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Jahresrückblick von Dieter Nuhr: Beim „Gender-Gaga“ tobt der Saal

Dieter Nuhr bei einem Open-Air-Auftritt (Archiv).

Berlin.Fast eine halbe Stunde lang konnte sich der treue Dieter-Nuhr-Fan vor dem Fernseher durchaus eines fragen: Ja, wo isser denn eigentlich? Der gute alte Dieter Nuhr, der mit den Greta-Witzen. Der etwas rückständige Meckeronkel, der die „Cancel Culture“ und die sozialen Netzwerke als die größte Bedrohung der Gesellschaft sieht – gleich nach den viel zu lauten Fridays-for-Future-Aktivisten, versteht sich.

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Tatsächlich kam der Name „Greta Thunberg“ in Dieter Nuhrs einstündigem Jahresrückblick am Dienstagabend in der ARD nicht ein einziges Mal vor – und Fridays for Future bekam erst kurz vor Schluss einen kleinen Seitenhieb weg. Bei der Bundestagswahl 2021 hatte schließlich nur jeder vierte Erstwähler die Grünen gewählt – sogar die FDP hatte mehr Stimmen bekommen. Offenbar sehr zur Freude des Kabarettisten.

Auch ansonsten war Nuhrs Rückblick ungewöhnlich an der Mehrheitsmeinung orientiert, im Vergleich zu früheren Auftritten gerade zu harmlos. Auf Impfgeschwurbel, wie etwa das seiner Kabarettkollegin Lisa Fitz, wartete man vergebens – ebenso wie auf Sympathien für die zahlreichen Corona-Demonstranten in den Städten.

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Nuhr gegen Impfgegner

Ganz im Gegenteil. Er sei geboostert, gibt Nuhr zu. Den rechten Arm habe er danach tagelang nicht mehr hochbekommen – „für manchen Impfgegner in Sachsen eine Katastrophe“.

Mehr als die Hälfte des Programms beschäftigt sich mit der Corona-Pandemie und mit der Zögerlichkeit der Deutschen beim Impfen. Im Saal des Berliner Friedrichstadtpalastes habe während der Aufzeichnung 2G plus geherrscht, sagt Nuhr. „Nächstes Jahr werden auch die Ungeimpften wieder dabei sein, weil sie ja dann genesen sein werden. Bis auf die, die es nicht packen werden.“

Für die Impfskepsis scheint Nuhr kein Verständnis zu haben. „Viele sagen: Lieber sterbe ich, bevor ich mir durch die Impfung die Gesundheit ruiniere. Da muss man auch erst mal drauf kommen.“ Auch seien viele skeptisch, weil sie nicht wüssten, was in den Impfstoffen eigentlich drin ist. „Aber ziehen sich dann auf dem Weihnachtsmarkt den Glühwein rein und eine Bratwurst mit eiterfarbenem Senf.“ Nuhrs Vertrauen in Biontech sei jedenfalls „weitaus höher als das in unsere Bratwürste“.

Ab unter die Gürtellinie

Das Lieblingsopfer des Kabarettisten an diesem Abend: Gesundheitsminister Karl Lauterbach. „Der Fürst der Finsternis, die fleischgewordene Apokalypse“, wie Nuhr sagt. „Was macht der Mann, wenn Corona wirklich mal vorbei sein sollte und er nicht jeden Abend in einer Talkshow sitzen kann? Er wird sich eine Wohnung suchen müssen.“

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Als Nuhr die neue Außenministerin Annalena Baerbock erwähnt, braucht es schon gar keine Witze mehr – etwa über ihr, laut Nuhr, schlechtes Englisch. Das Publikum im Saal liefert allein schon beim Namen der Grünen-Politikerin spöttisches Gelächter.

Joe Biden bezeichnet der Kabarettist dann als „Mumie“ („Besser ein Untoter als ein Hirntoter“) – und driftet ansonsten erstaunlich oft unter die Gürtellinie ab. Mal geht es um Erektionsstörungen, mal um Stuhlgang und dann um Geschlechtsteile.

Beim Thema Gendern tobt der Saal

Das soll also ein Dieter-Nuhr-Jahresrückblick sein? Wo sind denn all die Witze hin, die halb Twitter auf die Palme bringen? Nun, nach 29 Minuten, endlich, ist alles wieder beim Alten. Nämlich dann, als Nuhr vom Impfen wieder gekonnt in sein Lieblingsmetier abdriftet: die wild gewordene linke Gender-Gaga-Blase.

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Er habe sich beim Arzt gegen alles Mögliche Impfen lassen, erzählt Nuhr – gegen Röteln etwa, weil das ja in der Schwangerschaft gefährlich sei. „Mein Arzt hat gesagt, ich soll das mitmachen, weil das Geschlecht ja nur eine soziale Konstruktion ist.“ Der Saal grölt und jubelt – genau dafür hat man schließlich Eintritt gezahlt.

„Das Gendern hat sich durchgesetzt. Gegen den Willen der Mehrheit“, beklagt Nuhr. „Aber wen interessiert das. Kaum noch eine Sendung im Fernsehen ...“ (Das Publikum applaudiert und jubelt erneut) „... in der nicht durch einen Schluckauf der Sprecher*innen demonstriert würde, dass man gesinnungstechnisch auf der Seite des Fortschritts ist. Und nicht aufseiten des dummen Publikums, dem das mehrheitlich auf den Sack geht.“ In der Pause des Wortes „Sprecher*innen“ zieht Nuhr eine Grimasse.

Bei „Journalist*innen“ zieht Nuhr die Nase hoch

Nuhr weiter: „Ich weiß nicht, ob ich es sinnvoll finde, wenn eine gesellschaftliche Gruppe sprachlich repräsentiert wird durch eine Pause beim Sprechen. Besser wäre doch, man würde die Pause durch ein deutliches Geräusch ersetzen, um denen, die sich nicht in das binäre Mann-Frau-Schema einordnen können, lautstark einen Platz zu geben. Das sollte doch kein Problem sein für unsere Journalist*innen.“ Das Geräusch, das Nuhr meint und in der Sprechpause macht, ist ein lautes Hochziehen der Nase.

Nuhr jedenfalls wolle seine seit der Kindheit tief ins Unterbewusstsein eingegangene Art zu sprechen „nicht der politischen Opportunität anpassen“, wie er sagt. Er schließt seinen Rant daher mit einem frauenfeindlichen Witz, bei dem sich das Publikum noch einmal doppelt auf die Schenkel haut: „Wir leben hier ja nicht in 1984. Und ich glaube, der Tisch ist einfach kein Mann. Die Matratze ist nur selten eine Frau.“

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Da isser also wieder. Der gute alte Dieter Nuhr. Ein bisschen rückständig und allergisch auf alles, was nur ein kleines bisschen zu modern erscheint. Hauptsache, deutsche Rapper fangen jetzt nicht noch an zu gendern, hofft Nuhr – trotz „Deutschrap #MeToo“. Es sei „der Spaß am Rap, dass er rotzig ist und prollig ist und böse und unkorrekt. (...) Wer nicht will, dass seine Mutter gefickt wird, soll Helene Fischer hören.“

Alles beim Alten

Und natürlich ging auch dieses Programm von Dieter Nuhr nicht ohne die erwartbaren Reaktionen in den sozialen Netzwerken einher, allen voran Twitter. „#Nuhr macht sich über nicht binäre Menschen lustig, indem er statt eines Sternchens in der Sprache seinen Rotz hochzieht. Wie widerlich wird es noch werden“, twittere etwa der Chefredakteur der „Frankfurter Rundschau“ Thomas H. Kaspar am Abend.

Grünen-Politikerin Renate Künast antwortete und forderte direkt eine Stellungnahme der ARD ein: „Und @ard dazu!?“

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Und so war es dann eben doch wieder ein ganz gewöhnlicher Nuhr-Jahresrückblick mit den zu erwartenden Witzen und den zu erwartenden Reaktionen. Ein Auftritt kurz vor Weihnachten, so erwartbar wie der alljährige Wham-Song. Und ein Auftritt, der zum Glück erst in 365 Tagen wiederkommt.

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