„Als der erste Lockdown kam, fielen wir hier alle in ein Loch“

  • Rainer Suckow hat mit anderen Hörfunkenthusiasten drei Jahre lang die Feierlichkeiten zum 100-jährigen Jubiläum der ersten Radiosendung geplant.
  • Dann kam Corona.
  • Im Interview erzählt er, was vor 100 Jahren genau geschah – und wie in Königs Wusterhausen jetzt trotzdem gefeiert werden soll.
|
Anzeige
Anzeige

Herr Suckow, vor 100 Jahren war die erste Radiosendung in Deutschland zu hören, ein Weihnachtskonzert. Was passierte an diesem Tag genau?

Zunächst einmal: Wir haben leider keine Aufzeichnung von dieser Sendung. Auch wenn das technisch vor Ort möglich gewesen wäre. Wir wissen aber aus einer Überlieferung, wie die Hörer begrüßt wurden und wie darauf hingewiesen wurde, dass Königs Wusterhausen jetzt als Sendestation „großjährig“ geworden ist.

Was heißt das?

Anzeige

Damit war gemeint, dass man jetzt Radiosendungen ausstrahlen konnte. Nach der Begrüßung folgte ein Weihnachtskonzert und wir wissen, dass der erste Titel „Stille Nacht, Heilige Nacht“ war. Es gibt tatsächlich jede Menge Beschreibungen, wie die Leute damals die erste Radiosendung technisch zum Laufen gebracht haben, aber inhaltlich ist diese Sendung sehr schlecht dokumentiert.

Weiß man denn wirklich nicht mehr?

Anzeige

Doch, ein bisschen. Der Beginn der Sendung war am 22. Dezember 1920 um 14 Uhr mit dem gerade schon beschriebenen Anfang. Die Musik wurde live gespielt, mit Klarinette, Harmonium und Geige, das ist sicher überliefert. Und es wurde vermutlich rund eine Stunde gesendet. Das führen wir darauf zurück, dass mit der Technik von damals etwa eine Stunde am Stück gesendet werden konnte. Dann waren die Elektroden vom Lichtbogen aufgebraucht und mussten gewechselt werden mussten.

„Funker haben sich schon früh für das Radio eingesetzt“

Anzeige

Womit konnte man diese Radiosendung hören?

Die Sendung war bereits mit relativ einfachen Geräten, sogenannten Detektorempfängern, zu hören. Diese Detektorempfänger konnte man mit einfachen Mitteln zusammenbauen: einem Stückchen Spule, einem Kondensator, einem Quarzkristall, einer langen Antenne und Kopfhörern. Mehr brauchte man nicht, keine Batterie, nichts anderes.

Aber diese Geräte gab es doch nicht zu kaufen, oder?

Der Rundfunk war auch eine Folge der Armeezeit im Ersten Weltkrieg. Es gab unzählige Funker aus der Zeit, die wussten wie das mit dem Empfang geht. Diese Funker haben sich schon früh für das Radio eingesetzt. Das Wissen, wie man eine solche Sendung technisch hört, war gegeben. Aber man durfte es nicht. Denn das Abhören war verboten.

„Es gab damals garantiert schon Schwarzhörer“

Aber wer hat es dann gehört?

Anzeige

Damals hat man in Königs Wusterhausen Börsen- und Wirtschaftsnachrichten per Funk verbreitet. Das kann man sich wie ein Abosystem vorstellen. Es gab etwa 70 Empfangsstellen in der ganzen Republik, die diese Nachrichten empfangen und an Abonnenten weitergegeben haben. Diese ganzen Empfangsstellen mussten also schon einmal den Sender Königs Wusterhausen hören. Man kann zudem davon ausgehen, dass Schiffsfunker die Sendung gehört haben, weil diese auf per Funk verbreitete Notrufe und Wetterwarnungen geachtet haben. Als Letztes gab es damals garantiert schon Schwarzhörer. Aber dazu gibt es natürlich keinen einzigen Bericht, denn Schwarzhören hätte sicherlich zu Schwierigkeiten geführt.

Der Mittelwellensender aus Berlin Köpenick nimmt einen ganzen Ausstellungsraum im Sender- und Funktechnikmuseum Königs Wusterhausen ein – 250 kW Sendeleistung sind einfach ziemlich viel. © Quelle: Sender- und Funktechnikmuseum Königs Wusterhausen

Sie erzählen mit so viel Begeisterung und Elan von der Geschichte des Rundfunks. Was fasziniert Sie an der alten Technik?

Das sind zwei Sachen: Erstens will ich seit frühester Kindheit einfach wissen, wie technische Dinge funktionieren. Als meine Eltern den ersten Fernseher kauften, hat mich anfangs weniger das Programm interessiert, sondern ich wollte ihn hinten öffnen und schauen, was sich im Innenleben verbirgt.

Und zweitens?

Zweitens finde ich faszinierend, wie die Leute damals Lösungen durch experimentelles Forschen gefunden haben. Die haben also probiert, analysiert, bewertet, probiert, analysiert, bewertet, in unendlichen Schleifen, bis sie zu einem Ergebnis gekommen sind. Egal, ob man Heinrich Hertz nimmt oder Guglielmo Marconi, alle haben so gearbeitet. Und als wir 2016 begannen, unseren Lichtbogensender nachzubauen, sind wir auf die gleiche Art und Weise vorgegangen.

Anzeige

„Als der erste Lockdown kam, fielen alle in ein Loch“

Warum das? Ich denke, es gab technische Beschreibungen?

Natürlich ist technisch beschrieben, wie diese Sender funktionieren. Aber es fehlen die ganzen Feinheiten, die man wissen muss, wenn man beispielsweise einen solchen Lichtbogensender nachbauen will. Das dann trotzdem zu schaffen hat eine große Faszination.

Sie wollten das ganze Jahr über feiern. Ging überhaupt etwas was davon?

Wir haben drei Jahre lang dieses Jubiläum vorbereitet. Und dann kam Corona. Als der erste Lockdown beschlossen wurde, fielen wir hier alle in ein Loch. Plötzlich war alles hinfällig. Aber wir haben dann nach Lösungen gesucht, etwa Rundgänge durch das Museum mit Abstandsregelungen angeboten. Das ist sehr gut angekommen.

Werden ausgefallene Veranstaltungen nachgeholt?

Was sich wiederholen lässt, wollen wir wiederholen. Aber alles können wir nicht nachholen. Doch eines steht fest: Ich würde fast sagen, egal, was passiert, es wird am 22. Dezember, um 14 Uhr, wieder ein Weihnachtskonzert geben – also genau 100 Jahre nach der ersten Sendung. Das Programm wird in Kooperation mit den Brandenburger Festspielen erstellt. Unter anderem wird die Sopranistin Simone Kermes singen. Und wir erzählen die Geschichte der ersten Opernsängerin im deutschen Rundfunk, Edith Bach. Sie hat in Königs Wusterhausen gesungen und gelangte dadurch zu einer gewissen Berühmtheit.

Wie kann man das Jubiläumskonzert hören?

Erstens haben wir in unserem Sender- und Funktechnikmuseum in Königs Wusterhausen einen Museumssender, der ungefähr eine Reichweite von 10 bis 15 Kilometern um den Funkberg hat. Dann können wir über Kurzwelle senden, sodass die Sendung in ganz Europa zu hören sein wird. Dann konnten wir den lokalen Hitsender Radio SKW gewinnen, die Stunde zu übertragen. Und wir sind gerade mit verschiedenen Kultursendern in Verhandlungen, dazu kann ich allerdings noch nichts Endgültiges sagen. Aber wenn uns da noch eine Kooperation gelingt, können wir sagen: Wir haben von der Amplitudenmodulation von damals bis zum heutigen Digitalradio alles dabei.

Rainer Suckow: „Eine Prise Funkgeschichte“ (be.bra, 160 Seiten, 16 Euro). © Quelle: be.bra

Rainer Suckow lernte ab 1984 auf dem Funkerberg in Königs Wusterhausen die Welt der Sendetechnik kennen. Seit 2006 ist er Vorsitzender des Fördervereins Sender Königs Wusterhausen e. V., der mit der Stadt Königs Wusterhausen das dortige Sender- und Funktechnikmuseum betreibt. Er ist Autor des in diesem Jahr erschienenen Buchs „Eine Prise Funkgeschichte“ aus dem be.bra-Verlag.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen