• Startseite
  • Medien & TV
  • "Artemis Fowl": Kritik zum Start auf Disney Plus - Spät kommt der Film über den Harry-Potter-Konkurrenten

Fauler Zauber: Spät kommt der Film über Harry-Potter-Konkurrent “Artemis Fowl”

  • Auf den Film um den jugendlichen Meisterkriminellen "Artemis Fowl" hat die Welt lange warten müssen.
  • Knapp 20 Jahre nach Erscheinen des ersten Romans startet am 14. August der erste Film bei Disney+.
  • Der einstige Regiemeister Kenneth Branagh hätte mit etwas mehr Begeisterung für seinen Stoff ein Franchise lostreten können.
|
Anzeige
Anzeige

Sapristi! Artemis Fowl! Den hatte man schon wieder vergessen! Fast zwei Jahrzehnte, nachdem der hinterhältige Anti-Harry-Potter des irischen Autors Eoin Colfer erstmals das Licht der Buchläden erblickte, sieben Jahre nach dem letzten Band, kommt nun also erst die erste Verfilmung. Das ist mal ein später Franchiseversuch.

Um korrekt zu bleiben: Eigentlich sollte die 125-Millionen-Dollar-Produktion schon im Vorjahr ins Kino kommen, dann wurde sie ins Frühjahr 2020 verschoben, jetzt versucht es der kindliche Bösewicht ganz ohne Kinoauswertung beim Streamingdienst Disney+. Der Corona-Filmstau sei Schuld, wurde geraunt. Nach Sichtung des Films dürften indes noch andere Gründe vermutet werden.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Ist das nicht Rubeus Hagrid, der Halbriese aus den Harry-Potter-Streifen, den britische Polizisten da zu Filmbeginn in ihre Minna zerren? Später erfahren wir, dass der wildbärtige Geselle Mulch Diggums (Josh Gad) heißt, dass es sich bei ihm um einen besonders üppig geratenen, kleptomanischen Zwerg handelt. Der erzählt den Behörden vom Aculos, einem “so mächtigen” Dingsbums, dass alle in der Fowl-Sphäre es besitzen wollen, einem “so mysteriösen Dingsbums” dass der Zuschauer eigentlich nur ungefähr erfährt, was damit eigentlich gedingsbumst wird (Weltenportale öffnen).

MacGuffin heißt ein solcher Handlungstreiber in der Filmsprache. Mulch will uns zudem von Magie erzählen und von Artemis Fowl natürlich. Ja, also, endlich, danke. Leider erzählt Mulch munter weiter - viel zu viel, oft das, was man sowieso auf den Bildern sieht, ein Erklärbär, der zudem Komma und Punkt nicht kennt.

Und leider erzählt sein Regisseur Kenneth Branagh nicht von Artemis Fowl. Jedenfalls nicht von dem Fowl, den wir aus dem Buch kennen, dem hintertriebenen, stark veränderungsbedürftigen jungen Meisterkriminellen. Der Schauspieler Branagh galt mal als große Regiehoffnung mit Hitchcock-artigen Thrillern und Shakespeare-Verfilmungen. In den Harry-Potter-Filmen spielte er Gary Lockhart, den eitlen Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste.

So umgänglich war Artemis Fowl im Buch nicht

Und irgendwie scheint er Fowl mit Potter verwechselt zu haben. Wie auch immer - der sperrige Buchheld ist hier viel umgänglicher, familienfreundlicher, disneyhafter - allenfalls etwas arrogant, aber insgesamt ziemlich charakterblass. Damit er nicht mit dem Hogwarts-Schüler verwechselt wird, sieht er ab Minute 45 aus wie ein 12-jähriger Blues Brother. Schwarzer Anzug, Schlips, Sonnenbrille.

Die Handlung: Artemis Senior (Colin Farrell), Artemis’ geliebter Vater, ist nach einer Serie von Jahrhundertdiebstählen, derer er verdächtigt wird, verschwunden. Artemis Junior (Robert Shaws Enkel Ferdia Shaw) bekommt den Anruf eines Entführers mit Weltbeherrschungsabsicht, und plant mit seinem Faktotum namens Butler eine Rettungsmission (noch so ein Blues Brother, vor allem aber noch ein Erklärbär - dieser Film ließe sich durchaus auch ohne Bilder nachvollziehen).

Der Film ist schon Judi Denchs zweiter Rollenmissgriff in Folge

Anzeige

Und Artemis bekommt Hilfe aus dem Bauch der Erde, aus den magischen Reichen, von denen der Vater immer erzählt hat. In der überraschend technikaffinen Welt von Haven leben Leprechaune, Zentauren, Trolle und Konsorten. Und Judi Dench ist dort mit spockspitzen Ohren und der Stimme eines stark verärgerten Grizzlybärs die Chefin der örtlichen Feenpolizei, die ihre Einheiten nach dem Aculos aussendet und zunächst die nette Fee Holly (Lara McDonnell) an die Erdoberfläche schickt. Später gibt es noch eine Art elfischer Normandieinvasion - allerdings an irischen Gestaden, sie gilt der Meerblickvilla der Fowls. Mit einem kernigen “Top of the Morning” begrüßt Dench pseudoirisch den Tag. Die Arme hat damit schon den zweiten direkten Rollenmissgriff nach der Altkatze in “Cats”getätigt.

Nichts stimmt hier, außer vielleicht den CGI-Effekten (voran die Time-Freeze-Szene beim Trollangriff auf eine italienische Hochzeit) und den Irland-Postkarten der Kamera von Harris Zambarloukis. Und wenig passiert hier, auch wenn die großen und kleinen Erklärbären das ständig suggerieren. Der geschwätzige Film wirkt wie ein Zweistünder, aus dem man die beste halbe Stunde herausgeschnitten hat.

Die Darsteller stellen wenig dar, fast so als habe man ihnen jedes Hineinfühlen in ihre Figuren verboten. Chris Columbus’ Nummernrevuen der ersten beiden Harry-Potter-Filme, ja sogar die Verfilmungen der Abenteuer von Götterspross Percy Jackson sind Tiefschürfer der Filmgeschichte gegen dieses Fest des Desinteresses.

Anzeige

Wann wir Muggel, sorry Menschen, zuletzt ein ähnliches Desaster erlebt haben? Da fällt uns lange nichts ein, und dann eigentlich nur Uwe Ochsenknecht, der 1988, dem Jahr, in dem der erste Harry-Potter-Roman auf deutsch erschien, in Hannovers Herrenhäuser Gärten im “Dracula”-Musical mit rumänischem Zungenschlag einen Vampirfürsten spielte, in einer Burg, die selbst aussah wie ein Vampir und deren Erkerchen im hannoverschen Wind flatterten wie Fledermausöhrchen. Damals hat man Tränen gelacht. Das Scheitern von Artemis Fowl dagegen ist nicht mal unfreiwillig komisch. Nur völlig uninteressant.

“Artemis Fowl”, Disney+, mit Ferdia Shaw, Judi Dench, Regie: Kenneth Branagh, 95 Minuten, streambar ab 14. August

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen