American Song Contest: Der ESC expandiert nach Amerika

  • Der Eurovision Song Contest (ESC) bekommt einen amerikanischen Ableger.
  • Beim American Song Contest (ASC) treten im kommenden Jahr Popkünstler aus allen 50 US-Bundesstaaten gegeneinander an.
  • Das schwedische Produzententeam besteht aus ESC-gestählten Showveteranen. Aber kann das funktionieren?
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Nein, 2016 war kein gutes Jahr für Europa und die Welt: Die Flüchtlingskrise schwelte, Jan Böhmermann erzürnte Recep Erdoğan, die Briten votierten für den Brexit, und Donald Trump gewann die US-Wahl. Es war nicht das Jahr für Party und Ektase.

Sechs Minuten aber gab es, in denen zumindest die Popwelt einigermaßen in Ordnung war: In der Abstimmungspause des bis dahin eher trübtassigen, von Politik und Krim-Krise dominierten Eurovision Song Contests (ESC) in Stockholm legte US-Superstar Justin Timberlake einen Auftritt hin, der alle kontinentalen Sorgen für Momente hinwegfegte. Sämtliche 26 Finalisten ließ Timberlake alt aussehen, darunter auch Deutschlands Mangamädchen Jamie-Lee Kriewitz.

Aber decken wir den Mantel des Schweigens über ihren letzten Platz. Und über die verheerende Bilanz deutscher Teilnehmer in den letzten Jahren, die fast durchgehend – mit Ausnahme von Michael Schulte auf Platz vier – im Niemandsland der Tabelle landeten. Die ESC-Siegerin 2016 war am Ende die Ukrainerin Jamala mit der zornigen Anklage “1944″. Aber der Sieger der Herzen hieß: Timberlake.

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“Twelve Points go to... Wyoming!”

Ein Amerikaner entzückt also Europa. So weit, so vertraut. Aber können auch die Europäer den USA in Sachen Show noch etwas beibringen? Funktioniert die Globalisierung des Entertainment auch mal wieder in umgekehrter Richtung, sechs Jahrzehnte nach der “British Invasion” mit den Beatles, den Rolling Stones und vielen anderen englischen Lederjackenjungs mit miesen Frisuren?

Der ESC will es jetzt wissen – und expandiert nach Amerika. Beim “American Song Contest” (ASC) sollen im Winter 2021 nach dem Vorbild des ESC erstmals Künstler aus allen 50 US-Bundesstaaten gegeneinander antreten – in fünf bis zehn Auswahlshows plus Halbfinals und einem großen Finale. Das Prozedere des ASC läuft exakt wie beim ESC. Es könnte also heißen: “Twelve points go to... Wyoming!”

“Das einzigartige Erbe des ESC reicht 65 Jahre zurück und seine weltweite Popularität steigt immer noch”, sagte jüngst Martin Österdahl, Executive Supervisor des ESC. “Es ist Zeit für Amerika, dieses Spektakel kennenzulernen.” Hinter dem Plan stehen eurovisionsgestählte Produzenten wie Christer Björkman, der 1992 selbst mal als Kandidat für Schweden antrat (Platz 22 von 23, nun ja). Chef des US-Teams ist Fernsehproduzent Ben Silverman, der europäische TV-Hits wie “The Office”, “Wer wird Millionär?” oder “Jane the Virgin” erfolgreich “amerikanisierte”. “Ich habe mich 20 Jahre lang bemüht, das hinzukriegen”, zitierte ihn das Branchenmagazin “Variety”.

Eine Art musikalische “March Madness”

Man wolle “die Spannung und Aufregung der ’March Madness’ im US-Basketball oder der NFL-Play-offs mit der Kunst und Schönheit von Weltklasseauftritten verbinden”, hieß es. Eine eigens gegründete, mit “US-Musikprofis” besetzte American Song Contest Academy soll die regionale Vorauswahl der Künstler organisieren. Erlaubt sind Solosänger, Duos oder Bands mit maximal sechs Mitgliedern. Eine Crossover-Verbindung zum ESC – der in diesem Jahr wegen Corona ausfiel und im Mai 2021 in Rotterdam über die Bühne gehen soll – ist nicht geplant. Es sind zwei Wettbewerbe.

Liebevolle Hommage eines Amerikaners: US-Komiker Will Ferrell (l.) und Rachel McAdams als isländische ESC-Kandidaten im Netflix-Film “Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga”. © Quelle: John Wilson/NETFLIX

Die Europäische Rundfunkunion EBU, Gastgeber des ESC, hat die US-Expansion sorgfältig choreographiert, etwa mit Will Ferrells jüngst gestarteter und überraschend liebevoller ESC-Hommage “Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga” bei Netflix sowie Timberlakes Auftritt 2016. Auch Madonnas ESC-Gastspiel 2019 in Tel Aviv sollte die Amerikaner eigentlich für die Eurovision anwärmen, geriet aber zum künstlerisch verrutschten Fiasko einer patinösen Showhaubitze, deren Restglamour eher peinlich wirkte. Die EBU ist im Gespräch mit mehreren großen US-Sendern, was die Liveübertragung betrifft. Seit 2016 zeigt der US-Sender Logo bereits den “echten” ESC live, wenn auch mit verheerender Quote: 2017 sahen gerade einmal 64.000 Amerikaner zu.

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Die USA lieben Ranglisten und Sieger

Es ist also ein ambitioniertes Unterfangen. Aber schon der ESC ist ja längst kein rein europäisches Spektakel mehr, spätestens seit Australien regelmäßig teilnimmt. Geboren aus dem Wunsch, den vom Krieg zerrissenen Staaten ein Spielzeug der Versöhnung zu schaffen, zieht der ESC seinen Reiz seit 1956 aus der kulturellen Vielfalt, aus dem Spiel mit Nationenklischees und Geschmäckern im Grenzbereich des allseits Tolerierten. Klappt das auch zwischen den 50 US-Bundesstaaten? Tatsächlich hofft man für die zerrissenen USA ähnlich wie für Europa auf eine versöhnliche Wirkung. Dass die kulturelle Vielfalt der Multikultination zwischen Hip-Hop aus Atlanta, Westküstenpop, Nashville-Countryfolk oder Latin aus Miami unbestreitbar spektakulär ist, könnte helfen. Eine kompetitive Nation wie die USA liebt Ranglisten und Sieger.

Ausgefallen wegen Corona: Der Eurovision Song Contest 2020 in Rotterdam fand nicht statt – die holländische Hafenstadt ist aber Ausrichterin des ESC 2021. © Quelle: Koen Van Weel/ANP/dpa

Die Expansionspläne der EBU nehmen damit erheblich an Fahrt auf. Mehrere Spin-offs des Originals gibt es bereits, etwa den Junior Eurovision Song Contest, an dem Deutschland im November in Polen erstmals teilnehmen wird, oder den Eurovision Dance Contest. In Afrika geht seit 2018 der “AfriMusic Song Contest” über die Bühne, wenn auch zunächst nur im Netz. Die karibischen Staaten messen sich seit 1984 beim “Carribbean Song Festival” nach ESC-Vorbild. Auch ein panasiatischer “Asiavision Song Contest” ist seit 2016 in der Entwicklung. Hochgerechnet kann es also nicht mehr weit sein bis zum “Globalvision Song Contest”.

RND




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