etwas Jüngeres hätte. Mir wurde schon im Sommer angedeutet, dass das nicht ewig gehen kann.“

Was folgte, waren große Proteste aus der Zuschauerschaft. „Ich war total überrascht von diesem Zuspruch, in Köln gab es sogar eine Demo für mich. Das ist schon sehr berührend“, so Ludwig damals. Genützt hat all das jedoch nichts. Nach ihrem Abgang moderierte Ludwig ein Jahr bei Sat.1 („Schluss mit Mobbing“) und ist seither beim Internetportal tiervision.de zu sehen.

Die inoffizielle Altersgrenze für Moderatoren und insbesondere Moderatorinnen scheint aber nicht nur ein WDR-Problem zu sein. Und geht es nach anderen Moderatorinnen, so liegt diese Grenze sogar häufig unterhalb der 50. Die Moderatorin Sylvie Meis beispielsweise hatte Ähnliches im Jahr 2020 beim Privatsender RTL bemängelt. Wenige Monate vor ihrem 40. Geburtstag hatte RTL bekannt gegeben, dass Meis die Show „Let’s Dance“ nach sieben Jahren nicht weiter moderieren werde. Stattdessen übernahm die 16 Jahre jüngere Victoria Swarovski den Job.

„Das Fernsehen besetzt am Zuschauer vorbei“

In der Youtube-Sendung „Lasst uns reden, Mädels!“ erklärte die gebürtige Niederländerin später: „Es ist einfach kein Klischee, dass man als Frau 40 wird und eiskalt ausgetauscht wird. Das ist einfach die Realität. Leider ist es in unserer Gesellschaft so, dass Männer eine längere Chance bekommen, besser beim Fernsehen bezahlt werden als Frauen, obwohl wir genau die gleiche Arbeit machen.“

Auch Moderatorin Ulla Kock am Brink sagte der „Bild am Sonntag“ in einem aktuellen Interview: „In Deutschland gibt es dieses seltsame Phänomen, dass gestandene Frauen ab 50 offensichtlich nur als Moderatorinnen von Talkshows akzeptiert werden. Alles ist auf jung und gleichförmig ausgelegt.“ Im Ausland sei das anders: „In ganz Europa sehe ich Frauen weit über 50, die wie selbstverständlich Quizformate und Unterhaltungsshows moderieren. Nur bei uns nicht.“

Auf die Frage, welche Chance man als ältere Moderatorin habe, antwortet Kock am Brink: „Keine. Das gibt es nicht.“ Sie glaube fest daran, dass ihre Generation im Fernsehen abgebildet sein müsse. „Wir Frauen sind alle gut ausgebildet, wir können denken und gerade Sätze ohne viele Ähhhhhhs bilden. Deshalb plädiere ich dafür, dass man diese Schranken – dick, dünn, alt, jung, hässlich – endlich fallen lässt. Das deutsche Fernsehen besetzt am Zuschauer vorbei, der will diese Püppchen doch gar nicht sehen.“

Studien bestätigen Ungleichgewicht

Die subjektiven Eindrücke der Moderatorinnen belegen auch Studien. Das Institut für Medienforschung der Uni Rostock hatte 2017 in einer Untersuchung im Auftrag der Stiftung Malisa der Schauspielerin Maria Furtwängler herausgefunden, dass das Geschlechterverhältnis bei Frauen und Männern vor Fernsehkameras nur etwa bis zum 30. Lebensjahr ausgeglichen sei. Einbezogen wurden hier allerdings nicht nur Moderatorinnen und Moderatoren, sondern auch Figuren in Filmen und Serien.

Ab Mitte dreißig gehe die Schere dann immer weiter auseinander. Seinen Höhepunkt erreicht dieser Trend bei den über 50-Jährigen. Hier kämen auf eine Frau acht Männer. Frauen in den sogenannten besten Jahren kämen im Fernsehen so gut wie gar nicht mehr vor, so das ernüchternde Fazit der Studie.

Allerdings gilt die unsichtbare Altersgrenze jenseits der 50 keineswegs als gesetzt. Gerade im Privatfernsehen gibt es auch viele Gegenbeispiele. Bei RTL beispielsweise moderieren Frauke Ludowig (57) und Katja Burkard (56) sowie bis 2020 auch Birgit Schrowange, die inzwischen 63 ist. Letztere setzte vor einigen Jahren sogar ein deutliches Zeichen gegen den „Jugendwahn“ der TV-Sender: Statt sich ihre Haare weiter schwarz zu färben, trat sie mit ihrer natürlichen Haarfarbe im Fernsehen auf: grau.

„Noch immer mit dem WDR verbunden“

Auch Simone Standl sagt dem RND: „Es gibt gerade einige Sender, die einen rühmlicheren Weg gehen [als der WDR, Anmerkung der Redaktion]. RTL zum Beispiel oder das ZDF. Da dürfen die Moderatorinnen selbst bestimmen, wann sie aufhören.“ Allerdings sei all das auch kein alleiniges WDR-Problem.

Inzwischen habe es im Übrigen auch ein Gespräch zwischen Standl und dem WDR gegeben. „Am Mittwoch hat mein Redaktionsleiter mich gefragt, ob ich das Angebot, die Hörfunk-Nachrichten für die Lokalzeit zu präsentieren, noch immer annehmen möchte. Ich habe Ja gesagt“, erklärt die Moderatorin. Von anderen TV-Sendern habe sie bislang kein konkretes Angebot erhalten.

Ganz besonders hat sich Standl über die Reaktionen der Zuschauerinnen und Zuschauer gefreut: „Ich finde es einfach großartig, dass die Menschen sich die Zeit nehmen und die Mühe machen, solch lange und ausführliche Mails zu schreiben. An mich und an den WDR – und sich darin klar positionieren. In den sozialen Medien habe ich mich über die Menge der Kommentare und Likes riesig gefreut. Ich war zwischendurch richtig gerührt und geflasht.“

Ihrem künftigen Job beim WDR-Radio blickt Standl trotz allem positiv entgegen. „Weil ich mich trotz des Ärgers immer noch dem WDR verbunden fühle und weil ich meinen Job eben sehr gern mache“, sagt sie.

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