Auf Wiedersehen, “Lindenstraße”! Über das Ende einer TV-Ära

  • Keine Serie spiegelte den deutschen Alltag wie die “Lindenstraße”.
  • Nach 1758 Folgen endet der ARD-Klassiker. Die großen Jahre waren schon lange vorbei – aber der Abschied ist trotzdem nicht ganz leicht.
  • Denn mit der “Lindenstraße” stirbt endgültig auch die Bonner Republik. Ein Nachruf von Imre Grimm.
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Natürlich haben sie das mit Corona auch noch hinbekommen, in allerletzter Minute. Die letzten Folgen waren längst abgedreht, die Sache war im Sack, da brach die Pandemie aus. Und was wäre die “Lindenstraße” ohne einen allerletzten dieser aktuellen Schlenker, die doch immer ihr Markenzeichen waren? Also sagt Murat (Erkan Gündüz) in Folge 1756, der drittletzten, zu einem niesenden Passanten: “Hoffentlich kein Corona.” Und in Helga Beimers (Marie-Luise Marjan) Radio ist zu hören, dass die Schulen schließen.

Nach 34 Jahren und vier Monaten, nach 7032 Drehtagen, 52.740 Sendeminuten und 1757 Folgen, nach 21 Geburten, 56 Todesfällen und 37 Hochzeiten endet am Sonntag die “Lindenstraße”. “Herzlich willkommen” hieß die erste Folge am 8. Dezember 1985, als sich Familie Beimer mit Hans, Helga und den Kindern Marion, Benny und Klausi samt Flöte zu trauter Hausmusik versammelte. Dieses Idyll war schon lange vorbei. Hans ist seit 2018 tot, getrennt waren er und Helga schon lange, Benny ist auch tot, Marion weggezogen und Klausi zuletzt ein geschiedener Sozialhilfeempfänger.

Die Familie als Keimzelle der Gesellschaft: Ein Bild aus frühen “Lindenstraßen”-Tagen im Jahr 1985 – mit Helga Beimer (Marie-Luise Marjan), ihrem ersten Mann Hans (Joachim Hermann Luger) und ihren Kindern (von links) Marion (Ina Bleiweiß), Klausi (Moritz A. Sachs) und Benny (Christian Kahrmann). © Quelle: -/WDR/dpa
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Mutter Beimers Küche kommt ins Museum

Die 1758. und letzte Folge heißt nun folgerichtig “Auf Wiedersehen”. Mutter Beimer feiert ihren 80. Geburtstag im Restaurant Akropolis. Und die, die noch gehen können, kommen. Dann ist Schluss. Mutter Beimers Küche kommt ins Bonner Haus der Geschichte, dazu die Bushaltestelle “Lindenstraße/Kastanienallee”. Die Küche von Else Kling, der unverwüstlichen Nörgelkönigin, ist bereits im Technik-Museum Speyer zu sehen. Die “Lindenstraße” ist reif fürs Museum. Man werde “respektvoll mit dem Erbe umgehen”, verspricht Alexander Bickel, Film- und Serienchef beim WDR.

Ein Fall fürs Museum: Die Originalwohnküche der Serienfigur Else Kling steht in der Dauerausstellung “Lindenstraße” im Museum Wilhelmsbau des Technik-Museums Speyer. Auch Mutter Beimers Küche kommt ins Museum. © Quelle: Uwe Anspach/dpa

Und ja, das Ende geht in Ordnung. Denn so ehrlich muss man sein: Längst war die Endlosserie ja zu einer TV-Schrulligkeit erstarrt, weit entfernt von jenen Tabubrüchen, die in den Achtzigern noch verlässlich Skandale provozierten. Der erste schwule Kuss! Morddrohungen! Der Bayerische Rundfunk zensiert die Knutschfolge 225! 1989 gab es den Bambi in der wie immer schnell erfundenen Quatschkategorie “Realistische Darstellung des deutschen Alltagslebens”! Bis zu zwölf Millionen Zuschauer pro Folge waren dabei. Lange her. Zuletzt waren es an guten Sonntagabenden mehr als zwei Millionen.

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Ein endloser Strom von Dramen

Von einer sanft erzieherischen, sozialkritischen Unterhaltungssendung träumte Produzent Hans W. Geißendörfer (das W steht für Wilhelm) Ende der Siebzigerjahre. Vorbilder waren der Kiez seiner Kindheit in einem Mehrfamilienhaus in Neustadt an der Aisch – und die britische Sendung “Coronation Street”. Ein alter linker Traum gärte in dem linksintellektuellen Pfarrerssohn, der als Regisseur bis dahin Ibsens “Wildente” und Thomas Manns “Zauberberg” verfilmt hatte und nun den Reiz des Trivialen entdeckte: die Versöhnung von Unterhaltung und Aufklärung. Der WDR griff zu.

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Und so ergoss sich ein endloser Strom von Dramen über das deutsche Publikum. Mary Kling, die ihren Mann Olaf mit der Geflügelschere entmannte! Mutter Beimer heulend beim Spiegeleierbraten! Gabi Zenker in Weltschmerz versackt! Die “Lindenstraße” war ein Hort von Trübnis und Elend – gepeinigt mit so ziemlich allen Geißeln der Menschheit: Mobbing, Doping, Arbeitslosigkeit, Pleiten, Alzheimer, Scientology, Sterbehilfe, Leihmutterschaft, Neonazis (Klaus Beimer!), Scheidung, Drogensucht, Liebeskummer, Unfruchtbarkeit, Prostitution, Wechseljahre, Altersdepression, Umweltgifte, Kriegstraumata, militanter Islamismus und sämtliche Krankheiten von Aids bis Zöliakie. Und nun, ganz zum Schluss, auch noch Corona. Wer würde dort wohnen wollen?

Geißendörfer persönlich rief Else Kling ins Jenseits

Überraschend viele! Immer wieder bewarben sich Zuschauer für vermeintlich frei gewordene Wohnungen. Man dürfe, schrieb einer, “dann am Sonntag auch gern bei mir drehen”. Der schmale Grat zwischen Schein und Sein verrutscht schon mal. Als Hubert Koch in Folge 518 Alzheimer bekam, bat eine Zuschauerin aus dem Raum Hannover so leidenschaftlich, ihn betreuen zu dürfen, dass das Team es nicht übers Herz brachte, sie ihrer Illusionen zu berauben. “Vielen Dank”, antworteten sie, “aber der erkrankte Herr Koch wird bereits bestens versorgt.”

Er hätte gern weitergemacht: Serienschöpfer Hans W. Geißendörfer.

Die “Lindenstraße” – das war immer das ganz große Drama im kleinen Leben. Natürlich, das Leben ist auch dunkel und grausam. Aber Herrgott – musste dann auch noch die Schwulenehe in schwere Krisen geraten? Musste der kleine Felix, den Carsten Flöter und sein Freund “Käthe” Eschweiler nach langem Hickhack adoptieren durften, dann auch noch HIV-positiv sein? Musste Benny Beimer wegen seines Engagements für die Umweltbewegung dann auch noch von der Schule fliegen? Musste Mutter Beimer beim Festessen zu Weihnachten 1994 wirklich diese lebende Gans präsentieren, die zu töten – der Trend zum Veganismus schlich sich bereits heran – sie nicht übers Herz brachte? Und musste auch noch Geißendörfer selbst in Folge 1069 im Jahr 2006, nach dem Tod von Annemarie Wendl die Serienfigur Else Kling mit seiner Stimme (“Else, Else”) quasi als Schöpfer ins Jenseits rufen?

Nie hat die “Lindenstraße” ihren missionarischen Eifer abgestreift

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Es war oft ein bisschen viel. So ist das halt, wenn man um der Weltrettung willen Fernsehen macht: Irgendwann wird es verkrampft. Zuletzt wollte Geißendörfer eine Moschee in der “Lindenstraße” bauen lassen. In Drohmails beschimpften ihn Zuschauer als “Salafisten”. Die kritische Debatte finde er gut, sagte er damals. Man könnte auch sagen: Endlich mal wieder Feuer unterm Dach.

Nie hat die “Lindenstraße” ihren missionarischen Eifer abgestreift. Aber es gelang ihr, nicht nur dank der Nutella-Gläser auf dem Küchentisch, ein präzises Porträt der alten, hadernden, krampfigen Bonner Republik – bis hin zu jenem putzigen Spiel mit variablen Folgen für Bundestagswahlabende. Im Kern erfüllte die “Lindenstraße” als erste Serie das Bedürfnis nach Teilhabe, nach Wiedererkennung des eigenen Lebens im Spiegel des Fernsehens, das heute in endlosen “Reality”-Formaten als grellbuntes Absurditätenkabinett überzeichnet wird.

Der VW Käfer unter den deutschen Serien

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Die rumpelige, biedere “Lindenstraße” war der VW Käfer unter den deutschen Serien. Mit Ostdeutschland fremdelte sie nach der Wende. Als 1992 Benny Beimer in Folge 334 auf den Spuren der DDR-Vergangenheit zu seiner Freundin Claudia Rantzow nach Borna bei Leipzig reiste, hagelte es Proteste aus den neuen Bundesländern. Man fühlte sich diskriminiert, die Heimat einseitig dargestellt. Doch auch im Osten fand die “Lindenstraße” ihre Fans. Fremder Osten? Vielleicht war die Serie auch da ein Abbild der alten Bundesrepublik.

Das Ende einer TV-Ära: Die letzte Klappe in der fast 35-jährigen Geschichte der Lindenstraße fiel am 20. Dezember 2019. © Quelle: WDR/Steven Mahner

Das Paradoxe ist ja, dass die “Lindenstraße” mit ihren bröckelnden Soziotopen den nicht minder bröckelnden Soziotopen da draußen trotzdem über Jahre als stabiler Anker diente. Es wird daran liegen, dass sie kathartisch wirkte, dass ihre Besserungsappelle in den ironiefreien Achtzigerjahren auf fruchtbaren Boden fielen. Aber es ist kein Zufall, dass der schleichende Niedergang der Serie mit dem Untergang der alten Bundesrepublik begann. Denn die “Lindenstraße” durchweht der Geist einer BRD, in der rote Kaugummiautomaten neben den Kiosken und grüne Fliesen in den Badezimmern hingen. Zuletzt wirkte die “Lindenstraße” wie ein alternder Sozialkundler mit Eigelb im Bart, der auf der Wandergitarre “Kumbaya” spielt, während seine Schüler auf dem Smartphone herumdaddeln. Es ist vorbei. Auf Wiedersehen, Mutter Beimer!

Abspann. Mundharmonika.



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