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50 Jahre Maus: Armin Maiwald will noch die Bundeskanzlerin interviewen

  • Seit Beginn der „Sendung mit der Maus“ 1971 ist Armin Maiwald dabei.
  • Bis heute begleitet er Kinder mit seiner sonoren Stimme und bringt ihnen in seinen Sachgeschichten die Welt näher.
  • Im Interview blickt er auf die Anfänge der Kindersendung zurück, er erzählt, wie sich Corona auf seine Arbeit auswirkt – und warum er mit der Bundeskanzlerin noch einen Film drehen will.
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Herr Maiwald, Sie bringen seit 50 Jahren Kindern und Erwachsenen die Welt um sie herum näher. Woher kommt Ihr Erklärtalent?

Keine Ahnung. Vielleicht ist mir das angeboren, vielleicht habe ich mir das im Laufe der Zeit erst erarbeitet. Eine einfache und verlässliche Antwort kann ich Ihnen darauf gar nicht geben.

Sie hatten als Kind eine Lehrerin, die mit einfachsten Mitteln etwas erklären konnte.

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Das ist eine Erinnerung, die mir bis heute noch klar vor Augen steht: wie wir damals ohne Bücher, ohne Tafeln und Bleistifte und ohne Kreide die ersten Buchstaben lernen mussten. Meine Lehrerin hat etwas getan, was wir in der Maus ja auch gern machen: Sie ist von etwas Bekanntem ins Unbekannte vorgestoßen.

Wie genau?

Zum Beispiel hat sie einen Kreis an die Tafel gemalt und gefragt, was das ist. Wir haben geantwortet: „Das ist ein Ball“. „Ja, das stimmt“, hat sie gesagt. „Aber es ist auch ein Buchstabe, ein O. Und wenn ihr den Mund rund macht wie einen Ball, dann es ist das ein O.“ So haben wir die ersten Buchstaben gelernt. Und genauso gehen wir ja in der Sendung immer von etwas aus, das sprichwörtlich jedes Kind kennt. Um von dort aus zu fragen: Wie kommt der Henkel an die Tasse, oder wie kommt die Mine in den Stift?

Erklären mit Eierkartons, Spaghetti oder einer Gabel

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Ist das auch ein Grund, warum Sie bis heute Dinge eher mit Eierkartons oder anderen Gegenständen aus dem Haushalt erklären als mit Computeranimationen?

Mit Computeranimationen kann man alles machen. Natürlich können Kinder heute gut mit Computern umgehen, oft sogar besser als wir Erwachsene. Aber wenn man eine Geschichte erzählen und die Kinder mitnehmen will, ist es das Beste, wenn man mit etwas anfängt, das alle kennen: mit einem Eierkarton, mit Spaghetti oder einer Gabel. Das ist das Bekannte und von da kann man in das Unbekannte vorstoßen und Stück für Stück die Geschichte erzählen.

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Wer hat Ihnen denn in der Kindheit Sachen erklärt?

Ich habe meiner Mutter immer ein Loch in den Bauch gefragt. Sie war einfach eine wunderbare Frau. Meine Mutter hat versucht, mir alles zu erklären. Und wenn sie es nicht selbst beantworten konnte, hat sie versucht, jemanden zu finden, der es weiß. So habe ich vieles von meiner Mutter erfahren.

Die Briefmarke mit der Maus: Rechtzeitig vor ihrem 50. Geburtstag ist die neue Sonderedition mit Maus, Elefant und Ente – mit einem Ausgabewert von 80 Cent. © Quelle: WDR/Ben Knabe

Wenn wir zurückschauen: Wie hat das alles angefangen mit der Maus?

Bis in die Sechzigerjahre war es Kindern unter sechs Jahren verboten, ins Kino zu gehen. Das hat man dann 1:1 auf das Fernsehen übertragen. Aber anders als am Kinoeingang konnte zu Hause natürlich niemand kontrollieren, ob da jemand heimlich vor der Glotze sitzt. Viele Kinder haben also doch geschaut. Deshalb galt damals bei den Fernsehverantwortlichen: Wenn es schon ein Programm für Kinder geben muss, dann doch bitte Sendungen aus dem Studio mit einer Tante, die etwas vorliest, und einem Onkel, der etwas bastelt, oder umgedreht.

Bevor es mit der Maus losging, wurde drei Jahre lang diskutiert

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Wie hat sich das dann geändert?

Dem zuständigen Redakteur beim WDR, Gert Müntefering, war das alles zu spießig. Er wollte keine Kinder in Sonntagskleidern im Studio sitzen haben. Er hat dann gesagt: Wir müssen raus aus dem Studio, raus ins Leben der Kinder. Wir müssen ihnen Geschichten erzählen aus ihrer Welt.

Ging es dann gleich los mit der „Sendung mit der Maus“?

Nein. Wir haben in langen Diskussionen, die sich bestimmt über drei Jahre hingezogen haben, erarbeitet, wie eine solche Sendung aussehen könnte. Dann sind die ersten drei Filme entstanden, die ich gedreht habe: Die Filme über Brötchen, Milch und das Ei. Also über Lebensmittel, die jedes Kind schon mal gesehen hat, auch Kinder aus ärmeren Verhältnissen.

Worum ging es in den Filmen?

Wir wollten zeigen, dass die Brötchen nicht auf dem Tisch wachsen, dass die Milch nicht im Kühlschrank fließt und die Eier nicht aus dem Supermarkt kommen. Wir wollten den Kindern nahebringen, dass diese Lebensmittel schon einen langen Weg zurückgelegt haben, wenn sie auf dem Frühstückstisch landen.

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Sie haben diese Geschichten auf eine Weise erzählt, die auch heute noch prägend für die Sendung mit der Maus ist.

Genau. Das waren auch die ersten Geschichten, die wir rückwärts erzählt haben. Wir haben den Film auf dem Frühstückstisch beginnen lassen und sind dann schrittweise zurückgegangen, bis wir bei der Milch bei der Kuh und beim Ei bei der Henne gelandet sind. Aber wir haben schon damals nicht das glückliche Berghuhn auf dem Misthaufen gezeigt, sondern wahrheitsgemäß erzählt, dass die Hühner in Batterien gehalten werden und da ihre Eier legen.

Anfangs stieß die Maus auf viel Kritik

Am Anfang stieß die „Sendung mit der Maus“ auf viel Kritik. Warum?

Der Anfang war wirklich schwierig. Die ersten Filme, die liefen, waren den Leuten, die uns heute so furchtbar loben, also den Pädagogen und den Lehrern, viel zu schnell. Aber bei uns in der Redaktion war niemals ein Thema, ob unsere Filme jetzt adäquat für Kinder sind. Wir haben gesagt, wir machen das nicht nach pädagogischen Gesichtspunkten, auch nicht nach wissenschaftlichen oder künstlerischen.

Sondern?

Wir arbeiten nur nach journalistischen Gesichtspunkten, bis heute recherchieren wir, bis der Arzt kommt. Wir wollten auch niemals Ersatz für die Schule sein. Wir haben uns verstanden als Reporter, die nach draußen gehen, und im wortwörtlichen Sinne des Reportierens eine Geschichte mit zurückbringen. Und wir haben unsere Zuschauer eingeladen, uns auf dieser Reise zu begleiten. Das tun wir bis heute. Aber als wir angefangen haben, hat niemand daran zu denken gewagt, dass es die „Sendung mit der Maus“ 50 Jahre lang geben wird.

Wann ist die Kritik ins Lob gekippt? Wie lange hat es gedauert, bis die „Sendung mit der Maus“ akzeptiert war?

Drei, vier Jahre hat es damals schon gedauert, bis sich der Wind drehte. Zunächst wurde die Sendung stark kritisiert, dann geduldet, dann vorsichtig akzeptiert und dann hieß es irgendwann: Das ist vielleicht doch nicht ganz schlecht. Danach stieg der Bekanntheitsgrad und auch der – in Anführungszeichen – „Ruhm“.

Da kann man ja von Glück reden, dass das eine Zeit war, in der man im Fernsehen noch experimentieren konnte und noch Zeit hatte. Heute würde der Sender wahrscheinlich nach drei Folgen sagen: Die Quote ist schlecht, das setzen wir ab.

Ja, wenn man sich die ersten zehn, 15 Folgen der Maus anschaut, könnte man heute sicherlich sagen: Was habt Ihr euch da denn zusammengereimt und zusammengepappt? Das war natürlich auch ein Lernprozess, den wir durchgemacht haben. Aber wir hatten damals Gott sei Dank Zeit, um Dinge auszuprobieren, und in der Hierarchie des Senders saßen Leute, die geduldig waren, diese Versuche zu genehmigen. Heutzutage ist der Druck von außen größer.

Ein Merkmal der Maus ist ja, dass Sie auch schwierige Themen wie den Tod angehen. Gibt es irgendein Tabuthema?

Nein, eigentlich nicht. Wir haben über alles, was irgendwie machbar ist, Geschichten entwickelt. Es gibt aber Fragen, die kann man nicht seriös beantworten. Etwa: Wo wohnt der liebe Gott? Für solche Fragen gibt es dann etwas seitlich gelagerte Geschichten, mit denen man etwa das Jenseits betrachten kann. Zum Beispiel mit einer Bildergeschichte wie „Leb wohl, lieber Dachs“.

Woran Sie sich die Zähne ausgebissen haben, ist eine Geschichte zur Frage: Warum gibt es Krieg? Arbeiten Sie immer noch daran?

Das liegt jetzt als unerledigt in der Schublade. Ich habe zu dem Thema sieben, acht Drehbücher geschrieben. Aber die waren der Redaktion nicht einfach oder nicht genau genug. Ich finde allerdings weiterhin, dass dies ist ein wichtiges Thema ist. Ich würde sicherlich noch mal versuchen, über das Thema einen Film zu drehen, aber von der Redaktion kommt bislang kein Signal, dass ich das noch mal tun soll.

Maiwald will unbedingt einen Film mit Angela Merkel drehen

Und wie steht es mit einem Beitrag über Angela Merkel?

Über die Bundeskanzlerin würde ich sehr gern einen Film drehen. Aber sie ist natürlich eine extrem beschäftigte Frau, und hat ein Leben, um das man sie wirklich nicht beneiden kann. Ich frage mich immer, wann sie schläft oder woher sie die notwendige Energie nimmt. Natürlich würde ich sie gern mal zu Hause besuchen und ihr Fragen stellen. Aber solange sie Bundeskanzlerin ist, ist das völlig aussichtslos. Wir haben mal einen Versuch über einen Referenten gestartet, aber das ist gleich abgeschmettert worden. Verständlicherweise.

Aber würde Angela Merkel Sie auch noch interessieren, wenn sie im Herbst voraussichtlich keine Kanzlerin mehr sein wird?

Ja klar, auch dann würde ich sie gern besuchen. Denn es würde mich schon interessieren, was ist das für eine Frau? Ich weiß nun wirklich, was Arbeit ist. Ich weiß auch, was ein 24-Stunden-Arbeitstag bedeutet. Aber was diese Frau leistet, ist unmenschlich. Ich bewundere sie auf eine bestimmte Weise.

Inwiefern?

Die Bewunderung gilt nicht nur Frau Merkel, sondern auch anderen Politikern und Politikerinnen: Denn wenn diese Menschen sich wählen lassen, geben sie ihr komplettes Privatleben auf. Doch kaum jemand scheint zu registrieren, auf wie viel sie von ihrem eigenen Leben für die Allgemeinheit verzichten. Was das Leben als Politiker mit einem als Mensch macht, ist eine Frage, die mich brennend interessiert. Aber ich fürchte, dass wir niemanden ernsthaft vor die Kamera bekommen, der dann nicht nur aus dem Nähkästchen, sondern aus der untersten Schublade des Nähkästchens erzählt.

„Manchmal geht ein Drehtag, aber dann oft auch wieder nicht“

Wie wirkt sich Corona auf Ihre Arbeit aus? Können Sie momentan drehen?

Mit gebremstem Schaum. Es ist so, dass viele Firmen natürlich momentan Angst haben, jemanden reinzulassen, einfach wegen der Ansteckungsgefahr. Das ist ja auch vernünftig. Deswegen haben wir jetzt eine Reihe halb fertiger Filme, die wir vor der Corona-Zeit angefangen hatten und die wir dann im vergangenen Sommer oder Herbst fertigstellen wollten. Wann wir diese Filme beenden können, weiß ich nicht. Wir sind aber mit den Firmen immer noch in Kontakt. Wir können momentan wie die meisten Menschen nur auf Sicht fahren. Manchmal geht ein Drehtag, aber dann oft auch wieder nicht. Was ein Problem ist: Sie müssen bedenken, dass wir für 52 Sendungen im Jahr Material produzieren müssen. Wir müssten jetzt eigentlich permanent ackern. Aber das geht momentan nicht.

Ist denn die „Sendung mit der Maus“ dadurch gefährdet?

Nein! Ganz und gar nicht. Wir haben genügend Beiträge auf Lager. Manchmal entwickeln wir auch Ideen, die wir dann zu Hause oder im Studio ohne viel Aufwand filmisch umsetzen können. Aber große Reisen sind momentan kaum möglich.

Ihr Kollege Peter Lustig hat früher am Ende seiner Sendung „Löwenzahn“ immer gesagt: „So Kinder, jetzt abschalten!“ Ist Fernsehen überhaupt gut für Kinder?

Fernsehen kann wie alles andere in unserem Leben auch sowohl positive als auch negative Folgen haben. Mit einem Hammer können Sie einen Nagel in die Wand schlagen, Sie können damit aber auch einen Menschen töten. Das Werkzeug ist dabei meistens unschuldig. Insofern sind Fernsehen und auch das Internet per se erst einmal unschuldig. Man kann etwas Gutes daraus machen oder auch den größten Blödsinn. Aber mit Sicherheit ist es nicht gut, mehrere Stunden täglich als Dauerglotzer vor dem Fernseher zu sitzen.

Sehen wir Sie auch weiterhin in der „Sendung mit der Maus“?

Solange der Körper und der Geist mitmachen, ja, ich habe nichts anderes gelernt. (lacht)

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