Ausgequatscht: Ist die Hype-App Clubhouse tot?

  • Nur noch wenige deutsche Nutzer unterhalten sich auf der Audiokonferenz-App Clubhouse.
  • Ist der Hype um die einstige Trend-App schon wieder vorbei?
  • Ein Blick in die USA zeigt: Der Schein trügt.
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Hannover. Jede Pandemiewelle hat ihren Internethype. An den ersten erinnern sich die meisten wahrscheinlich noch sehr gut: Zoom hieß der Videokonferenzdienst, der im Frühjahr 2020 alle Downloadrekorde brach. Stundenlang quatschte man hier mit seinen Freunden, die man in der damals sehr präsenten Solidaritätswelle rücksichtsvoll nicht mehr persönlich traf. Auch heute gehört Zoom noch zu den erfolgreichsten Videokonferenzdiensten, trotz anfänglicher Kritik von Datenschützern.

An den Trend der zweiten Welle dürften sich viele wahrscheinlich nicht erinnern – denn er war von Anfang an eine sehr elitäre Veranstaltung: Clubhouse, ein Audiokonferenzdienst. Hier plauderte man, anders als bei Zoom, nicht privat, sondern in öffentlichen Räumen. Und vor allem: Man plauderte ganz ohne Bild, nur mit seiner Stimme. In die elitären Räume kam nur rein, wer eingeladen wurde – und wer ein iPhone besaß. Für Android-Nutzer war die App nicht verfügbar.

Schnell etablierte sich Clubhouse als Lieblingstool derjenigen, die nach wochenlangem zu Hause Rumsitzen gar nicht mehr wussten, wohin mit all ihrer Extraversion. Vor allem bei Werbern und Marketingleuten war Clubhouse zunächst beliebt: Hier philosophierte man in stundenlangen Talks darüber, welchen „Use Case“ die neue Hype-App wohl für die eigene „Cross-Channel-Strategie“ haben könnte.

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„Candy Crush“-Skandal und Clantalk

Wenig später flutete die nicht minder extrovertierte Twitter-Bubble die App und machte Clubhouse zur Bühne für alles mögliche. Meistens war in jedem Channel irgendwann mal Dunja Hayali mit dabei, die kurz nach dem Joggen auch noch schnell einen Gedanken einwerfen wollte. Mal hörte man Sascha Lobo stundenlang dabei zu, wie er versuchte, Thomas Gottschalk zu erklären, wie man sein Mikro einschaltet.

Irgendwann erreichten die Clubhouse-Talks die Politik. In einem ganz besonders unrühmlichen Gespräch verkündete Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow, dass er sich bei den stundenlangen Diskussionsrunden mit der Kanzlerin nebenbei mit dem Spiel „Candy Crush“ auf seinem Smartphone die Zeit vertreibe. Der wohl erste echte Clubhouse-Skandal, der ein heftiges Medienecho nach sich zog.

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Und die „Straße“ erreichte Clubhouse dann irgendwann Anfang Februar, als der Abou-Chaker-Clan eine Talkrunde nutzte, um Journalisten zu beschimpfen oder sie gleich im persönlichen Gespräch vor Tausenden Zuhörern niederzumachen. Bis heute mit Sicherheit der Tiefpunkt des gepflegten Audiotalks, mit dem sich keiner der Beteiligten einen Gefallen tat.

Die Push-Nachrichten bleiben aus

Elitär ist Clubhouse noch heute: Die App ist nach wie vor nicht für das Android-Betriebssystem verfügbar, auch am Prozedere der Einladungen hat sich nichts geändert. Doch noch etwas anderes ist Clubhouse heute: offenbar ziemlich tot.

Schaut man sich in der App um, sucht man heute vergebens nach den Marketingmorgenrunden und „super wertvollen Gesprächen“ (oft gehörtes Zitat), die noch vor ein paar Monaten die App fluteten. Die Push-Benachrichtigungen, die immer dann aufploppten, wenn ein Kontakt aus dem Adressbuch einen Gesprächsraum betrat, verschwanden irgendwann, als hätte es sie niemals gegeben.

Es ist nicht so, als fände heute gar nichts mehr auf Clubhouse statt – aber zumindest die Anzahl der deutschen Talkrunden geht inzwischen gegen Null. Schaut man innerhalb der App in den Kalender der laufenden und noch anstehenden Talkrunden, so stößt man hier vor allem auf englischsprachige Channels, aber auch Räume, in denen japanisch, spanisch oder arabisch gesprochen wird. Ein Raum verzichtet gänzlich auf das Sprechen und spielt Lo-Fi-Musik ab, ein anderer beschäftigt sich mit dem Geldverdienen im Internet.

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Weit abgeschlagen in den App-Charts

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Die wenigen deutschen Talkrunden werden nach wie von Unternehmern, Marketern und Werbern betrieben. In einem geht es um Innovationen, in einem anderen um Projektmanagement, in einem weiteren um Recruitment. Eine Talkrunde gibt Tipps, wie man das perfekte Clubhouse-Profilfoto schießt, damit man auf der Plattform auch wirklich auffällt – als hätte das tatsächlich noch irgendeine Relevanz.

Dafür, dass Clubhouse keine allzu große Rolle mehr spielt, gibt es auch andere Indizien. In den deutschen App-Charts von Apple beispielsweise taucht die Clubhouse-App nicht mal mehr in den Top 100 auf – zum Vergleich: Der Videokonferenzdienst Zoom steht noch immer auf Platz 2. Das Berliner Start-up Civey, das sich auf Umfragen und Marktforschung spezialisiert hat, hat herausgefunden, dass allenfalls 4 Prozent der Deutschen Clubhouse überhaupt mal genutzt haben. Für die Umfrage waren 5000 Bürger und 500 Clubhouse-Nutzer befragt worden.

Tobias Kollmann, Professor für Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik an der Universität Duisburg-Essen und Initiator der Umfrage, erklärte dem „Stern“, woran der aktuelle Rücklauf liegen könnte. Dieser habe wohl vor allem technische Gründe: Die App sei immer noch nicht für Android-Nutzer zu haben, obwohl das Betriebssystem einen Marktanteil von 70 Prozent hat. Selbst von Fans werde die App nicht mehr für die tägliche Kommunikation genutzt, „sondern nur noch für gezielte Zusammenkünfte im Rahmen von Online-Events“.

In Österreich ist die Lage offenbar ähnlich: Statt fünfmal die Woche würden selbst Unternehmer nur noch einmal die Woche einen Talk auf Clubhouse machen, erklärt ein Start-up-Gründer dem „Standard“. Auch andere Akteure, etwa der Präsident der Wirtschaftskammer, Harald Mahre, lasse sich inzwischen deutlich seltener in Clubhouse-Talks blicken als noch zuvor. Zu Hochzeiten sei er noch „Dauergast“ in derartigen Gesprächsrunden gewesen.

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Der Schein trügt

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Doch der Schein im deutschsprachigen Raum könnte trügen. International ist bislang nämlich herzlich wenig von einem schnellen Tod der Audioplattform zu spüren. Englischsprachige Talkrunden haben noch immer Tausende Zuhörer und finden auch immer wieder den Sprung in die US-Medien. Der Wert des kleinen Audionetzwerks wird derweil auf vier Milliarden Dollar geschätzt. Sogar Twitter soll mit den Clubhouse-Betreibern bereits Gespräche geführt haben, um die App zu genau diesem Preis zu übernehmen, berichtet „Bloomberg“ – die Gespräche seien aber ins Stocken geraten.

Glaubt man den Einschätzungen von Wirtschaftsmedien in den USA, so dürfte Clubhouse langfristig nicht sterben, sondern vielmehr seinen Platz in der Nische finden. Die Wochenzeitung „The Economist“ analysiert beispielsweise in einem Text, Clubhouse könne langfristig den selben Status erreichen wie einst die App Snapchat. Dem Messenger hatten Experten vor einigen Jahren ebenfalls den Tod vorausgesagt. Tatsächlich aber fand die App neben dem Giganten Facebook und seinem Fotodienst Instagram vor allem bei der jüngeren Zielgruppe eine Nische. Zudem werde Clubhouse von Paul Davison geleitet. Ein Social-Media-Unternehmer, der nicht nur sehr erfahren sei, sondern auch viel Geld besitze.

Ganz ähnlich schätzt das der Screenwriter Maceo Paisley ein, der Clubhouse weiterhin gerne nutzt und dort über 80.000 Follower hat. Er glaubt, jede Plattform habe ihre Zielgruppe: „Künstler nutzen sich zum Beispiel Tiktok und Instagram, während Schriftsteller Twitter bevorzugen“, so Paisley gegenüber dem Tech-Magazin „The Verge“. „Und dann gibt es eben Clubhouse, das für Leute ist, die gut im Dialog sind – das ist ihr Medium.“

Die Konkurrenz schläft nicht

Das größte Problem, da sind sich alle Experten einig, dürfte für Clubhouse langfristig weniger das fehlende Interesse sein, sondern die Konkurrenz. Die bereits erwähnte Plattform Twitter hatte Anfang des Jahres ihre ganz eigene Audiokonferenz-Funktion „Spaces“ eingeführt, die sich jedoch noch in der Beta-Phase befindet. Und der Kurznachrichtendienst ist nicht die einzige Plattform mit derartigen Plänen.

Die Plattform Discord beispielsweise hatte kürzlich ähnliches angekündigt, ebenso der Musikstreamingdienst Spotify. Auch das Karrierenetzwerk Linkedin plant laut dem Magazin „Techcrunch“, eine Audiokonferenzfunktion einzuführen, was sicherlich vor allem diejenigen aufhorchen lassen dürfte, die bisher Clubhouse für ihren Unternehmer-Talk genutzt hatten. Die Clubhouse-Nutzer der ersten Stunde.

Und selbstverständlich arbeitet auch Facebook an einem Clubhouse-Klon. Der Socialmediagigant hatte sich in der Vergangenheit immer wieder Ideen von anderen Plattformen „geliehen“, beispielsweise die heute bekannten Instagram-Storys beim Messenger Snapchat. Auch die „Reels“ bei Instagram gleichen der bekannten Feed-Funktion der App Tiktok. Vom geplanten Audiodienst geistern inzwischen bereits Screenshots durchs Netz – ob und in welcher Form er kommen wird, ist bislang jedoch nicht bekannt.

Ob die Clubhouse-App tatsächlich das zeitliche gesegnet hat, ist zum jetzigen Zeitpunkt schwer zu sagen. Definitiv quicklebendig ist allerdings die Idee der Audiokonferenzen. Sie mögen eine Laune der zweiten Lockdownwelle gewesen sein – doch sie sind gekommen, um zu bleiben.

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