ARD-Anwaltsserie “Dennstein & Schwarz” in der ARD: Eine Variante mit Charme

  • In der ARD betreten “Dennstein & Schwarz” den Gerichtssaal.
  • Die beiden Anwältinnen werden zum Teil klischeehaft gezeichnet, zum Teil aber auch modern.
  • Eine Anwaltsserie, die man sich gut angucken kann, aber nicht muss.
Jan Freitag
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Das deutsche Fernsehen kann sich bekanntlich so einiges vorstellen: Schlagerstars als Schiffskapitäne, Serienkiller an jeder Straßenecke, Nationalsozialismus fast ohne Nazis. Alles denkbar, also machbar. Eines aber ist und bleibt fiktional, noch immer unvorstellbar: Hauptdarstellerinnen ohne High Heels. Also müssen auch Paula Dennstein und Therese Schwarz mit unpraktisch hochhackigem Schuhwerk durchs kopfsteingepflasterte Graz stöckeln, wo die beiden Rechtsanwältinnen an diesem Freitagabend (26. Juni) im Ersten gemeinsam eine Kanzlei eröffnen.

Wobei das zunächst einmal eine angenehm klischeefreie Idee ist. Denn nachdem der Auftakt dieser Justizkomödie vor gut zwei Jahren mit “Dennstein vs. Schwarz” noch weit passender betitelt gewesen wäre, bilden die Prozessgegnerinnen von damals ab heute als “Dennstein & Schwarz” ein rein weibliches Team, das nicht nur in diesem Genre nach wie vor viel zu selten ist. Dennoch geht es – abgesehen vom Geschlecht der zwei Hauptfiguren – erst einmal stereotyp weiter, wenn die gertenschlanke Singlefrau Therese und die etwas fülligere Familienfrau Paula gemeinsam für Gerechtigkeit kämpfen.

Auftaktfall “Schuldenfalle”

Im Auftaktfall “Schuldenfalle” etwa kriegt es ein zahlungsunfähiger Elektroninstallateur (Sebastian Hülk) mit windigen Bankern und sensationslüsterner Journaille zu tun, während Therese Schwarz ihre Partnerin bei der Scheidung vom Grafen Dennstein (Johannes Krisch) vertritt, dessen blaublütig arrogantes Hochadelsgeschlecht direkt aus dem Groschenroman gecastet zu sein scheint. Unter der Regie von Michael Rowitz erblühen aber auch sonst reihenweise Klischees, die jenseits vom Degeto-Sendeplatz der ARD eigentlich schon untergepflügt sind. Im zweiten Einsatz “Rufmord” hagelt es daher ebenfalls Erzählungsstränge bar aller Glaubwürdigkeit.

Da enden Gerichtsprozesse dank hereinstürmender Überraschungszeugen und abrupter Aussageumkehr vornehmlich im Showdown. Da übernehmen zivilrechtlich spezialisierte Provinzanwältinnen plötzlich den überregional beobachteten Fall eines sexuell übergriffigen Spitzenpolitikers. Da wird vor Gericht unablässig herumgelaufen, durcheinandergeplappert, Recht gebeugt, dass sich Szenekenner unvermittelt bei Barbara Salesch wähnen. Und dann rappelt es auch noch privat mächtig im Klischeekarton – zum Beispiel, wenn sich Thereses bildschöner One-Night-Stand (Bernhard Piesk) im Verhandlungssaal als Scheidungsanwalt von Paulas Ex-Mann in spe erweist, wobei das zarte Pflänzchen ihrer beginnenden Liebe an Thomas’ unvollzogener Trennung verdorrt.

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Eheringe immer wieder im Fokus

Überhaupt: Eheringe. Bei “Dennstein & Schwarz” werden sie unablässig an Fingern gedreht, in Hosen versteckt, auf Konferenztische geknallt, als sei die standesamtlich verbriefte Ehrbarkeit auch für moderne Frauen wie Paula noch immer das Maß aller moralischen Dinge.

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Und dann siezen sich die titelgebenden Geschäftspartnerinnen ihrer tagtäglichen Zusammenarbeit zum Trotz auch noch unverdrossen, während die Kamera regelmäßig übers sommerlich schöne Salzkammergut fliegt, in dem zwar kaum jemand Steirisch redet, aber die Heimat noch da ist. Willkommen in der Nachkriegszeit!

Hauptdarstellerinnen durchaus modern gezeichnet

Was auch deshalb schade ist, weil beide Hauptdarstellerinnen durchaus modern gezeichnet sind. Das “Vorstadtweib” Martina Ebm etwa variiert als kopfgesteuerte Dr. Schwarz so leichtfüßig wie glaubhaft zwischen Empathie und Professionalität, während der impulsive Bauchmensch Dr. Dennstein für kleinere Rechtsbeugungen zuständig ist, die das dealfreudige Justizsystem 2020 ja auch in Österreich prägen.

Wenn dann auch noch Episodendarsteller wie der hinreißend lakonische Wiener Manuel Rubey mitmachen, lautet das Fazit: nicht die Neuerfindung der Anwaltsserie, aber eine Variante mit Charme.

“Dennstein & Schwarz” läuft ab Freitag, 26. Juni, 20.15 Uhr im Ersten.

RND

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