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Arte-Geschäftsführer Bergmann: „Uns interessiert das Alltägliche mehr als das Krasse“

  • 2011 hat Wolfgang Bergmann sein Amt als Geschäftsführer von Arte angetreten.
  • Damals habe er gefordert: „Wir müssen relevanter werden.“
  • Heute spricht er im Interview über Hintergründe, Notwendigkeiten und Zukunftsperspektiven des deutsch-französischen Kanals.
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Europa, das ist, je nach Perspektive, eine nicht zu bewältigende Großbaustelle oder die einzige Hoffnung auf eine prosperierende, friedliche Zukunft. Dass Europa als Debattenthema derart polarisiert, hat unter anderem mit den Folgen der Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie zu tun, aber gewiss auch mit dem reaktionären Regierungsstil in Ländern wie Ungarn oder Polen.

Herausfordernde Zeiten, auch für einen öffentlich-rechtlichen Sender wie Arte, der sich dem europäischen Gedanken seit jeher verpflichtet fühlt und dessen Programm gewiss nicht ohne Grund seit einiger Zeit merklich politischer geworden ist. Die Verantwortlichen sind sich ihrer Verantwortung bewusst. „Wir sind überzeugt, dass dieses Europa eine gute Zukunft hat, und wir wollen unseren Beitrag dazu leisten“, erklärt der Geschäftsführer von Arte Deutschland, Wolfgang Bergmann, im Interview. Er kündigt an: „Wir europäisieren unsere Programme weiter, werden relevanter und richten uns zunehmend an ein gesamteuropäisches Publikum - unter diesen Vorzeichen werden unsere Programmanstrengungen der nächsten Jahre stehen.“

Vor dem Neustart der Reportagereihe „Re:“ (ab Montag, 9. August, werktags, 19.40 Uhr) stellt Bergmann, der seit 2011 im Amt ist, klar: „Es geht letzten Endes darum, die Menschen in Europa zu verbinden. Darin sehe ich die zentrale Aufgabe eines Senders, der nach ganz Europa ausstrahlt.“

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Wie hat Ihnen als überzeugten Europäer und TV-Manager die Fußball-Europameisterschaft gefallen, Herr Bergmann?

Wolfgang Bergmann: Ganz gut. Ich habe mich auf das rein Sportliche fokussiert und kann sagen, dass meiner Meinung nach viele starke Spiele dabei waren - auch wenn das eine oder andere Eigentor zu viel gefallen ist.

War das Begleitprogramm nicht etwas dürftig? Wo waren die Geschichten über Land und Leute?

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Mag sein, dass es in dieser Hinsicht ein bisschen dünn war. Aber aus meiner Erfahrung weiß ich, dass bei sportlichen Großereignissen diese Beiträge ohnehin nicht verfangen - so gut gemeint so etwas auch ist. Was ich beeindruckend fand, war die Dokumentation „Schwarze Adler“ über Rassismus im Profifußball. Eine herausragende Sendung - das ZDF hat ihr mit der Ausstrahlung zur EM die angemessene Bühne gegeben. Wie wichtig das Thema nach wie vor ist, welche Probleme People of Colour in Europa nach wie vor haben, das haben wir dann ja leider während des Turniers und vor allem nach dem Elfmeterschießen im Finale gesehen.

Hat diese EM unter dem Strich auf den Zusammenhalt in Europa eingezahlt?

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Schwer zu sagen. Sie hat in meinen Augen nicht geschadet, immerhin. Aber die Zukunft Europas wird sicher nicht auf dem Rasen entschieden. Und so schlimm, wie es oft dargestellt wird, ist es um den Zusammenhalt der Europäer auch nicht bestellt. Wir haben bei allen politischen Verwerfungen, bei allen Gegensätzen auch zu Gemeinsamkeiten gefunden, und wir wissen, dass wir unsere großen Probleme nicht regional, sondern nur zusammen lösen können. Nicht ohne Grund ist etwa der Klimawandel auch immer wieder Thema in unseren Reportagen und Dokus.

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„So eine Sendung soll zu einer europäischen Öffentlichkeit beitragen“

Als vor vier Jahren die Reportagereihe „Re:“ startete, schrieb der „Spiegel“, das neue Format sei „die größte Programmanstrengung von Arte Deutschland in den letzten zehn Jahren“. Hat sich der Aufwand gelohnt?

Ohne Frage, ja. In der Tat war es ein enormer Schritt und eine der größten Programminnovationen bei Arte, eine werktägliche Reportagesendung zu etablieren. „Re:“ umfasst 170 bis 180 neuproduzierte 30-minütige Sendungen im Jahr - so etwas kostet viel Geld. Sie können sich vorstellen, dass es in der großartigen, aber nicht immer unkomplizierten Arte-Welt nicht ganz leicht gewesen ist, so ein Programm und die Logistik dafür auf die Beine zu stellen. Wir schaffen das aber mit gerade mal zwei Personen in der zentralen Steuerung. Der Rest läuft dezentral.

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Mit welcher Vision wurde „Re:“ aus der Taufe gehoben?

Unsere Motivation steckt schon im Titel: „Re“ - das steht für Antwort. Wir wollten der grassierenden populistischen Verunrationalisierung im Netz etwas Starkes entgegensetzen: ein spannendes, gut recherchiertes Reportageformat auf Augenhöhe, das unseren Zuschauern die verschiedensten europäischen Lebenswelten vermittelt. Wir leuchten den Alltag der Menschen in den unterschiedlichsten Ecken Europas aus, erzählen von ihrem Leben, von ihrem Glück und von ihren Sorgen und Nöten.

Ein bisschen Europa zum Anfassen also?

Das ist der Anspruch. Vor allem soll so eine Sendung zu einer europäischen Öffentlichkeit beitragen - daran mangelt es nach wie vor. Es geht darum, jenseits der tagesaktuellen politischen Themen aufzuklären, Empathie zu erzeugen. Es geht ums Entdecken, ums Zuhören, und letzten Endes darum, die Menschen in Europa zu verbinden. Darin sehe ich die zentrale Aufgabe eines Senders, der nach ganz Europa ausstrahlt.

Sie wollen also das sonst eher negativ dargestellte Europa-Bild aufpolieren?

So drastisch würde ich es nicht formulieren, aber es stimmt schon: Die Medien, wir alle neigen dazu, das Negative und Spektakuläre zu betonen. Alles, was schiefgegangen ist, verfängt. Wir wollen mit unseren Reportagen an einer anderen Quelle bohren. Uns interessiert das Alltägliche mehr als das Krasse, weil wir überzeugt sind, dass das gegenseitige Verständnis für unsere europäische Kultur überlebenswichtig ist. Natürlich ist Europa kein homogener Raum. Wir sind alle sehr verschieden in diesem kleinen Wurmfortsatz des asiatisch-eurasischen Kontinents. Gerade diese Verschiedenheit, die kulturelle Vielfalt, wollen wir betonen. Sie ist seit Jahrtausenden unsere Menetekel, aber sie ist heute auch unsere Chance und Stärke.

Wie ist die Resonanz?

Steigend! Unser täglicher Informationsblock mit dem „ARTE Journal“ um 19.20 Uhr und „Re:“ um 19.40 Uhr gewinnt sukzessive an Akzeptanz - wir sind momentan bei rund einem Prozent Marktanteil und liegen damit knapp unter dem Arte-Senderschnitt, was für Magazin- und Reportageformate sehr gut ist. Es kommen täglich Menschen hinzu, die Kontinuität zahlt sich aus. Die eigentliche Überraschung war Social Media. Einige Reportagen haben auf dem Arte-Youtube-Kanal ein Vielfaches an Zuschauern der linearen Ausstrahlung erreicht. Manche Beiträge sahen mehrere Millionen Menschen aus ganz Europa. Auch auf Facebook ist die Resonanz enorm.

Überhaupt ist der Kultursender Arte in den vergangenen Jahren deutlich relevanter geworden ...

Als ich vor einer Dekade mein Amt antrat, lautete mein Ceterum Cenceo in der Tat: „Wir müssen relevanter werden!“ Wir wollten den schicken Elfenbeinturm bewusst öfter als zuvor verlassen. Denn unser Kulturverständnis hat unmittelbar mit der real existierenden Welt zu tun, mit den Menschen und natürlich auch mit der Politik. In diesem Sinne wollten wir journalistischer wahrgenommen werden, deshalb haben wir all diese Programmanstrengungen unternommen und etwa auch unser Flaggschiff, den investigativen Themenabend am Dienstag, etabliert.

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Wie eng Politik und Kultur beisammen liegen, hat man in den vergangenen 17 Monaten gesehen. Wie sind Sie mit Arte bisher durch die Corona-Zeit gekommen?

Als es im März 2020 in den Lockdown ging, habe ich, wie alle anderen auch, erst mal gebraucht, bis ich die Orientierung wiedergefunden hatte. Aber dann war klar: Wir haben hier bei ARTE einen Job zu tun! Denn gerade im kulturellen Bereich haben wir eine besondere Verantwortung. Zum einen ging es darum, im Programm eine kulturelle Grundversorgung aufrechtzuerhalten, und zum anderen wollten wir möglichst vielen Künstlerinnen und Künstlern Auftrittsmöglichkeiten geben. Dafür schufen wir Formate, die sehr gut funktionierten. Ich denke nur an die Konzertreihe „Hope@Home“, die bei uns ein paar Tage nach dem Lockdown aus dem Boden gestampft und dann 140-mal aus dem Wohnzimmer des Star-Geigers Daniel Hope produziert wurde. In den eineinhalb Jahren der Sendung traten über 350 Künstlerinnen und Künstler auf. Nur ein Beispiel, wie wir versucht haben, aus der Not eine Tugend zu machen.

Während im Sommer viele kulturelle Veranstaltungen ausfallen, können die Salzburger Festspiele wie schon im Vorjahr stattfinden. Am Samstag, 7. August, steht bei Arte etwa eine Übertragung des „Don Giovanni“ auf dem Programm.

Ja, ein echter Höhepunkt in unserem Kulturprogramm. Salzburg ist ohnehin ein absoluter Leuchtturm - auch für uns. Wir sind während des Festivals noch bis Ende August an den Wochenenden von Freitag bis Sonntag mit ausgewählten Highlights dabei, und die Zuschauer können sich schon jetzt auf „Tosca“ mit Anna Netrebko freuen - wir werden die Oper live auf Arte Concert streamen und zu Anna Netrebkos 50. Geburtstag am 18. September im TV-Programm ausstrahlen.

Die Mediathek spielt auch bei Arte eine immer größere Rolle. Hat sich die Resonanz schon dorthin verschoben?

Von einer Verschiebung kann eigentlich keine Rede sein. Grundsätzlich gehört ja auch das lineare Fernsehen zu den großen Gewinnern der Pandemie. Totgesagte leben länger - auch Arte hat signifikante Zuwächse zu verzeichnen. Wir haben unsere Marktanteile insgesamt steigern können - im nonlinearen Bereich noch deutlich mehr als im linearen. Es gibt also eine Tendenz: Nonlinear wächst - jedoch nicht auf Kosten unseres linearen Angebots. Allerdings muss man nüchtern feststellen, dass für die Altersgruppe der 14- bis 30-Jährigen das lineare TV-Programm fast keine Rolle mehr spielt und dass immer mehr der älteren Zuschauer nicht mehr trennen: Sie schauen sowohl das eine als auch das andere.

Eine Herausforderung zweifellos ...

Aber auch eine große Chance. Denn insgesamt wächst das an Arte interessierte Publikum ja. Für uns heißt das: Wir müssen mit großer Sorgfalt weiterhin unser lineares Programm bespielen, aber genauso ambitioniert die Mediatheken ausbauen.

Über alle Sender hinweg hatten die politischen Talksendungen zuletzt die größten Zuwächse zu verzeichnen. Wann kommt die paneuropäische Talkshow auf Arte?

Es gab entsprechende Experimente, aber wir tun uns damit zugegeben recht schwer - was vor allem mit der Sprachproblematik zusammenhängt. Daher wird es wohl kein regelmäßiges Talkformat bei uns geben. Aber grundsätzlich ist das schon der Weg, den wir weitergehen werden: Wir europäisieren unsere Programme weiter, werden relevanter und richten uns zunehmend an ein gesamteuropäisches Publikum - unter diesen Vorzeichen werden unsere Programmanstrengungen der nächsten Jahre stehen. Wir sind überzeugt, dass dieses Europa eine gute Zukunft hat, und wir wollen unseren Beitrag dazu leisten.

Eigentlich wäre der Eurovision Song Contest bei Arte doch goldrichtig aufgehoben, oder?

Klingt gut, vielleicht haben wir den ESC ja eines Tages (lacht). Aber vorerst jubeln wir über unseren eigenen ESC - den „Beethoven-Tag“ am 6. Juni. Von neun verschiedenen Orten in Europa wurden alle neun Beethoven-Symphonien übertragen. Die Resonanz darauf stellte alles in den Schatten, was wir bisher im klassischen Bereich im Programm hatten. Uns haben auf allen Kanälen so viele positive Rückmeldungen erreicht wie nie zuvor. Viele Zuschauer sagten, dass sie noch nie so lange am Stück ferngesehen haben wie an diesem Tag. Was waren das für tolle Bilder: Wir waren in der Kulisse von Delphi, wir waren in einer finnischen Holzkirche, wir waren im Belvedere in Wien ... - Das war Arte, das war Europa at it’s best.

RND/Teleschau

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