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“Absurde Verschwörungstheorie”: “Bild”-Chef Reichelt weist Kritik an Corona-Berichterstattung zurück

  • Fährt “Bild”-Chefredakteur Julian Reichelt eine Kampagne gegen den Virologen Christian Drosten?
  • Und hat er dabei in Wahrheit die Kanzlerin im Visier?
  • Diese Vorwürfe hat die Medienexpertin Johanna Haberer im RND-Gespräch erhoben. Nun antwortet Reichelt.
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“Bild”-Chefredakteur Julian Reichelt hat den Vorwurf zurückgewiesen, er fahre eine Kampagne gegen den Virologen Christian Drosten oder die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). “Das ist einfach eine absurde Verschwörungstheorie”, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). “‘Bild’ ist Seismograf der Gesellschaft und thematisiert das, was die Menschen in unserem Land betrifft.”

“Auch ein Professor Drosten kann sich irren”

Die Zeitung hatte in einer Story den Vorwurf erhoben, eine Studie von Drosten zur Viruslast bei Kindern werde von Fachkollegen des Virologen als mangelhaft bewertet. Diese “fehlerhafte” Studie sei mit ursächlich für die politische Entscheidung gewesen, die Schulen und Kindergärten noch nicht wieder zu öffnen. Die von “Bild” als Kronzeugen der Anklage aufgerufenen Drosten-Kollegen freilich distanzierten sich umgehend von dem Bericht. Bereits zuvor hatte “Bild” mehrfach den Versuch einer Entzauberung des renommierten Wissenschaftlers unternommen (”Auch ein Professor Drosten kann sich irren”).

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Die Erlanger Medienexpertin Johanna Haberer hatte Reichelt im Gespräch mit dem RND scharf kritisiert: “Der Boulevard lebt von Angst und Unsicherheit", sagte sie. "Und natürlich kann man einen Wissenschaftlerkonflikt zu einem persönlichen Kleinkrieg hochkochen. Beim Thema Gesundheit ist das allerdings fahrlässig. Wir erleben aktuell in der Wissenschaft quasi eine weltweite Operation am offenen Herzen. Politiker und Wissenschaftler müssen in einer solchen Situation auch mal sagen dürfen ‘Ich weiß es nicht’, ohne dass ihnen daraus gleich ein Strick gedreht wird.” Ihr Fazit: “Ich glaube, da haben sich Reichelt und seine Boygroup verkalkuliert und ins Aus manövriert.”

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“Es geht um die Kanzlerin”

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Hinter den Attacken von “Bild” auf Drosten stecke die Absicht, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu beschädigen, sagte Haberer. “Wenn es überhaupt eine geheime Agenda gibt, dann ist es die Kampagne von ‘Bild’ gegen Merkel”, sagte sie. “Es geht gar nicht um Drosten. Es geht um die Kanzlerin. Es geht darum, eine weitere Amtszeit – um die viele Menschen in der Republik sie im Moment ja vergeblich beknien – auf jeden Fall zu verhindern. Drosten ist in diesem Kontext nur ein Bauernopfer.”

Bereits im Podcast “inside.pod” im Gespräch mit dem Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer SE, Mathias Döpfner, hatte Reichelt sein Vorgehen verteidigt. “‘Bild’ muss kontrovers sein, sonst hätten wir unseren Job nicht gemacht”, sagte er dort. Dem Virologen Drosten für seine Stellungnahme zu der geplanten “Bild”-Story nur eine Stunde Zeit einzuräumen, bezeichnete Döpfner freilich als “dummen Fehler”. “Da haben wir uns angreifbar gemacht”, sagte auch Reichelt. “Das geht klar auf meine Kappe.” Auf den Vorwurf, aus einem normalen Disput unter Wissenschaftlern über eine unfertige Studie einen Skandal gemacht zu haben, der von Unkenntnis über akademische Prozesse gekennzeichnet sei, ging er nicht im Detail ein.

“Eine für Journalismus komplett zulässige Zuspitzung”

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Auch Drosten müsse es sich gefallen lassen, hinterfragt zu werden, sagte Reichelt. Dass gerade Drosten angesichts neuer Fakten und frischer Forschungsergebnisse immer wieder auch frühere Einschätzungen korrigierte, erwähnte er im Gespräch mit Döpfner nicht.

Zu dem Vorwurf, die von “Bild” zitierten Wissenschaftler hätten nicht die Studie insgesamt als “grob falsch” bezeichnet, sondern einzelne statistische Verfahren und Schlussfolgerungen kritisiert, sagte Reichelt: “Das ist aus meiner Sicht eine für Journalismus komplett zulässige Zuspitzung.” Er habe persönlich nichts gegen Drosten, sagte Reichelt. “Ich habe Professor Drosten nie getroffen.”

Medienexpertin Haberer hält das Vorgehen von “Bild” für unzulässig. Mit “dieser Art, die Welt zu sehen, nämlich schwarz und weiß, kommt man in einer solchen Epidemie einfach nicht weiter”, urteilte sie. “Ich glaube, dass sich die ‘Bild’-Zeitung damit endgültig aus dem Diskurs gekegelt hat.”


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