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50 Jahre „Polizeiruf 110“: Warum die „Tatort“-Schwester lange unterschätzt wurde

  • Anfangs war die Reihe eine Herausforderung für die Filmemacher.
  • Heute ist der „Polizeiruf 110“ eines von nur zwei Ostformaten, die es ins gesamtdeutsche Fernsehen geschafft haben.
  • Ein Blick zurück auf 50 Jahre deutsch-deutsche Krimigeschichte sowie in eine vielversprechende Zukunft.
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Vor dem Fernseher sind die Befindlichkeiten dann doch überall dieselben. Staatsräson ist schön und gut. Aber langweilen will sich auch der verbohrteste Parteifunktionär nicht. „Unterhaltsamere und spannendere Programmangebote“ soll der frisch gekürte Ulbricht-Nachfolger Erich Honecker auf dem achten SED-Parteitag im Frühjahr 1971 gefordert haben. Ein begreiflicher Wunsch, zumal der Klassenfeind gerade die höchst populäre Reihe „Tatort“ angeschoben hatte.

Kurz nach dem ARD-Krimidino feiert nun auch das antiimperialistische Pendant Jubiläum. Der „Polizeiruf 110“ wird 50 Jahre alt – 391 Folgen, 120 Kommissarinnen und Kommissare zählt die ARD-Datenbank wendeübergreifend – die Jubiläumsfolge „An der Saale hellem Strande“ (Sonntag, 30. Mai, 20.15 Uhr) mit dem neuen Hallenser Team schon eingerechnet. Eine beachtliche Marke für das – neben dem „Sandmännchen“ – einzige DDR-Format, das es ins gesamtdeutsche Fernsehen schaffte und dort bis heute blieb. Zumal die Reihe zum Sendestart am 27. Juni 1971 ein Widerspruch in sich war.

Republikflüchtlinge fanden nicht statt

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„Zu den Spannungsfaktoren, die jeder Kriminalfilm nun einmal braucht, gehört natürlich ein Delikt von gehörigem Ausmaß“ – weise Worte des Bereichsleiters für dramatische Kunst im DDR-Fernsehen von 1987, Werner Krecek. Aber wie erzählt man vom Schwerverbrechen in einer Gesellschaft, in der es Kriminalität eigentlich gar nicht geben darf, weil der kriminelle Nährboden ja exklusiv ein kapitalistischer ist?

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Eine Weile haben die „Polizeiruf“-Filmemacher ganz schön rumeiern müssen mit ihren Plots. Republikflüchtlinge oder Verdächtige aus staatstragenden Kreisen fanden hier nicht statt. Man muss es den Autoren und Regisseuren der frühen Jahre hoch anrechnen, dass sie dennoch eine Reihe kreierten, die zum Straßenfeger wurde.

Fuchs (Peter Borgelt), Bergmann (Jürgen Zartmann), Hübner (Jürgen Frohriep) oder Grawe (Andreas Schmidt-Schaller) hießen die Genossen Hauptmann und die Leutnants der DDR-Jahre. Pflichtbewusste, schneidige, bisweilen sogar unkonventionelle Herren und Damen: Sigrid Göhler alias Leutnant Vera Arndt war 1971 die erste Kriminalermittlerin im deutschen Fernsehen.

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Ostdeutsche Befindlichkeiten, westdeutsche Skepsis

Doch bei aller Fortschrittlichkeit in Geschlechterfragen: Die Zensur wachte mit strengem Blick über die Krimiunterhaltung. Die Episode „Im Alter von ...“, die auf einem authentischen Eberswalder Dreifachmord basierte, ging als verlorener „Polizeiruf“-Krimi in die Geschichte ein. Er war den Behörden zu dicht dran an einer gruseligen Realität, die nicht sein durfte. Erst zum 40-jährigen Reihenbestehen im Jahr 2011 zeigte der MDR den aufwendig rekonstruierten und nachsynchronisierten Film als Erstausstrahlung.

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Sicher auch ein symbolischer Akt, der hinter der archivarischen Fleißarbeit steckt. So wie 1990, als im Krimi „Unter Brüdern“ die Ost- und die Westreihe symbolisch zusammengeführt wurden. Man ermittelte im wiedervereinten Deutschland Seite an Seite. Der „Tatort“-Kultermittler Schimanski (Götz George) traf dabei auf sein Ostpendant, den vergleichsweise unangepassten Leutnant Grawe, gespielt vom späteren „SOKO Leipzig“-Chef Andreas Schmidt-Schaller.

In den 90ern folgten neue „Polizeiruf“-Krimis mit neuen Kommissaren, die wunderbar ostdeutsche Befindlichkeiten der Nachwendezeit widerspiegelten, wie es der „Tatort“ eben nicht zu bewerkstelligen vermochte. Auch das ist vielleicht ein Grund, warum sich lange der Eindruck verfestigte, dass die Ostdeutschen die Westmarke und die Westdeutschen die Ostmarke nicht recht ins Herz schließen mochten. Charly Hübner, der seit 2010 den Kommissar Bukow in Rostock spielt, bemerkte zum 40. „Polizeiruf“-Geburtstag vor zehn Jahren: „Viele in den neuen Bundesländern sagen: ‚Das ist unser Tatort!‘, während umgekehrt viele Zuschauer im Westen den ‚Polizeiruf‘ mit Skepsis sehen.“

Die Quotenkluft ist kleiner geworden

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Tatsächlich lagen die sonntäglichen „Tatorte“ im Quotenschnitt viele Jahre lang über den „Polizeiruf“-Filmen. Doch das Niveau hat sich zuletzt merklich angeglichen. Ende Januar kratzte die aufsehenerregende Episode „Monstermutter“ mit dem Duo Lenski und Raczek aus Frankfurt/Oder an der Zehn-Millionen-Zuseher-Schallmauer – die stärkste Sehbeteiligung für die vermeintlich kleine „Tatort“-Schwester seit der Wiedervereinigung.

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Künstlerisch müssen sich die Ermittler der Ostkrimimarke ohnehin schon lange nicht mehr vor der „Tatort“-Konkurrenz verstecken. Ganz im Gegenteil. Beim geschmeidigen „Polizeiruf“ war kreativ bisweilen mehr möglich als beim protzigen Prestigedampfer „Tatort“. Das beste Beispiel sind Bukow und König, das von Charly Hübner und Anneke Kim Sarnau gespielte Nitro-und-Glycerin-Gespann aus Rostock. In diesem nach Mikrowellenfraß müffelnden Küstenrevier wurde schon „horizontal“ – also folgenübergreifend – von prollplauzigen Halbweltermittlern erzählt, als es am Sonntagabend noch überwiegend gesittet und übersichtlich zuzugehen hatte. Wenn Charly Hübner aufhört im nächsten Jahr, wird dem Sonntagabend ein Teil vom Herzen herausbrechen.

Schauspieler und Regisseure genießen die Kunstfreiheit

Auch die Ära Matthias Brandts beim Münchner „Polizeiruf 110“ (2011–2018) darf als ruhmreich gelten. Selbst Starregisseure, die sonst praktisch nie fürs Fernsehen drehen, arbeiteten sich an dem Trenchcoatermittler von Meuffels ab. Die Nachfolgerin – Verena Altenberger als Streifenpolizistin Bessie Eyckhoff – wirkt nach bisher zwei betont kunstfertigen Fällen nicht weniger ambitioniert.

In Magdeburg kommt die Ausnahmeschauspielerin Claudia Michelsen inzwischen ohne festen Partner immer besser zur Geltung. Und in Halle an der Saale, dort, wo in ihrem Karriereherbst die altgedienten (1996–2013) Herren Schneider (Wolfgang Winkler) und Schmücke (Jaecki Schwarz) gehässige Schlagzeilen der Marke „betreutes Ermitteln“ erdulden mussten, öffnet nun auch wieder ein Revier. Pünktlich zum runden Jubiläum übernehmen Peter Kurth (als Kommissar Henry Koitzsch) und Peter Schneider (als dessen Kollege Michael Lehmann) in einem mysteriösen Mordfall, scheinbar ohne Tatmotiv. Ein Krimidebüt, das große Erwartungen weckt.

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„Viel zu viel wurde nach der Wende plattgemacht“

Für Neukommissar Peter Kurth, 1957 in Güstrow bei Rostock geboren, gehörte der „Polizeiruf 110“ mit „zu den interessantesten Formaten im DDR-Fernsehen“. Es sei in den Geschichten „weniger um spektakuläre Verbrechen, sondern um kleinere, alltägliche Fälle“ gegangen. „So wurden nebenbei fast unfreiwillig auch die Missstände im Land offensichtlich gemacht. Dieser Weg wurde auch nach der Wende weitergeführt, und in dieser Tradition sehe ich auch unsere Arbeit.“

Ganz ähnlich urteilt die im Westen aufgewachsene Schauspielerin Anneke Kim Sarnau: „Ich mag, dass dieses Relikt der DDR seinen Raum behielt und behalten kann“, schreibt die Darstellerin der Kommissarin Katrin König zum Jubiläumsanlass. „Viel zu viel wurde nach der Wende plattgemacht.“ Die Filme der „Polizeiruf“-Reihe hätten schon immer „einen anderen Touch, einen anderen Klang, andere soziale Hintergründe“ gehabt. Sarnau: „Dass ich darin tanzen und einer Zeit und einer Kultur noch einen Restschleier mitgeben kann, muss gefeiert werden!“ Das kann man schöner kaum sagen.

RND/teleschau

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