Warum gab es keinen ESC-Vorentscheid? Der ARD-Verantwortliche im Interview

  • Der 22-jährige “The Voice”-Finalist Ben Dolic vertritt Deutschland beim ESC 2020.
  • Erstmals seit elf Jahren durfte das deutsche Publikum nicht mitentscheiden.
  • Warum nicht? Der ESC-Beauftragte Thomas Schreiber im RND-Interview.
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Der 22-jährige Sänger Ben Dolic vertritt Deutschland beim Eurovision Song Contest in Rotterdam. Das haben zwei vom NDR installierte Jurys entschieden. Das Fernsehpublikum blieb außen vor – einen Vorentscheid gab es in diesem Jahr nicht. Warum dieses Verfahren? Und warum hoffen die ESC-Verantwortlichen, dass Ben Dolic die deutsche Dauerschmach beim ESC beenden könnte? Fragen an den ARD-Unterhaltungschef und ESC-Beauftragten Thomas Schreiber:

Herr Schreiber, warum durfte das deutsche Publikum in diesem Jahr nicht mitentscheiden, wer zum Eurovision Song Contest fährt?

Es sind ja Zuschauer aus Deutschland, die entschieden haben! Solche, die vorher bewiesen haben, dass sie sich mit dem ESC bestens auskennen. Wir haben noch vor dem ESC 2019 in Tel Aviv über soziale Medien in ganz Deutschland aufgerufen: “Werdet Teil der Jury.” Damit haben wir 2,26 Millionen Menschen erreicht. Knapp 15.000 von ihnen haben sich dann mit den Songs vom ESC beschäftigt. Und nachdem wir das Endergebnis von Tel Aviv kannten, haben wir verglichen: Wer lag am nächsten am Geschmack der europäischen TV-Zuschauer? Diese 100 Menschen wurden unsere Eurovision-Jury. Sie entschieden sich gemeinsam mit 20 ESC-Experten aus nationalen ESC-Jurys in ganz Europa für Ben Dolic mit dem Titel “Violent Thing”.

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Warum gab es keinen Vorentscheid?

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Es gibt da eine interessante Statistik. Im vergangenen Jahr hatte der deutsche Vorentscheid “Unser Lied für Israel” im Ersten eine überschaubare Reichweite: knapp drei Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer – bei ziemlich großem Aufwand. Von diesen knapp drei Millionen Zuschauern haben 163.000 per Telefon und SMS ihre Stimme abgegeben. Beim “großen ESC” aus Tel Aviv, den mehr als acht Millionen Menschen im Ersten gesehen haben, haben 406.000 Menschen per Telefon und SMS abgestimmt. Das waren aber ganz andere Zuschauer als im Vorentscheid: Nur 27.000 Menschen haben in beiden Sendungen abgestimmt. Das heißt: Beim großen ESC-Finale aus Tel Aviv gab es knapp 380.000 Menschen oder umgerechnet 93,4 Prozent aller deutschen Voter, die beim deutschen Vorentscheid nicht mitgemacht hatten.

Das heißt: Es gibt wenig Schnittmengen beim Publikum?

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Ja. Eine richtig große Reichweite beim Vorentscheid hatten wir nur, als 2010 Lena gewählt wurde. Und dann wieder 2016, als sicher war, dass Xavier Naidoo nicht mitmachen würde. Das waren zwei Sondereffekte. Und es gibt noch einen Unterschied: Ältere Zuschauer stimmen eher per Telefon ab, jüngere eher per SMS. Beim Vorentscheid hatten wir deutlich mehr Anrufe als SMS: 70 zu 30 Prozent. Beim großen ESC war es genau andersherum: 30 Prozent Anrufe, 70 Prozent SMS.

Grob gesagt: Die Älteren gucken den Vorentscheid und rufen an. Die Jüngeren gucken den ESC und simsen.

So ist es. Das heißt für uns: Wir haben viele der Menschen, die beim ESC abstimmen, mit dem Vorentscheid nicht erreicht. Das ist aber die Gruppe, die am Ende über den ESC-Sieger entscheidet – auch wenn sie nicht für den eigenen Kandidaten abstimmen kann. Aber wie erreiche ich die Jüngeren, wenn eine traditionelle Fernsehsendung nicht funktioniert? Da wurde die Idee für die 100-köpfige Eurovision-Jury geboren. Unser Ziel ist: Wir wollen einen Act, der in Europa bestehen kann.

“Wir wollen einen Act, der in Europa bestehen kann”: ESC-Teilnehmerin Jamie-Lee Kriewitz 2016 mit dem ESC-Beauftragten und ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber. © Quelle: picture alliance / Sven Simon

Und 120 Juroren trauen Sie mehr ESC-Geschmack zu als dem deutschen Fernsehzuschauer?

Das lässt sich nicht vergleichen, weil es ein völlig anderer Ansatz ist. Wir mussten auf die Tatsache reagieren, dass die Beiträge aus Deutschland – von Michael Schulte und seinem sehr persönlichen Song abgesehen – in den vergangenen Jahren international nicht so positiv bewertet wurden.

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Lag das nicht vielleicht auch am schwachen Angebot im Vorentscheid?

Ich glaube, dass wir in den vergangenen Jahren sehr starke Acts dabeihatten. Die waren aber nicht immer die Sieger im Vorentscheid. Wir versuchen deshalb etwas Neues: Die Eurovision-Jury bildet den Geschmack der internationalen Zuschauer ab. Und dazu kommt die Expertenjury aus 20 Musikfachleuten, die in nationalen ESC-Jurys bewiesen haben, dass sie eine besondere Trüffelnase haben.

Wie kam die Song- und Künstlerauswahl denn zustande?

Ganz wichtig: Weder der NDR noch irgendwelche Partner haben den Auswahlprozess beeinflusst. Wir haben Künstler und Komponisten eingeladen, sich zu bewerben. Danach hatten wir eine Auswahl von 607 Künstlern und 598 Songs. Die Juroren haben in mehreren Wahlgängen schrittweise auf den harten Kern reduziert. Die verbliebenen zehn Künstler mit 17 Songs haben dann im November in einem Kölner Tonstudio 20 Videos gedreht, die den beiden Jurys vorgespielt wurden. Und seit dem 12. Dezember steht fest, wer ihrer Meinung nach Deutschland beim ESC 2020 in Rotterdam vertreten soll. Seitdem haben wir das Musikvideo produziert und uns über Choreografie-Ideen verständigt.

Ben Dolic ist 22 Jahre alt und war Zweitplatzierter bei “The Voice” 2018. Sind Sie zufrieden mit der Wahl?

Ja, ich bin sehr happy. Ben ist ein herausragender Sänger und liebt die Bühne. Sein Titel “Violent Thing” ist eine Uptempo-Nummer, bei der sich jeder gerne bewegen möchte. Und Ben startet in einem Wettbewerb, der – Stand heute – von Balladen geprägt ist. Einen Song wie diesen erwartet man beim ESC nicht unbedingt aus Deutschland.

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Benjamin Dolic wird für Deutschland beim ESC antreten. © Quelle: picture alliance/dpa

Der neue Prozess wirkt aber schon auch sehr bürokratisch und deutsch: Es geht um Kompetenzen, Formeln, Statistiken, Experten, Rechenexempel – wo bleiben da Gefühl und Lockerheit?

Die 120 Jurorinnen und Juroren haben nicht analytisch entschieden. Sie haben sich von der Musik berühren lassen – im Herzen, im Bauch oder im Hirn. Beim ESC dominiert nicht, was in Hitparaden berechenbar Erfolg hat. Das wären eher Hip-Hop oder Rap. Wir glauben schon, dass wir den Kriterien, die bei einer solchen Fernsehsendung zählen, mit diesem Verfahren so nah wie möglich gekommen sind.

Warum gelingt es Ihnen eigentlich nicht im gleichen Maße wie damals Stefan Raab, den ESC zum Gesprächsthema zu machen?

In diesem Jahr haben wir die Informationen im Vorfeld bewusst verknappt, um in Ruhe alles vorbereiten zu können. In den Vorjahren haben wir aber schon ein großes Rad gedreht, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Die gab es aber nicht immer – und wenn, dann zum Beispiel auch, wenn es eine Skandalisierung gab.

So wie 2015, als Andreas Kümmert auf offener Bühne absagte. Oder als Xavier Naidoo antreten sollte, aber nach heftiger Kritik an früheren politischen Äußerungen dann doch nicht fuhr.

Genau. Aber Skandalisierung ist nicht der richtige Weg. Der Sendung “Unser Star für Oslo” ging ja damals auch eine heftige Debatte voraus: Darf die ARD mit Pro7 zusammenarbeiten? Das ging so weit, dass Stefan Raab das Projekt zwischendurch abgesagt hatte. Und in den Jahren davor gab es eine über die Boulevardmedien vorbereitete vorsätzliche Skandalisierung des ESC.

Sie meinen die Trashphase des ESC, die mit der künstlichen Erregung um den Auftritt von Guildo Horn 1998 begann?

Guildo Horn ist ja toll, aber es waren im Vorentscheid zum Beispiel auch Rudolph Mooshammer oder Zlatko dabei. Solche Namen sind aber keine Grundlage, um dauerhaft mit ernst zu nehmenden Künstlern und Komponisten arbeiten zu können. Und wir brauchen eine zukunftsfähige Zusammenarbeit mit Musikern und Machern, die sich für den ESC wirklich interessieren und ihr Handwerk verstehen. Kreative, die den ESC als das sehen, was er sein kann: ein Sprungbrett für junge Künstler. Michael Schulte, Lena und Roman Lob sind die besten Beispiele dafür, dass es auch ein Leben nach dem ESC gibt. Aber dazu muss dieser Mensch vorher in der ESC-Welt als seriöser Teilnehmer wahrgenommen werden.

Deutschland war in 63 Jahren siebenmal Letzter beim ESC, zuletzt 2005, 2015 und 2016. Außer bei Michael Schulte war das deutsche Abschneiden zuletzt eine Chronik des Elends. Warum sagen Sie nicht einfach ab?

Der Eurovision Song Contest ist die größte Livefernsehshow auf der Erde: An diesem einen Abend im Mai 2020 kommen 40 europäische Länder und Australien zusammen. Das gibt es nirgendwo sonst. Und auf Michael Schulte zum Beispiel hätte vor seinem vierten Platz in Lissabon auch nicht jeder in Deutschland sein Monatsgehalt gesetzt. Aber als er so weit vorne landete, lag plötzlich eine Art Lächeln über dem Land. Und wir haben die Hoffnung, mit dem neuen Auswahlprozess vielleicht ein bisschen öfter ein solches Lächeln zu erzeugen.

Welche Platzierung erhoffen Sie sich für Ben Dolic in Rotterdam?

Einen Platz in den Top Ten.

Die ARD stellt den deutschen ESC-Kandidaten Ben Dolic und seinen Titel “Violent Thing” heute Abend um 21.30 Uhr in der Sendung “Eurovision Song Contest 2020 – Unser Lied für Rotterdam” im ARD-Schwestersender One vor. Das Finale des Eurovision Song Contests findet am Sonnabend, 16. Mai, in Rotterdam statt. Zum ersten Mal kommentieren Peter Urban und Michael Schulte gemeinsam. Das Erste, One und eurovision.de übertragen das Finale live ab 21 Uhr. Die Halbfinale werden am 12. und 14. Mai live jeweils ab 21 Uhr auf One und eurovision.de gesendet.

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