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ARD-Chefin über Angriffe auf Journalisten: „Wir lassen uns nicht einschüchtern“

„Was ich bisweilen an Bildern sehe und an Parolen höre, ist unerträglich“: Patricia Schlesinger, Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg (rbb) und seit Januar neue ARD-Vorsitzende.

Frau Schlesinger, bei einer Demo gegen Corona-Maßnahmen in Cottbus wird zur Jagd auf ein rbb-Team aufgerufen, ein Kollege ist in einem Restaurant unerwünscht wegen seiner Arbeit. Die Fälle häufen sich. Was bedeuten derlei Attacken für die tägliche Arbeit Ihrer Redaktionen?

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Wohl wahr, die Fälle häufen sich, immer wieder kommt es nicht nur zu verbalen Attacken. Für die Redaktionen heißt das, dass sie sich und die Reporterinnen und Reporter intensiv vorbereiten und die jeweilige Bedrohungslage einschätzen müssen. Am wichtigsten ist und bleibt, dass sie unbeschadet bleiben. Und dennoch: Wir lassen uns nicht einschüchtern. Uns ist es wichtig, präsent zu sein, Journalisten in der Region zu haben, die durch die Lande fahren, Menschen begegnen, ihnen zuhören und natürlich über das, was wichtig ist, berichten.

Aber wie kann der rbb, wie kann auch die ARD die Mitarbeiter besser schützen? Welche konkreten Maßnahmen haben Sie ergriffen?

Schon seit Längerem sind unsere Reporter bei solchen Demonstrationen mit Wachschutz unterwegs. Die Einsätze werden vorab genau besprochen. Auch die Zusammenarbeit mit der Polizei und dem Staatsschutz ist eine Schutzmaßnahme für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort.

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„Es gibt eine neue Dimension der Aggressivität gegenüber Medien“: Patricia Schlesinger, Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg (rbb) und neue ARD-Vorsitzende.

„Es gibt eine neue Dimension der Aggressivität gegenüber Medien“: Patricia Schlesinger, Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg (rbb) und neue ARD-Vorsitzende.

Und wie beurteilen Sie die Aggressivität der Corona-Leugner gegenüber der Medienwelt insgesamt? Sehen Sie in den vergangenen Monaten eine neue Dimension der Bedrohung?

Ja, es gibt eine neue Dimension der Aggressivität gegenüber Medien. Was ich bisweilen an Bildern sehe und an Parolen höre, ist unerträglich.

Gibt es etwas, was Ihnen auch Hoffnung macht?

Ich sehe auch, dass sich zivilgesellschaftliches Engagement formiert, dass die Menschen ihre Plätze, ihre Lebensräume zurückerobern und die Grundwerte unserer demokratischen Gesellschaft schützen wollen. Das stimmt mich mittlerweile zuversichtlich.

Ohne freie Presse keine freie Gesellschaft

Immer wieder werden Journalisten bei Corona-Protesten bedroht und angegriffen. Das muss aufhören.

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Drohungen und Beleidigungen erleben fast alle großen Medien, insbesondere aber ARD und ZDF. Warum ist Ihrer Ansicht nach vor allem der öffentlich-rechtliche Rundfunk zur Zielscheibe geworden?

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist ein Teil des Rückgrats der Demokratie. Insofern ist es geradezu folgerichtig, dass Feinde der Demokratie ARD und ZDF als ihren natürlichen Gegner begreifen. Wir sind wichtig für eine kluge und differenzierte Meinungsbildung. Wir beleuchten Themen aus unterschiedlichen Perspektiven, polarisieren nicht, sondern informieren. Das ist sicher einigen ein Dorn im Auge. Es ist befremdlich, wenn Demonstranten einerseits beklagen, dass es in Deutschland angeblich zu wenig Meinungsfreiheit geben soll und andererseits derart intolerant gegenüber allen sind, die nicht ihre Ansichten vertreten. Wir müssen uns gegenseitig zuhören und unterschiedliche Meinungen tolerieren, Tatsachen allerdings müssen Tatsachen bleiben.

ARD und ZDF genießen bei den allermeisten Zuschauern hohes Ansehen. Aber wie ließe sich auch das Vertrauen der „Querdenker“ in etablierte Medien (wieder) verbessern? Oder sind Teile des Publikums schlicht verloren?

Es ist wichtig, die Menschen dort zu erreichen, wo sie sich bewegen, und Fake News dort richtigzustellen, wo sie herumschwirren: im Netz. Deshalb haben wir in der ARD eigene Redaktionen, die sich ausschließlich der Frage widmen, welche im Internet kursierenden Behauptungen wahr oder falsch sind. Die Ergebnisse dieser Recherchen verbreiten wir dort, wo Fake News veröffentlicht wurden, etwa auf Facebook oder bei Youtube. Gleichzeitig muss man wohl akzeptieren, dass es immer Menschen geben wird, die sich komplett verweigern und nicht erreichbar sind. Es ist unsere Aufgabe, alles zu tun, dass diese Gruppe so klein wie möglich ist.

Hat die ARD den Positionen der „Querdenker“ in der Berichterstattung (zeitweise) zu viel Raum gegeben?

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Wenn wir die Wirklichkeit abbilden wollen, können wir das Phänomen der „Querdenker“ nicht ignorieren. Wir müssen uns mit dem auseinandersetzen, was sie sagen, es aber nicht nur wiedergeben, sondern auch reflektieren und einordnen. Das bedeutet, zu kennzeichnen, was es ist: eine Minderheitenmeinung.

ZUR PERSON

Patricia Schlesinger, geboren 1961 in Hannover, ist eine deutsche Journalistin und Fernsehmoderatorin. Sie war Leiterin des Programmbereichs Kultur und Dokumentation des NDR-Fernsehens. Seit 1. Juli 2016 ist sie Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg (rbb), seit Juni 2019 Vorsitzende des Aufsichtsrats der ARD-Produktionsfirma Degeto Film und seit dem 1. Januar 2022 Vorsitzende der ARD.

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