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„A Christmas Carol“ ganz finster – Ebenezer Scrooge als Psychopath bei Sky

  • Regisseur Nick Murphy schickt zu Weihnachten bei Sky den alten Geizhals Ebenezer Scrooge in „A Christmas Carol“ ins Rennen.
  • Das berühmte Moralstück von Charles Dickens kommt ungewohnt düster daher.
  • Der Zuschauer hat bald schon das Gefühl, dass kein Weihnachtsgeist die von Guy Pearce gespielte finstere Seele retten kann.
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Da steht ein Grabstein im eisigen Winter auf dem Friedhof der schiefen Grabsteine und einer pinkelt drauf. Ein gewisser Jacob Marley liegt hier begraben, tief in der harten Erde, mit Münzen auf den Augen. Offenbar ist er zu Lebzeiten ziemlich unbeliebt gewesen. Etwas sickert zu ihm durch, tropft ihm auf die Nase, er erwacht davon, empört sich laut und rutscht flugs darauf mitsamt seinem Sarg in eine Art Vorhölle, wo ihm Ketten für seine Sünden angelegt werden und er zu seinem früheren Kompagnon Ebenezer Scrooge zurückgeschickt wird. Drei Geister kündigt er dem alten Weggefährten an – nicht, dass die Aussicht auf übernatürliche Gestalten den eiskalten Geschäftsmann irgendwie schrecken würde.

Der Film „A Christmas Carol“ (Regie: Nick Murphy) hat, wenn überhaupt, galligen Humor. Es ist kein Weihnachtsfilm im klassischen Sinn, wie es die Muppets-Version mit Michael Caine als Scrooge und einigen wirklich hinreißenden Musicalnummern waren. Die neueste Version von „Taboo“-Schreiber Steven Knight – in England eigentlich eine Miniserie – ist ein gefühlsklirrender Gruselfilm, der Scrooge von Guy Pearce ist kein moralbedürftiger Geizkragen, sondern ein Psychopath, eine schwarze Spinne, die ihren Mitmenschen das Leben gründlich verleidet.

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Die Szene, in der Scrooge etwa die Frau seines Mitarbeiters Cratchit (Vinette Robinson, Joe Alwyn) seelisch missbraucht, lässt einem die Marzipankartoffeln im Halse stecken bleiben. Einen Kredit verweigert Scrooge ihr nicht, er verschenkt das Geld sogar, aber was er dafür fordert, verdirbt der Beschenkten die Weihnacht möglicherweise für immer.

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Wer sich zum frohen Fest filmisch mit Glöckchengebimmel und Santas „Ho-ho-ho!“ unterhalten lassen will, der liegt hier falsch, der muss zu Disney+ mit „Noelle“ und „Die gute Fee“. Charles Dickens‘ berühmte Läuterungsgeschichte ist unter Knights Feder – nicht umsonst dominieren düstere Grautöne das Bild – ein Anti-Weihnachtsfilm geworden, dem manchmal anzumerken ist, dass er doch gern ein Weihnachtsfilm geworden wäre trotz seiner verstörenden Blicke in die Abgründe eines Menschenfeinds.

Eine Erlösung dieses Scrooge aber scheint uns unmöglich, auch und vor allem, als die Geister der Weihnacht ihn am Schlafittchen packen und an seinen Schandmalen vorbeiführen. Und erst recht, weil Knight, Murphy und vor allem der großartige Pearce die Figur mit einem Intellekt ausstatten, der ihr bei Dickens weitgehend fehlte und weil Scrooges Handlungen nicht nur zu Elend, sondern zu Tod und Vernichtung führten. Dieser Scrooge ist kein tumber Gierschlund, er ist ein Bösewicht, der genau weiß, was er tut. Dem jeder Rückweg eigentlich versperrt bleiben muss und der – in seiner Zeit, dem London des Jahres 1843, eigentlich an den Galgen gehörte. Er hätte es besser wissen müssen.

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Harter Tobak. Erst recht, wenn es zurück in die Kindheit des Protagonisten geht, als Scrooges Unbeschwertheit endet und Knight als Hauptursache für Scrooges Seelenzustand Missbrauch andeutet. Dieser Dreistünder ist – anders als alles „Carol“-Adaptionen – ganz gewiss nichts für die ganze Familie. Und damit ist er, wiewohl sehenswert, auch irgendwie gescheitert.

„A Christmas Carol“, bei Sky, 170 Minuten, von Steven Knight, Regie: Nick Murphy, mit Guy Pearce, Vinette Robinson, Joe Alwyn, Tom Hardy (bereits streambar)

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