Tut es weh, wenn man nicht lachen darf, Anke Engelke?

  • Zehn Comedians treffen sich, und keiner darf lachen. Klingt wie die Hölle auf Erden.
  • Im Interview erzählt Anke Engelke, wie körperlich anstrengend die neue Comedyshow „LOL: Last One Laughing“ war.
  • Und sie spricht über die Funktion von Humor in der Krise sowie die Tücken ihres Namens.
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Guten Tag, Frau Engelke.

Das ist ja Wahnsinn mit Ihrem Namen!

Was denn?

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Na, Kristian Teetz. Mein bester Freund heißt Kristian Thees. Vielleicht kennen Sie ihn von unserer Radioreihe „Wie läuft der Tag, Liebling?“. Kristian Thees: Das klingt doch vollkommen identisch. Und beide Vornamen mit „K“ geschrieben. Das ist verrückt.

Ja, Kristian mit „K“ ist wirklich selten.

Und Sie müssen immer auf das „K“ hinweisen, oder?

Absolut. Ich muss immer ganz schnell „Kristian, aber mit K“ sagen, sonst haben die Leute schon das „Ch“ geschrieben, bevor ich fertig bin mit Reden. Meistens klappt das aber nicht.

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Nein, Sie haben da keine Chance. Sie können ja nicht schon vorab sagen (laut): „Achtung, ein K!“ Das macht ja direkt schlechte Laune.

„Ich bin ein kleines Annchen und ein Engelchen“

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Und man steht in einer merkwürdigen Ecke, wenn man seine Gesprächspartner sofort anschreit.

Das will man nicht. Wissen Sie, was mit meinem Namen passiert? Weil viele Leute Angst vor der „K“-und-„G“-Kombination in meinem Namen haben, sagen sie oft: „Ah, Ange Englek.“ Und dann sind sie über das „K“ gestolpert, weil sie Ange statt Anke sagen. (lacht) Oder sie sagen: „Angle … Ankle … Angle Enkelge.“

Und was machen Sie dann?

Ich sage: „Egal, sagt Anja zu mir, sagt Antje, egal was, ich reagiere auf alles, was zwei Silben hat und mit ‚A‘ beginnt!“ Aber man möchte dem Gegenüber ja doch die Peinlichkeit nehmen, und deswegen versuche ich es dann so: „Einfach an eine kleine Anne und einen kleinen Engel denken.“ Denn das Suffix „-ke“ kommt von der Verniedlichung „-chen“. Ich bin ein kleines Annchen und ein Engelchen, und daraus wird Anke Engelke. Und dann heißt es: „Ach das ist ja toll, so habe ich das noch nie gesehen, Frau Enkel ... Engle …“ Okay, weiter geht’s. Worüber sprechen wir?

Über Humor, dachte ich.

Ach so, über Humor, dann habe ich schon keinen Bock mehr. Reden wir lieber über was anderes. (lacht)

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Okay, reden wir über etwas Lustiges.

Genau. Haben Sie denn was sehen können von „LOL“?

Ja, die ersten zwei Folgen.

Das ist ja gar nichts. Es gibt sechs.

Es ist aber besser so. Wenn ich mehr als die zwei Folgen gesehen hätte, wäre ich wahrscheinlich gestorben.

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Warum? Finden Sie die Sendung so schrecklich?

Nein, so lustig.

Warten Sie mal, ich sehe im Internet gerade ein Foto von Ihnen. So sehen Sie aus?

Ja ... Wollen Sie das Gespräch lieber beenden?

Ja bitte, ach guck, die drei Minuten, die ich für Sie eingeplant hatte, sind jetzt auch schon rum. Verrückt.

War auch nett mit Ihnen.

Ich glaube, wir müssen jetzt wirklich über „LOL“ reden.

Sprechen wir über „LOL“: Sie haben sich für diese sechsteilige Sendung mit neun anderen hervorragenden Comedians in einem wohnzimmerartigen Studio getroffen. Die Aufgabenstellung: Keiner darf lachen, egal wie witzig das ist, was die anderen sagen, machen, auf- und vorführen. Sechs Stunden lang. Wer zuletzt lacht, hat gewonnen. „LOL: Last One Laughing“.

Alles richtig. Los geht’s: Ihre Fragen werden sein: Wie haben Sie sich vorbereitet? Wovor hatten Sie am meisten Angst? Befinden wir uns in Zeiten, in denen mehr gelacht werden muss? Sind Sie als eine Art Humorbeauftragte mit aufgefordert, die Menschen zum Lachen zu bringen? Lachen wir in Zeiten der Pandemie anders als sonst?

„Ich bin ein Glückspilz“

Joa, zwei Fragen davon.

Nämlich? Shoot!

Ist Ihnen in der momentanen Lage überhaupt zum Lachen zumute?

Doch mit dem Clown kamen die Tränen. (lacht). Die Antwort kennen Sie doch schon. Weiter.

Können Humor und Witz helfen, die Corona-Krise zu überstehen?

Wir teilen uns momentan in zwei Gruppen auf. In die, die durchkommen – so wie ich. Ich bin ein Glückspilz. Ich habe ja „LOL“ drehen können und habe zum Beispiel im November einen Film gedreht, einen Arthouse-Film, da spreche ich einen Monolog. Ich habe 80 Minuten Text auswendig gelernt und war die einzige Darstellerin. Dufte. Ich bin froh, dass ich arbeiten kann.

Und die anderen?

Das sind die Menschen, die Angehörige oder Geliebte verloren haben oder die selbst das Virus hatten und jetzt unter Folgeerkrankungen leiden. Menschen, die vielleicht entlassen wurden. Oder die ihren Betrieb schließen mussten. Das Gegenteil der Glückspilzgruppe also. Beide Gruppen haben Grund, betrübt zu sein. Auch ich, obwohl ich gut durchkomme. Denn ich sehe ja das Elend. Aber die Frage ist: Hilft es mir, jetzt mehr zu lachen als vorher? Ist Lachen ein Bewältigungs- oder Verdrängungs- oder vielleicht Betäubungsmittel?

Und?

Ich weiß es nicht, ich kenne darauf keine Antwort. Ich weiß nur, dass uns eine Sache fehlt: das Miteinandersein, das Gemeinsame. Gemeinsam im Kino zu sitzen, gemeinsam im Theater zu sein. Selbst die, die nie regelmäßig ins Kino gegangen sind, sehnen sich doch jetzt nach dem Kino. Meine große Hoffnung wäre, dass wir endlich merken, was wir wirklich brauchen. Nicht was wir wollen, sondern was wir brauchen.

Wie wirkt sich denn Corona auf Ihre Arbeit aus? Hätten Sie in den vergangenen zwölf Monaten Filme oder Serien gedreht, die nun ausfallen?

Es wurde nichts von dem, was mich betraf, abgesagt, sondern nur verschoben. Konzerte, die ich regelmäßig mit den Düsseldorfer Symphonikern für einen guten Zweck gebe etwa, oder Lesungen auf der lit.Co­lo­gne. Und es liegen drei Kinofilme auf Eis, bei denen ich mitgespielt habe. Mit dem einen hätten wir im vergangenen Sommer das Filmfest in München eröffnet.

Gern gesehener Gast: Anke Engelke beim Prominenten-Special von „Wer wird Millionär?“. © Quelle: TVNOW / Stefan Gregorowius

So etwas ist extrem bedauerlich.

Aber Sie spüren schon, dass ich jetzt nicht komplett am Boden zerstört bin. Am Boden zerstört ist die Regisseurin des eben erwähnten Films, die sagt: Es war ihr Debüt, und damit in München zu starten wäre einfach unfassbar gut und wichtig gewesen für ihre Arbeit. Das ist richtig elend.

Wie war der Umgang mit Corona bei „LOL“?

Super. Wir sind getestet worden, haben uns in häusliche Quarantäne begeben und sind anschließend nach München gereist. Dort sind wir sofort wieder getestet worden. So konnten wir uns in dem Studio, in diesem Wohnzimmer, in dem „LOL“ gedreht wurde, frei bewegen. Wobei es sich dort angefühlt hat wie in einer Enklave, in der die Zeit nicht angekommen ist. Wir haben Corona in den sechs Folgen nicht einmal thematisiert.

Ist das nicht ein gutes Beispiel dafür, wie Humor in einer Krise ablenken kann – also nicht nur Zuschauer und Zuschauerinnen, sondern auch Sie und Ihre Mitteilnehmer?

Ob es der Humor war, weiß ich nicht. Es war doch eher die Aufgabenstellung, diese klare Vorgabe, dass wir nicht lachen durften. Urplötzlich ist der gesamte Fokus komplett darauf gerichtet. Jeder hatte sich ja etwas für die Sendung vorgenommen.

Was hatten Sie sich vorgenommen?

Ich habe mir vorher gedacht: Ich bin ja so eine tolle Schauspielerin, ich habe drei Grimmepreise, ich habe 47 000 Comedypreise, ich bin richtig gut – da werde ich doch wohl eine Frau spielen können, der man die Lachmuskeln wegoperiert hat, also bitte!! Und nach einer Minute wusste ich: Ich bin gar nicht so eine gute Schauspielerin, ich halte das nicht aus! Ich muss lachen! Ich werde verlieren! Damn!

„Ich bin keine Solistin“

Aber was war Ihr Plan?

Ich bin kein Stand-up-Comedian, ich bin keine Solistin. Ich kann überhaupt nicht allein irgendwo stehen und irgendwas aufführen, da sterbe ich. Ich kann nur im Team arbeiten, nur im Ensemble. Ich kann auch keine Comedy-Nummern schreiben, ich habe mir noch nie im Leben eine Nummer selbst geschrieben.

Wirklich nicht?

Nein. Aber so ein Torsten Sträter, das ist einfach ein brillanter Schreiber und ein sehr guter Performer. Caro (Carolin Kebekus, d. Red.) tritt zwar auch viel im Fernsehen auf, aber gefühlt steht sie fast jeden Abend vor vielen Menschen auf der Bühne. Oder Teddy (Teclebrhan, d. Red.): Ich hasse ihn! Ich hasse es, wie gut er ist! Das sind klassische Solistinnen und Solisten. Ich bin das nicht. Deshalb habe ich auch nicht so viel vorbereitet und in dem Studio eher aus dem Moment heraus gearbeitet.

Wie war das Verhältnis zu den anderen in der Sendung ?

Das sind alles nette Kolleginnen und Kollegen, mit manchen bin ich sogar befreundet. Das Schlimme war, zu spüren: Die performen hier, die geben ihr Bestes, und ich lache nicht. Das ist psychologisch eine dermaßen große Qual. Caro sagt ja sowohl in der Show als auch in den Interviews dazwischen, dass das auch ein körperlicher Druck ist. „Leute, wir werden alle krank“, hat sie ein paar Mal gerufen.

Man sagt ja, Lachen ist gesund. Rund 300 Muskeln sind angespannt, Glückshormone werden freigesetzt, das Herz schlägt schneller und pumpt sauerstoffreiches Blut durch den Körper. Aber ich habe keine Informationen darüber gefunden, was im Körper passiert, wenn man das Lachen so lange unterdrückt. Helfen Sie: Hatten Sie Schmerzen oder so etwas?

Ja. Weil man versucht, das Lachen mit einer Körperspannung zu unterdrücken. Ich habe den Bauch angespannt. Ich habe mir gedacht: Ich nutze diese Dreckssituation und mache ganz nebenbei ein bisschen Bauch, Beine, Po. Das hilft mir dann auch später wegen der Jeans. Hat aber auch nichts gebracht, weil man ja auch ein empathischer Mensch ist. Das waren insgesamt zehn ziemlich dufte Typen, von denen keiner mit Ellenbogen reingegangen ist und gesagt hat, ich ballere euch jetzt alle nieder mit meinen Pointen.

Es war also nicht eine Konkurrenzsituation in dem Sinne: Jetzt sind zehn der besten Comedians hier, und man muss zeigen, wer der oder die Lustigste im ganzen Land ist?

Null. Und das war so, so angenehm. Es war niemand dabei, der sagt: Leute, ich bin so witzig, Ihr könnt jetzt alle einpacken. Da war keiner, der ein Egoprogramm fährt.

Sie wirken in vielen Szenen im Vergleich zu den anderen sehr kontrolliert. Haben Sie sich gut unter Kontrolle?

Könnte man vielleicht meinen. Ich ernähre mich ja zum Beispiel vegan. Aber! Ich leide darunter am meisten. Es ist überhaupt kein Vergnügen, wenn man zum Beispiel wie ich Käse so gern isst. Und ich koche und backe auch sehr gern. Mir fehlt das total, also Käse und Eier und der ganze Hühnchenkram. Aber ich habe mich dazu entschieden. Ich habe mir überlegt, welchen Beitrag ich leisten kann, um Planet und Menschheit zu retten. Auf manches kann ich nicht verzichten, auf Fleisch und tierische Produkte schon. Aber das geht nur mit totaler Selbstkontrolle.

Jetzt muss ich mal kurz auf meinen Zettel schauen.

Ich habe auch keine Fragen mehr, eigentlich sind wir durch.

Ach so, wenn Sie alle Fragen gestellt haben...

Mir fällt ehrlich gesagt nichts mehr ein, was ich Sie noch fragen könnte.

„Auslachen ist furchtbar, Ausgrenzung ist fies“

Aber ich habe noch etwas. Es gibt ja verschiedene Arten von Lachen: Lachen aus Spaß, Lachen aus Freude, Lachen aus Mitleid. Aber Lachen kann immer auch Auslachen sein und damit Menschen ausgrenzen ...

Auslachen ist furchtbar, Ausgrenzung ist fies.

Lachen ist etwas Instinktives, aber muss man sich nicht auch bewusst sein, was man mit Lachen anrichten kann?

Absolut. Kennt ja jede und jeder: Die Grundschule war für viele manchmal sicherlich anstrengend und traurig, weil man da ausgelacht wurde, ohne dass das Gegenüber wusste, wo der Pfeil genau sitzt und was er oder sie damit anrichtet, scharf geschossen zu haben. Deswegen ist das zu verzeihen. Aber wenn man das als Erwachsener macht, wenn man weiß, wo man treffen muss, um zu verletzten, und wenn man dann lacht, dann ist das nicht zu verzeihen. Das ist sehr hässlich, danke nein.

Wer zuletzt lacht, hat gewonnen

Versuchen Sie das ruhig mal zu Hause! Auf einer Party (wenn wieder möglich) oder auch mit Ihren Kindern auf dem Sofa: Alle dürfen lustige Dinge erzählen und Quatsch machen. Aber niemand darf lachen, auch nicht über sich selbst. Jede und jeder hat zwei „Leben“, nach dem zweiten Mal Lachen ist man raus.

So lautet auch die Versuchsanordnung der neuen Comedyshow „LOL: Last One Laughing“, die am 1. April bei Amazon Prime Video startet. Genau das Richtige für Anke Engelke, die seit mehr als 25 Jahren in unterschiedlichen Rollen die deutsche Comedyszene mitprägt – von der „Wochenshow“ über „Anke“ bis hin zu „Ladykracher“.

Neben Anke Engelke versuchen in „LOL“ unter anderem Carolin Kebekus, Max Giermann, Kurt Krömer, Wigald Boning und Teddy Teclebrhan, die anderen Teilnehmer zum Lachen zu bringen. Wer als Letzter lacht, gewinnt 50 000 Euro für einen guten Zweck. An drei aufeinander folgenden Donnerstagen werden jeweils zwei Folgen gesendet. Moderator ist Michael „Bully“ Herbig.

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