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„Achtung Abzocke“-Experte Peter Giesel: „Wir sind der Gegenentwurf zu ‚Bares für Rares‘“

Die meisten Betrugsfälle bahnen sich online an, sagt Peter Giesel.

Erbschleicherei, unseriöse Gewinnspiele, falsche Beamte: Allein im Jahr 2020 erfasste die polizeiliche Kriminalstatistik hierzulande mehr als 800.000 Betrugsdelikte. Wie gut, dass es Peter Giesel gibt. Seit nunmehr sieben Jahren hängt sich der „Abzockjäger“ für Kabel Eins an die Hacken der Betrüger und entlarvt die Methoden der Schummler. Dafür filmt sich Giesel nicht nur mit versteckter Kamera, er konfrontiert die Nepper, Schlepper und Bauernfänger auch offen mit ihren dreisten Methoden. Auch in den neuen Folgen der Verbraucherschutzreihe „Achtung Abzocke – Betrügern auf der Spur“ (ab 17. Februar, 20.15 Uhr, immer donnerstags) geht der 50-Jährige wieder Fällen auf den Grund, in denen ahnungslose Kunden von gerissenen Dienstleistern übers Ohr gehauen werden.

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Herr Giesel, ist es Ihnen hierzulande überhaupt noch möglich zu arbeiten, ohne aufzufliegen?

Wenn wir in Deutschland drehen, kann ich mich nicht mehr einfach so zeigen. Mittlerweile werde ich ständig erkannt. Wenn ich aus der Deckung komme, wissen die Leute ganz genau, wer vor ihnen steht. Das hat aber auch Vorteile.

Inwiefern?

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Die Menschen sind eher bereit, mit uns zu sprechen, weil sie wissen, dass wir keinen Krawall suchen. In der neuen Staffel haben wir einen Handwerker auflaufen lassen, der auf seiner Website mit einem angeblichen Gütesiegel unserer Sendung warb. Um den zu erwischen, musste ich mich verkleiden und wurde 30 Jahre älter geschminkt. Als wir ihn dann gestellt haben, entschuldigte er sich von ganzem Herzen (lacht).

So positiv reagieren die meisten, die Sie erwischen, vermutlich nicht.

Das stimmt. Ich werde nicht selten angezeigt. Wegen Verleumdung, Beleidigung und dergleichen.

Kam jemals etwas dabei heraus?

Noch nie. Das liegt daran, dass meine Redaktion und ich sauber arbeiten und recherchieren. Es darf bei der Ausstrahlung keine Zweifel mehr geben. Denn wenn wir den Falschen erwischen, können wir viel Schaden anrichten. Trotzdem ist es fast noch nie passiert, dass unser Spürsinn uns im Stich gelassen hat. Wir wissen, wenn wir Betrügern gegenüberstehen.

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„Persönliche Daten sind die Einfallstore“

Was sind das für Menschen, die andere betrügen?

Ganz oft sind die Abzocker einfach nur Personen, die nicht mit dem klarkommen, was sie machen. Das sind häufig überforderte Individuen, deren Businessideen nicht so funktionieren, wie sie erwartet hatten. Auch diese Lehre kann man aus unserer Sendung ziehen: Manche Geschäftsidee sollte man sich zweimal überlegen.

Gibt es überhaupt noch Maschen, mit denen man Peter Giesel an der Nase herumführen könnte?

Um ehrlich zu sein: Mir passieren hier und da auch noch selbst ein paar Dinge. Ich muss schon manchmal aufpassen, dass ich nicht im Internet auf den falschen Knopf drücken und dann Gebühren zahlen muss oder bei irgendeinem Fake-Shop lande. Ich bin natürlich vorsichtiger geworden, aber nicht zwangsläufig misstrauischer.

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Wie groß ist die Rolle, die das Web heute spielt?

Immens. Zumindest bahnen sich die meisten Betrugsfälle online an, der Schaden findet jedoch im realen Leben statt. Viele Menschen sind zu sorglos. Gerade heutzutage, wo alles per Handy machbar ist, kann viel schiefgehen. Es ist krass, wie leichtfertig viele heutzutage ihre Daten hergeben. Das hat sich in den letzten Jahren deutlich verschlimmert. Vor zehn Jahren hätten wohl nur die wenigsten ihren Personalausweis in die Kamera gehalten.

Sie raten also, weniger preiszugeben im Internet?

Ja. Persönliche Daten sind die Einfallstore, durch die mittlerweile mit Abstand am meisten passiert. Wenn man mit drei Klicks überweisen kann, kann man sich auch mit vier Klicks das ganze Konto von Betrügern leerräumen lassen. Oft hören wir: Wie kann man denn darauf hereinfallen? Noch öfter heißt es allerdings: Ich hätte nie gedacht, dass auch mir das mal passiert.

„Weder der Verbraucherschutz, noch die Polizei haben eine so gute Recherchedatenbank“

Kann es irgendwann jeden treffen?

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Ich würde sogar einen Schritt weitergehen und sagen: Irgendwann wird es jeden treffen. Damit ist die Sendung gewissermaßen ein Selbstläufer (lacht). Deshalb ist es mir so wichtig, dass das Publikum so viel wie möglich daraus mitnehmen kann. Viel mehr kann Fernsehen heutzutage nicht leisten.

Was passiert mit Ihrer Sendung, wenn Sie eines Tages alle Betrugsmaschen aufgedeckt haben?

Mit Blick in meine Datenbank und auf die Mails, die mich allein heute erreicht haben: Das wird nicht passieren. Die Spielfelder verlagern sich. Betrüger suchen sich immer neue Maschen. Das hat auch Corona gezeigt: Kaum war die Pandemie da, folgten die entsprechenden Betrügereien. Es wird immer Leute geben, die neue Wege und Mittel finden, andere abzuzocken. Solange es „Achtung Abzocke“ gibt, versuchen wir jedoch, Schadensbegrenzung zu betreiben.

In Ihrer Sendung handeln Sie die Fälle in etwa zwei Stunden ab. Wie viel Arbeit und Zeit steckt wirklich hinter Ihrem Format?

Sehr viel. Wir bekommen das ganze Jahr über Input. Ich wünschte, wir könnten uns um jede einzelne Zuschrift kümmern, aber das geht aufgrund der schieren Masse einfach nicht. Um das alles in der Sendung thematisieren zu können, müsste ich mich klonen (lacht). Es gibt aber auch viele Parallelen zwischen den Fällen.

Sie bekommen also mehrere Nachrichten, die sich auf dieselben Täter beziehen?

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Ja! Durch die Mails der Zuschauerinnen und Zuschauer können wir mittlerweile Querverbindungen herstellen. Weder der Verbraucherschutz noch die Polizei haben eine so gute Recherchedatenbank. Vor kurzem haben wir zum Beispiel – unabhängig voneinander – Nachrichten von Leuten bekommen, die Ferienhäuser in Kroatien gemietet haben, die in Wirklichkeit gar nicht existieren. Die sind alle denselben Betrügern aufgesessen. So etwas passiert nicht selten.

„Ich will, dass am Ende das Gute siegt“

Haben Sie im Laufe der Jahre Ihr Vertrauen in die Menschheit eingebüßt?

Das werde ich oft gefragt. Die Antwort bleibt aber: Nein. Ganz im Gegenteil. Ich weiß, dass es viel Schlechtes auf der Welt gibt. Wir produzieren unsere Sendung ja aber auch im Interesse derer, die gute Arbeit leisten. Betrügerische Maschen aufzuzeigen, bringt viel Positives. Die Zuschauerinnen und Zuschauer schützen sich und nehmen etwas mit. Jedes Mal, wenn wir Abzockern und Betrügern ein Schnippchen schlagen können, freut mich das. Mich treibt die Moral an: Ich will, dass am Ende das Gute siegt.

Sie bleiben also optimistisch?

Ja. Am Ende werden wir die Klügeren sein – wir werden uns in Zukunft nicht mehr abzocken lassen. Viele Tricks werden aussterben, vielleicht auch wegen unserer Sendung. Es ist eine gute Entwicklung, wenn Menschen vor dem Sommerurlaub nochmal in unserer Mediathek Joyn nachsehen. Je voller die Sammlung unserer Reiseziele wird, umso besser. Wenn sich die Menschen mit solchen Themen beschäftigen, wird es zunehmend schwerer für die Übeltäter.

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Worin liegt das Erfolgsgeheimnis Ihrer Sendung?

In der Bodenständigkeit. Das Format geht vom Publikum aus und bleibt deshalb immer relevant. In der ersten Folge der neuen Staffel haben wir uns zum Beispiel etwas vermeintlich Banales vorgenommen: Kleinanzeigen aus Werbeblättern. Oft bieten Menschen dort an, Pelz oder Schmuck kaufen zu wollen. Tatsächlich interessieren sich die Käufer aber nicht die Bohne für Pelze.

Auf was haben sie es stattdessen abgesehen?

Ihr Ziel ist es, zu älteren Menschen nach Hause zu kommen und ihnen dort weitaus wertvollere Dinge, wie Schmuck für wenig Geld, abzuluchsen. Betrügerische Nachlassjäger sind nicht zu unterschätzen. Das kann jeden treffen. Wir sind da gewissermaßen der Gegenentwurf zu Sendungen wie „Bares für Rares“. Da ist Rares überhaupt nicht Bares! (lacht) Bei uns gab es kein Casting. Niemand wurde eingeladen, um irgendwelche Schatztruhen zu verkaufen. Wir zeigen die Kehrseite solcher Nachlassverkäufe. Die Kollegen machen eine tolle Show – wir sind ein journalistisches Format. Ein großer Unterschied.

„Nur draufhauen ist nicht unser Ding, das tun genug andere“

Im Laufe der Jahre sind Sie in einige brenzlige Situationen gekommen. Wie gelingt es Ihnen, so ruhig zu bleiben?

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Es gibt durchaus Momente, in denen ich angespannt bin. Etwa dann, wenn ich merke, die Gegenseite meint es nicht gut mit uns. Aber: Manchmal muss unser Job auch ein bisschen wehtun. Man muss das Rückgrat haben, in solchen Situationen nicht nachzugeben und für das Richtige einzustehen. Unnötig provozieren wollen wir aber natürlich nicht. Außerdem bin ich nie alleine. Meistens stehen bis zu sechs Leute um mich rum, die sieht nur keiner.

Hatten Sie schon einmal Angst bei den Dreharbeiten?

Angst hatte ich noch nie, aber Respekt. Respekt vor der Situation und auch immer vor der anderen Kultur. Die Umgangsformen im jeweiligen Land achte ich sehr. Zudem begebe ich mich nicht bewusst in irgendwelche Gefahren. Mein Team und ich haben Grenzen, an die wir uns beim Dreh halten. Es gibt aber auch Länder, in die wir bis heute gar nicht erst hineinkommen.

Zum Beispiel?

Ich würde wahnsinnig gerne nach Marokko reisen, um den Menschen zu zeigen, wie man dort sicher und gut Urlaub machen kann. Ich liebe dieses Land, aber dort gibt man uns seit fünf Jahren kein Visum. Dabei ist Marokko so ein schöner Ort, der es wirklich verdient hätte, Teil unserer Sendung zu werden. Im Prinzip ist es eine Ehre, wenn wir den Menschen zeigen, wie man in einem Land unbesorgt eine gute Zeit verbringen kann. Nur draufhauen ist nicht unser Ding, das tun genug andere.

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„Vor meiner Familie kann ich mir nicht erlauben, dass wir im Restaurant abgezockt werden“

Gibt es Länder, die Sie mittlerweile meiden?

Überhaupt nicht! Alle unsere Reiseziele sind Orte, die wir gerne besuchen. Damit wir weiterhin dort Urlaub machen können, gibt es unsere Sendung.

Erwartet Ihr Umfeld von Ihnen, dass Sie jeden Betrug erkennen?

Ja. Im Urlaub muss ich zum Beispiel schon aufmerksam sein. Vor meiner Familie kann ich mir nicht erlauben, dass wir im Restaurant abgezockt werden (lacht)! Auch meine Frau ist im Laufe der Jahre zur Expertin geworden. Man darf sich aber auch nicht verrückt machen lassen.

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Wie schützen Sie sich?

Meine Frau und ich haben für alles, was so passieren kann – sei es ein Rohrbruch oder ein verlorener Schlüssel – einen Handwerker oder Experten unseres Vertrauens. Nur der darf sich kümmern. Lieber schlafen wir eine Nacht ohne Heizung, als jemanden zu engagieren, den wir nicht kennen. Ich würde niemals irgendwelche Notdienste anrufen.

RND/Teleschau

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