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ARD-Doku „Markt der Hoffnung“: Ernüchternde Fakten über vermeintliche „Wunderwaffen“ gegen Krebs

  • Zielgerichtete Hormontherapie, Antikörpertherapie, Gentherapie.
  • Immer mehr neue „Wunderwaffen“ gegen den Krebs kommen auf den Markt.
  • Was sie bringen und mit welchen Risiken sie zum Patienten gelangen, untersuchte eine ARD-Dokumentation.
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Kaum etwas im Gesundheitswesen ist so teuer wie die Entwicklung von Onkologika. Die Ausgaben für Krebsmedikamente sind in den letzten Jahren um über 50 Prozent gestiegen, auf mehr als 8,6 Milliarden Euro in 2019. Auf neuen und teuren Medikamenten, beispielsweise auf Immun- und Antikörpertherapien, ruhen jedoch die Hoffnungen vieler Schwerkranker. Aber was bringen sie wirklich - und wie kommen die neuen Medikamente auf den Markt? Dies untersuchte am Montag zur besten Sendezeit die ARD-Doku „Markt der Hoffnung - Krebsmedikamente“. Was waren die wichtigsten Erkenntnisse?

Zum einen: Die Planung der Therapien ist mittlerweile selbst für erfahrene Onkologen schwierig geworden. 237 Krebsmedikamente sind gegenwärtig auf dem Markt - davon sind etwa ein Drittel neue Medikamente, die in immer neuen Kombinationen verabreicht werden können. „Ob ein Medikament wirkt, weiß man eigentlich nicht im Vorhinein“, sagt Friedemann Schad, Leiter des Onkologischen Zentrums der Fachklinik Havelhöhe. „Es gibt immer Responder und Nicht-Responder.“

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Hinzukommen immer wieder Medikamente mit schweren und nicht gerade seltenen Nebenwirkungen. Die Doku stellt eine Patientin vor, deren Blutkrebs mit Ibutrinib behandelt wurde, einem am Markt wirtschaftlich sehr erfolgreichen Präparat gegen seltene Formen der Leukämie. Unter dem Handelsnamen Imbruvica hat das Produkt der Firma Janssen laut einer WHO-Datenbank unter 90.000 Probanden 13.500 schwere Nebenwirkungen und 303 Todesfälle ausgelöst. Dennoch gilt es als Blockbuster unter den Krebsmedikamenten.

28 Prozent der Onkologika kommen im beschleunigten Zulassungsverfahren

Weil die ohnehin große Pharmazeutika-Gewinnspanne bei Krebsmitteln besonders hoch ist, ebenso wie der Wunsch von Patienten nach einem Wundermittel, kommen diese Mittel immer öfter in einem beschleunigten Zulassungsverfahren auf den Markt. Andererseits steigen die Überlebensraten nicht so stark an wie gehofft. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Bundesärztekammer, ist der Meinung: „Wir sind in einer Situation, dass wir immer mehr beschleunigt zugelassene Arzneimittel mit immer weniger Sicherheit hinsichtlich des tatsächlichen Nutzens haben. Und wir sind in der Situation, dass wir dafür sehr, sehr viel Geld ausgeben.“

Die Doku berichtet vom Beispiel eines Medikaments für spezielle Tumormutationen, das für 17 Krebsarten zugelassen wurde, wovon die Hälfte dieser Krebsarten nur Studien an weniger als zehn Patienten vorweisen konnten. Drei Krebsarten warteten gar nur mit einen Probanden auf. Ein Extrembeispiel, wie die Doku zugibt, aber eines, das die Tendenz aufzeigt. „Wir wissen zu wenig über die Nebenwirkungen“, ist sich Wolf-Dieter Ludwig sicher. Seit 2015 kamen sagen und schreibe 28 Prozent der Onkologika im beschleunigten Zulassungsverfahren auf den Markt.

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„Die klassischen Methoden der Verbesserung sind ausgereizt“

Auch mit der Wirkung der neuen Medikamente sieht es leider nicht gut aus. „Nur etwa bei 50 Prozent der neuen Zulassungen wird ein Vorteil gegenüber bestehenden Standardtherapien nachgewiesen“, sagt Thomas Kaiser, Ressortleiter Arzneimittelbewertung der IQWIG in Köln, einem renommierten unabhängigen Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. „Zu wenig“, nennt Kaiser das. Bei 40 Prozent der seit 2011 zugelassenen Krebsmedikamente können die Fachleute des IQWIG gar keine Verbesserung messen. Die für die Zulassung neuer Medikamente zuständige Europäische Arzneimittel-Agentur EMA verteidigt diese eher schwache Statistik mit dem Prinzip der Hoffnung, das man dem einzelnen Patienten selbst bei geringeren Chancen auf Verbesserung seiner Situation zugestehen muss.

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Auch das RKI bewertet den Erfolg der neuen Krebsmedikamente eher nüchtern. Die größten Fortschritte in der Krebstherapie fanden in den 90-ern statt. Zwischen 1997 und 2007 überlebten zwölf Prozent mehr Krebspatienten als zuvor, dank verbesserter Methoden bei OPs oder der Früherkennung. In den zehn Jahren danach, also zwischen 2007 und 2017, stieg die Überlebensrate nur noch um drei Prozent.

Klaus Kraywinkl, Leiter des Zentrums für Krebsregisterdaten beim RKI, sieht diese Entwicklung dennoch nicht als Armutszeugnis: „Die klassischen Methoden der Verbesserung sind ausgereizt. Moderne Technologien müssen umgesetzt werden, wir sehen aber noch keine Effekte.“ Bleibt für die Patienten nur die Hoffnung, das sie zu jener Responder-Gruppe gehören, die auf die neuen Medikamente positiv reagieren - und auf einen Durchbruch bei der Suche nach wirklich bahnbrechend neuen und erfolgreichen Krebs-Killern.

RND/Teleschau

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