Als die “taz” mal von der Satirepolizei angehalten wurde

  • Für eine umstrittene Kolumne wird die “taz” von der Polizei angezeigt und von der CSU an den Pranger gestellt.
  • Gerade jetzt brauchen Zeitung und Autorin unsere Solidarität, kommentiert Matthias Schwarzer.
  • Denn Presse- und Satirefreiheit gelten nicht nur für gute Texte.
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Berlin. Mindestens einmal am Tag erscheint in irgendeiner deutschen Tageszeitung eine schlechte Kolumne. Nur etwa einmal im Jahr regt sich jemand drüber auf – und dann muss Kurt Tucholsky wieder ran.

So geschehen auch in dieser Woche, als in der “taz” ein Meinungsbeitrag unter dem Titel “All cops are berufsunfähig” veröffentlicht wurde. In dem satirischen Stück zieht die Autorin Hengameh Yaghoobifarah gegen die Polizei vom Leder, sinniert über mögliche Berufsalternativen für Beamtinnen und Beamte, falls denn die Polizei mal abgeschafft würde.

Am Ende des Textes kommt Yaghoobifarah zu dem Schluss, es bleibe nur noch “die Mülldeponie”. “Nicht als Müllmenschen mit Schlüsseln zu Häusern, sondern auf der Halde, wo sie wirklich nur von Abfall umgeben sind. Unter ihresgleichen fühlen sie sich bestimmt auch selber am wohlsten.”

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Genau dieser Satz löst in den darauffolgenden Tagen Empörung aus – und zwar aus allen Richtungen. Zunächst hagelt es Kritik aus der Medienbranche, zum Beispiel von der “NZZ”, von einschlägigen Medienblogs und auch in einem Text auf RND.de. Später folgen Proteststürme von rechten Bloggern, Twitter-Nazis und AfD-Politikern – und schließlich äußert sich auch die Polizei selbst: Die Gewerkschaften DPolG und GdP stellen Strafanzeige gegen die “taz” und ihre Autorin, bezeichnen den Beitrag gar als “Volksverhetzung”.

Wie konnte das nur so eskalieren?

Ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht die Debatte am Donnerstag. Da twittert die CSU: “Die hässliche Fratze der hasserfüllten Linken in Deutschland zeigt sich: In der ‘taz’ sollen unsere Polizistinnen und Polizisten wie Abfall auf der Müllhalde entsorgt werden. Das ist so schäbige und niederträchtige Hetze!” – zitiert wird in diesem Fall CSU-Generalsekretär Markus Blume.

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Zum Tweet stellt die CSU das Bild eines brennenden Straßenzugs, darübergelegt ein Bild der Autorin und die Zeile: “Hengameh Yaghoobifarah hetzt in der ‘taz’. SIE will Polizisten als Abfall auf der Müllhalde entsorgen!” Journalisten und Satiriker springen der Autorin daraufhin zur Seite, die CSU löscht den Tweet später.

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Und am Ende bleibt eigentlich nur die Frage: Wie konnte das alles schon wieder so eskalieren? War die Kolumne tatsächlich so menschenverachtend? Und: Was bitte fällt eigentlich der CSU ein? Sezieren wir den Fall einmal.

Wie problematisch ist der Text tatsächlich?

Zunächst stellt sich die Frage, ob der Text denn tatsächlich so problematisch ist wie behauptet. Sieht man von dem letzten Absatz einmal ab: wahrscheinlich eher nein. Es handelt sich hier um die inoffizielle Textgattung “schlonzig, pampiger Scheißegal-Rant gegen alles”, die sich naturgemäß durch grenzenlose Unsachlichkeit auszeichnet – und genau dadurch die richtigen Leute an den richtigen Stellen anpikst. Manchmal geht es halt nur laut und schimpfend, wenn man auch gehört werden will.

Zeilen wie: “Und wenn man sie (Anmerkung der Redaktion: die Polizisten) einfach Keramik bemalen ließe? Nein. Zu naheliegend, dass sie unter der Hand Hakenkreuz-Teeservice herstellen und sich mit den Einnahmen das nächste Terrornetzwerk querfinanzieren”, sind derweil echt witzig und treffen genau den wunden Punkt der Polizei – denn ein Problem mit dem Rechtsextremismus hat die Behörde ja tatsächlich.

Dementsprechend ist es fast schon schade, dass die Kolumne mit der Mülldeponie endet – denn diese Eskalation zum Textende wäre gar nicht nötig gewesen. Der Text hätte auch so die richtigen Leute wachgerüttelt. Die Müllidee macht ihn unnötig angreifbar, lenkt vom eigentlichen Thema ab und hilft den getroffenen Hunden, einfach nur rumzubellen, statt sich ihrer Verantwortung zu stellen – dazu später mehr.

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Vielleicht auch falsch verstanden

Mal davon abgesehen, und das sollte durchaus auch erwähnt werden: Im Text steht nirgends, man wolle “Polizisten wie Abfall auf der Müllhalde entsorgen”, wie die CSU es behauptet. Die Autorin sinniert über Berufsalternativen für Polizisten, und, guess what: Es gibt tatsächlich Menschen, die auf der Mülldeponie arbeiten.

Der Satz “wo sie wirklich nur von Abfall umgeben sind”, wird nun landläufig gedeutet, als wären damit die Polizisten selbst gemeint. Vielleicht meint er aber auch: Hier, zwischen all dem Abfall, können die Polizisten keinen Schaden mehr anrichten – denn darum geht es in den gesamten acht Absätzen zuvor. Und selbst der letzte Satz “Unter ihresgleichen fühlen sie sich bestimmt auch selber am wohlsten” lässt mindestens noch ein paar andere Deutungen offen: Zum Beispiel könnte es hier um die anderen Polizisten, also ihre Arbeitskollegen gehen.

Aber was soll das kleinkarierte Auseinandernehmen. Die Kolumne ist von der ersten bis zur letzten Zeile sarkastisch, übertrieben und absichtlich böse. Das bedeutet leider aber auch: Für den Großteil ihrer Rezipienten ist sie komplett überfordernd. Es hat schon seine Gründe, warum in Satireshows wie der “Anstalt” und der “Heute Show” hinter jedem zweiten Gag die Pointe noch mal erklärt wird. Weil offenbar einer breiten Öffentlichkeit die Fähigkeit fehlt, Satire als solche zu erkennen und zu deuten. Und dann wird aus einer dahingeschlonzten Pöbelkolumne plötzlich eine linksextremistische Hetzschrift.

Plumpe Eigen-PR der Polizei

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Kommen wir zu den Nachwehen des Textes. Was genau soll bitte die übertriebene Reaktion der Polizei? Wir sprechen hier über einen Meinungsbeitrag aus einer etablierten deutschen Tageszeitung, nicht aus einem linksterroristischen Kampfblatt. Das hält Rainer Wendt trotzdem nicht davon ab, von “hasserfüllt”, “degeneriert” und “voller Gewaltbereitschaft” zu sprechen und die Kolumne gar mit “Volksverhetzung” gleichzusetzen.

Die Polizeigewerkschaften stellen wegen eines satirischen Textes sogar Strafanzeige gegen die Zeitung und die Autorin. Irgendjemand schrieb sinngemäß auf Twitter: Würde man mit dieser Härte auch gegen Rechte in den eigenen Reihen vorgehen, wären alle Probleme auf einen Schlag gelöst.

Die Vermutung liegt nahe, dass man die Kolumne hier zur plumpen Eigen-PR nutzt. Sie kam genau zur richtigen Zeit, mit genau dem Angriffspunkt, den man gesucht hatte – siehe oben. Bloß nicht vor der eigenen Haustür kehren. Lieber das Fass Linksextremismus aufmachen, wenn gerade alle über rechte Polizeigewalt sprechen. Und leider, leider hat das sogar geklappt.

Solidarität bitte!

Und dann die CSU: Eine an der Bundesregierung beteiligte Partei veröffentlicht auf Twitter das Porträt einer Journalistin, bezeichnet sie indirekt als Hetzerin, um sie dann der pöbelnden Meute zum Fraß vorzuwerfen. Wer mal in die Kommentarspalten guckt, sieht, wie der Mob jetzt tobt. Auf unzähligen rechtsextremen Portalen ist die Autorin praktisch zum Abschuss freigegeben. Tschuldigung, aber: Was stimmt mit euch nicht?

Wenigstens eines sollten wir aber mal festhalten: Egal wie schlecht ein Text einer Journalistin sein mag, wie pöbelnd und beleidigend und meinetwegen sogar “menschenfeindlich”: All das Gerede von Pressefreiheit und Satirefreiheit ist gar nichts wert, wenn man sich in solchen Fällen nicht mit den betroffenen Kolleginnen und Kollegen solidarisiert.

Diese Freiheiten gelten nämlich nicht nur für gute Texte. Sie gelten für alle. Wenn wir da jetzt Unterschiede machen, dann können wir die Presse- und Satirefreiheit auch gleich dahin bringen, worüber gerade alle reden: zur Mülldeponie.

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