Akute Smartphone-Panik: Lasst die Kinder bitte surfen

  • Jugendliche hängen ziemlich viel am Smartphone – das sagt jetzt auch eine neue Studie von Unicef.
  • Genau dieser Umstand lässt Eltern, Verbände und Medien in einen kollektiven Panikmodus verfallen.
  • Aber ist das wirklich so schlimm? Zeit für eine Gegenrede.
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Hannover. Eine Unicef-Studie hat herausgefunden: Drei Viertel der Zwölf- bis 14-jährigen und 90 Prozent der 15- bis 17-jährigen Mädchen und Jungen sind mit ihrem Smartphone regelmäßig online. Bis zu drei Stunden verbringen die Heranwachsenden pro Tag durchschnittlich im Netz.

Was die Studie ebenfalls herausgefunden hat: Knapp 9 Prozent der Neun- bis 17-Jährigen haben im Netz schon einmal schlimme oder verstörende Erfahrungen gemacht. Rund 20 Prozent der Zwölf- bis 17-Jährigen nutzen das Smartphone für „Sexting“.

Wie diese Zahlen von Eltern, Verbänden und Medien aufgenommen werden, ist schon klar, bevor sie überhaupt offiziell veröffentlicht sind. Denn in Deutschland herrscht akute Smarpthone-Panik – und zwar vor allem (oder ausschließlich) dann, wenn es um unsere Kinder geht.

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Alle smartphonesüchtig!

Wer allein die Worte „Kinder“ und „Smartphone“ googelt, stößt auf unzählige Berichte, deren Verfasser in einen kollektiven Panikmodus verfallen, sobald sie nur an dieses Teufelsgerät denken. „Smartphonesucht“ ist das Schlagwort. Verbände warnen vor den Gefahren der Geräte für Kinder, Studien erklären, wie das Handy unsere Jugend verdummt – von den Rückenschäden ganz zu schweigen. Kommentatoren in Medien fordern Smartphoneverbote für junge Leute, weil sie von den Geräten „aus der realen Welt herausgesaugt“ würden und nur noch die virtuelle erlebten.

Die neue Unicef-Studie ist zwar deutlich differenzierter, macht aber auch Andeutungen in diese Richtung: Für Kinder sei es zunehmend schwierig, eine Trennung zwischen Onlinewelt und realer Welt zu ziehen, zitiert der „Tagesspiegel“ die Forscher.

Das Problem an der Sache: Man könnte zwischen der „realen“ und der „virtuellen“ Welt nur dann eine Trennlinie ziehen, wenn es da tatsächlich eine gäbe. De facto nutzen Jugendliche ihr Smartphone ganz anders und viel selbstverständlicher – als Verlängerung ihrer Realität.

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Es gibt kein offline mehr

Das „online“ und „offline“, das Millenials als erste Internetgeneration mit Einwahlmodem noch kennengelernt haben mögen, gibt es heute nicht mehr. Jugendliche nutzen ihr Gerät dauerhaft und ständig, um mit Freunden Kontakt zu halten, um sich Wissen zu ergoogeln, um mit Freunden zu spielen und ja: auch, um erste sexuelle Erfahrungen zu sammeln.

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Wenn Medien das Phänomen rezipieren, klingt das ungefähr so wie eine „Spiegel“-Titelstory aus dem Jahr 2018. Hier wundern sich die Autorinnen und Autoren, dass das Smartphone für Jugendliche zu „einer Art zweitem Gehirn geworden“ ist – und stellen die Frage: „Was macht das mit ihnen?“

Die Antwort: Vielleicht gar nicht so viel, wie man denkt. Denn Jugendliche tauchen nicht in irgendwelche undurchschaubaren Digitalwelten ab. Was auf dem Bildschirm passiert, hat in den meisten Fällen etwas mit ihrer Lebenswirklichkeit zu tun. Und dass sie heute diese Möglichkeiten haben, verschafft ihnen im Gegensatz zu früheren Generationen einen enormen Vorteil.

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Digitales Trümmerland

Dass das Smartphone bei Jugendlichen so negativ wahrgenommen wird, hat auch mit der digitalen Rückständigkeit dieses Landes zu tun. Gegenüber neuen technischen Entwicklungen herrscht in Deutschland grundsätzlich Ablehnung – ob das jetzt ein Smartphone oder ein E-Scooter ist. Im Falle des Smartphones kennen sich Jugendliche jedoch oftmals deutlich besser aus als ihre Eltern – die wahren Abgehängten in dieser Debatte.

Was daraus wachsen kann, zeigt sich beispielsweise an Bewegungen wie Fridays for Future – eine Gruppierung, die sich zunächst in Großstädten über Whatsapp-Gruppen organisierte und zu einem bundesweiten Phänomen herangewachsen ist.

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Auch die Unicef-Studie kommt zu dem Schluss: Was Eltern als Risiko wahrnehmen, nehmen die Heranwachsenden oft als gar nicht schlimm wahr – im Gegenteil. Wenn Eltern sich sorgen, dass Jugendliche beispielsweise mit sexuellen Inhalten in Berührung kommen, so zeigen die Ergebnisse, dass diese nicht per se negativ sein müssen, sondern mitunter für Heranwachsende auch eine Orientierungsfunktion sein können.

Lasst die Kinder surfen

Natürlich bedeutet all das nicht, dass im Netz alles rosig ist und man das Smartphone völlig unkritisch in den Himmel loben muss. Das Netz kann auch ein Ort des Grauens sein. Und gerade die Tatsache, dass Inhalte im Netz Kinder auch verstören können, ist ein Punkt, an dem Eltern, Jugendliche und auch die Schule zusammenarbeiten müssen – sofern Jugendliche das nicht selbst hinbekommen.

Das Smartphone ist aber keine Glotze. Jugendliche lassen sich von dem Gerät nicht nur berieseln, sie interagieren damit und lernen fürs Leben. Ein Gerät wegen seiner schieren Existenz zu verteufeln oder es dem Kind gleich ganz zu entziehen ist ganz sicher der falsche Weg. Lasst die Kinder bitte surfen.

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