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„Ärztys“ statt „Ärzt*innen“: Ein Sprachwissenschaftler will das Gendern verändern

  • Der Genderstern hält Einzug in die deutsche Sprache – und im Duden gibt es jetzt das Wort „Gästin“.
  • Der Sprachwissenschaftler Thomas Kronschläger bringt noch eine weitere Form der genderneutralen Sprache ins Spiel.
  • Und die klingt ziemlich niedlich.
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Braunschweig. Anne Will macht es schon länger, Claus Kleber seit einigen Monaten und manch einer fängt gerade erst damit an: Gendergerechte Sprache wird in den Medien, in Unternehmen und bei Behörden aber auch im Alltag zu einem immer bedeutenderen Thema. Auf Briefen von Verwaltungen hält der Genderstern Einzug, Moderatorinnen und Moderatoren im Fernsehen sprechen neuerdings die Genderlücke. Und während sich die einen fleißig die neue Sprechweise antrainieren, regen sich die anderen ganz leidenschaftlich darüber auf.

Glaubt man Sprachwissenschaftler*innen, dann schafft der gerade hier verwendete Genderstern Sichtbarkeit für alle Geschlechter. Er schließt nicht nur Mann und Frau mit ein, sondern eben auch nicht binäre Geschlechtsidentitäten. Glaubt man den Kritikern dieser neuen Schreibform, dann stört sie den Lesefluss, klingt komisch und unterdrückt am Ende gar das männliche Geschlecht.

Video
Gender Equality: Wenn die Gleichberechtigung im Lockdown steckt
5:37 min
In dieser Folge von „Auf dem Schirm“ geht Amandine Cormier den Ursprüngen des Frauentages nach und erklärt, warum es auch 2021 keine Gleichberechtigung gibt.  © Amandine Cormier/RND
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Ein für alle Mal lösen will diesen Konflikt Thomas Kronschläger. Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Germanistik der TU Braunschweig forscht seit Jahren zum Thema genderneutrale Sprache, genauer gesagt: Er forscht zu einer ganz besonderen Form der genderneutralen Sprache. Er nennt diese Form das „Entgendern nach Phettberg“.

„Gotty“ statt „Gott“

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Vorbild für diese Sprech- und Schreibart ist der österreichische Schauspieler, Aktionskünstler, Schriftsteller und Talkshowmoderator Hermes Phettberg. Er verwendet in seiner regelmäßigen Kolumne in der Wochenzeitung „Falter“ bereits seit vielen, vielen Jahren eine ganz besondere Form der Sprache: Er nennt seine Leser*innen nicht „Leser*innen“, sondern „Lesys“.

Phettberg schreibt in seinen Kolumnen über Politik und Kultur, aber auch über seinen beschwerlichen Alltag; Phettberg hat mehrere Schlaganfälle hinter sich und muss gepflegt werden. Seine Pflegerinnen und Pfleger bezeichnet er als „Nothelfys“, Teilnehmer*innen von Feiern nennt er „Teilnehmys“, Demonstrierende „Demonstrantys“ und selbst die Religion macht keinen Halt vor seiner Vorstellung der genderneutralen Sprache: Statt Gott thront über uns allen das „Gotty“.

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Wie die Phettberg-Sprache funktioniert, dürfte an dieser Stelle bereits einleuchtend sein: Statt einer männlichen oder weiblichen Form nutzt der Aktionskünstler stets die neutrale und hängt hinter jedes Wort ein y. Das klingt irgendwie niedlich, auf eine Art aber auch sehr logisch.

Phettberg entgendert seit Jahrzehnten

Das findet auch Thomas Kronschläger. Der Sprachwissenschaftler hat die Phettberg-Sprache genauestens erforscht und festgestellt, dass sie viele Probleme lösen würde – denn sie erfülle sowohl die Forderung des Sichtbarmachens als auch die der Sprechbarkeit, sagt Kronschläger.

Der Sprachwissenschaftler Thomas Kronschläger erforscht eine ganz besondere Form der genderneutralen Sprache. © Quelle: Jacqueline Tümler, TU Braunschweig
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Anders als andere Varianten der genderneutralen Sprache sei „diese Lösung einfach und kürzer als das bisher gebräuchliche Deutsch“, erklärt der Forscher dem RND. „Dadurch, dass durchgehend Genus Neutrum verwendet wird, kann die Form analog zum vorhandenen Sprachsystem gebildet werden, was sie sofort einsetzbar macht.“

Kronschläger ist sich so sicher in der seiner Annahme, weil er das Sprachkonstrukt genauestens unter die Lupe genommen hat. 20 Jahre Phettberg-Kolumnen seit der „Falter“-Ausgabe 30/1992 habe er durch eine Korpusanalysesoftware „gejagt“ und dabei 423 verschiedene Lemmata (Einzelnennungen) identifiziert. „Dadurch kann ich recht genau sagen, wie mit gewissen Formen umgegangen werden kann, und es gibt durch diese Form eine gewisse Sicherheit, was sie von anderen neugeschaffenen Formen unterscheidet“, erklärt der Sprachwissenschaftler.

Bei seiner Analyse habe er dann zwischen motivierten Personenbezeichnungen (aus dem Verb gebildet, beispielsweise „Fahrer“ – „Fahry“) und nicht motivierten Personenbezeichnungen (etwa „Wirty“ oder „Arzty“) unterschieden. Die Ergebnisse seiner Untersuchung plant Kronschläger nun, für die breite Öffentlichkeit aufzubereiten und zu publizieren.

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Alles klingt niedlich

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Vom sogenannten „Entgendern nach Phettberg“ ist Kronschläger heute überzeugt. Probleme könnte diese Form der genderneutralen Sprache aber dennoch mit sich bringen. Kronschläger hat die Phettberg-Methode auf sogenannten Science-Slams vorgestellt, Videos davon finden sich auf Youtube. In den Kommentaren schwankt das Publikum zwischen Begeisterung, Ratlosigkeit und Wut.

Während die einen den endgültigen Untergang der deutschen Sprache befürchten, stören sich andere vor allem daran, dass die Phettberg-Form zu „niedlich“ klingt. Das mag bei „Ärztys“ noch nicht so schlimm sein, aber konsequenterweise müsste es dann auch „Terroristys“ und „Mördys“ geben.

Für Kronschläger ist das jedoch nur eine Gewöhnungssache: „Ich verwende das nun seit drei Jahren und auch in meinem privaten Umfeld und bin daran gewöhnt, wie früher an die Sternform, deshalb empfinde ich es nicht mehr als besonders niedlich. Aber wenn unsere Welt oder gar die Gesellschaft dadurch ein Stück netter wird, kann ich das nicht schlecht finden.“

„Ein harmloser Scherz“

Ein anderer möglicher Konflikt: Andere Formen wie das Gendersternchen machen andere Geschlechter im Sprachbild sichtbar, durch eine auffällige, möglicherweise auch störende Unterbrechung. Die Gendermethode nach Phettberg stört weniger den Sprachfluss, lässt die Geschlechter aber auch gänzlich weg.

Für die Initiatorinnen des Projektes Genderleicht vom Journalistinnenbund kommt die Phettberg-Methode daher auch nicht infrage. Hier hat man es sich zur Aufgabe gemacht, mit den Mitteln der deutschen Sprache für Gendergerechtigkeit in den Medien zu sorgen. Die Phettberg-Methode allerdings bezeichnet man auf RND-Anfrage als „harmlosen Scherz, mehr nicht“.

„Die Entgendermethode nach Phettberg lässt keine Person mehr erkennen“, erklärt Sprecherin Christine Olderdissen die Problematik. Das sei „am Ziel vorbei“: „Geschlechtsneutral schreiben können wir (…) schon ohne derartig systemirrelevante Anhänge. Wo ein harmloses Sternchen Gendergegner auf die Barrikaden steigen lässt, hören wir jetzt schon das Geheule: Was, ihr nennt uns Gendergegnys?“

„Kein Unterschied zum Genderstern“

Für Thomas Kronschläger funktioniert die Phettberg-Variante jedoch ganz ähnlich wie ein Genderstern. „Es macht, ähnlich wie auch die *-Form und die _-Form sichtbar, dass Geschlecht nicht explizit sichtbar ist: Ich zeige dadurch, dass ich auch nicht binäre Menschen ansprechen möchte (statt nur mitzumeinen), wobei ich alle Menschen gleich anspreche. Das ist bei Fluchtformen wie ‚Leitung‘ statt ‚Leity‘, die ‚Wählenden‘ statt ‚Wählys‘ nicht so deutlich ersichtlich. Der Unterschied liegt also in der Intention, die hier markiert wird. Für diese Intention bedarf es auch der Verwendung neuer Formen, weil wir das sonst nicht versprachlichen können“, erklärt Kronschläger.

Grundsätzlich gebe es bei dem Thema unterschiedliche Ansätze: „Geschlechtergerechte Sprache diente dazu, Frauen sichtbar zu machen, geschlechtsneutrale schließt durch das Nichtmarkieren des Geschlechts auch Personen mit ein, die in der heteronormativen Ordnung keinen Platz finden“, erklärt er.

„Wie bei so vielen Themen kommt es immer darauf an, was ich ausdrücken möchte: Spreche ich von der Arbeiterinnenbewegung, will ich vielleicht eine Teilbewegung (die der Frauen) abgrenzen, spreche ich von der ArbeiterInnenbewegung, will ich Frauen sichtbar machen, Spreche ich von der Arbeitybewegung, mache ich das Geschlecht weniger relevant.“

Alltagstest bestanden

Dass die Phettberg-Form funktionieren kann, weiß Kronschläger nicht nur aus seiner Forschung, sondern auch aus seinem Alltag an der Uni. In einem Seminar zum gendersensiblen Literaturunterricht habe er seinen Studierenden diese Form und andere Formen vorgestellt und ihnen die Verwendung freigestellt.

Ein großer Teil habe sich für das Phettberg-Prinzip entschieden. In einem anderen Seminar habe man einen Versuch mit einem Gesetzestext gemacht, auch da hätten sich die „Studentys“ am häufigsten für das Entgendern nach Phettberg entschieden.

Und nicht nur das: Auch im Kreis seiner „Kollegys“ verwendeten viele die Form schon lange. Und selbst im privaten Umfeld spricht Thomas Kronschläger so. „Wenn ich Menschen neu kennenlerne, lasse ich die Form einmal fallen, erläutere das innerhalb kurzer Zeit und spreche ganz gewohnt mit dem y weiter. Bislang hat mir noch keine Person nicht zugehört, weil ich diese Form verwende, oder kategorische Ablehnung signalisiert“, betont er.

„Niemandem die Sprache aufzwingen“

Aufzwingen wolle Kronschläger diese Form der Sprache jedoch niemandem: „Ich akzeptiere bei Abgaben meiner Studentys alle Formen – auch das generische Maskulinum und ich reagiere auch privat nicht ablehnend auf das generische Maskulinum. Aber das Entgendern nach Phettberg verbreitet sich dennoch immer weiter, was mich doch sehr freut.“

Formen der gendergerechten oder genderneutralen Sprache hatten zuletzt immer häufiger Einzug in den Sprachgebrauch gehalten. Zuletzt hatte auch der Duden zahlreiche Änderungen eingearbeitet.

In dem Rechtschreibwörterbuch ist ein „Mieter“ nun beispielsweise keine Sammelbegriff mehr für Menschen, die eine Wohnung gemietet haben – sondern nur noch für männliche. Auch Wörter wie „Gästin“ und „Bösewichtin“ sind jetzt im Wörterbuch zu finden. Das „Arzty“ hingegen fehlt. Noch.

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