30 Jahre „Tutti Frutti“: Die Nackten und die Quoten

  • Der Untergang des Abendlandes begann offiziell vor 30 Jahren: Bei RTL startete „Tutti Frutti“.
  • Hugo Egon Balders textilarmer Obstsalat empörte das Land. Aber nicht wegen der Nacktheit.
  • Sondern wegen der Blödheit, erinnert sich Imre Grimm in Folge 52 seiner RND-Kolumne.
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Kaum jemand spielt so schmerzfrei mit seinem Image als drogeninteressierter, sexuell unausgelasteter, paffender und pöbelnder Altrocker in müffelnder Lederjacke wie Hugo Egon Balder. Der stachelbärtige Halbweltmacho sah schon am 21. Januar 1990 aus wie ein urlaubsreifer Karussellbremser. Da stand er armrudernd in einer quietschbunten Sperrholzkulisse und trieb – tanzendes Nackobst dirigierend – den Untergang des Abendlandes voran. Bei RTL ging „Tutti Frutti“ auf Sendung. Die trashige Ursünde des deutschen Privatfernsehens.

Helmut Thoma, RTL-Gründer und Großmeister in der Disziplin Erregung öffentlichen Ärgernisses („Im Seichten kann man nicht ertrinken“), hatte für Klimpergeld die Rechte an der italienischen Sexshow „Colpo Grosso“ – etwa „Das große Ding“ – erworben. Die bestürzend schlichte Spielidee: Umtänzelt von Mietmiezen in fruchtig-leichtem Textil (Erdbeere, Zitrone, Mandarine, Blaubeere) entkleiden sich unbescholtene Nachbarsleute von schwankender Attraktivität zur Erlangung sogenannter Länderpunkte.

Die genauen Spielregeln? Völlig wurscht

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Die genauen Spielregeln hat niemand je verstanden. War auch egal. Wichtig war nur, dass alle paar Minuten die zur Provinz-Marilyn hochgerüstete Ex-„Miss Friesland“ Monique Sluyter ihre beiden Einstellungskriterien gut sichtbar in die Kamera hielt.

Hugo und sein Fruchtcocktail: Hugo Egon Balder im Kreise seines "Cin Cin"-Balletts. © Quelle: -/DF1/dpa

Sparfuchs Thoma ließ die Sause gleich staffelweise in der italienischen Originalkulisse in einem Mailänder Industriegebiet herunterkurbeln. In nur vier Wochen entstand in der „Schrottbude“ (Balder) ein Jahresvorrat an Quatsch. „Wenn ich abends schlafen ging, klebte Blut an meinen Füßen“, erinnerte sich Sluyter später. Eine ganze Ausgabe von Balders Fruchtcocktail kostete so viel wie drei Minuten „Tatort“. Sex, Drugs & Rock’n’Roll? Eher nicht. Abends ging’s in Mailand zum Chinesen, Spielchen erfinden. Und wenn mal die Slotmaschine mit den Früchtesymbolen klemmte, kam „Lupo“. „Keine Ahnung, wer Lupo war, aber er haute einmal drauf, und das Ding lief wieder.“

Von der Mandarine zur Kirsche befördert

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Und so schälten sich in 150 Sendungen allerhand dauergewellte Mandys und Simones aus fliederfarbenen Blousons und nestelten mit glühenden Sachbearbeiterinnenwangen an widerspenstigen BH-Verschlüsseln, um sich alsdann zu „Miami Vice“-Musik in möglichst erotischem Gliederschmeißen zu ergehen. Balders Obstmädchen wurden zu Schulhofstars. Die Erdbeere (in Staffel drei „Playboy“-Model Elke Jeinsen)! Die Zitrone (Stella Kobs, heute Hypnosetherapeutin in München)! Oder auch die nachnamenlose Angélique! Sie wurde in Staffel zwei von der Mandarine zur Kirsche befördert.

Der Star bei erblühenden Pubertanten: "Tutti Frutti"-Erdbeere Elke Jeinsen.
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Die zivilen Teilnehmer der ersten Staffel hatten ihr Recht auf Entblößung bei einem Preisausschreiben der „Neuen Revue“ gewonnen. Auf ihren Bademänteln in der Sendung prangte das Logo der Zeitschrift, das aus Rechtsgründen weggepixelt werden musste. RTL-Zuschauer fragten beim Sender an, wo man „die Bademäntel mit dem tollen Funkeln“ bekomme. Auch je ein Quotenmann durfte – gern im maskulinen Tigertanga – die Grenzen seiner Verführungskunst ausloten. Das war erotisch gemeint, hatte aber ungefähr die sexuelle Ausstrahlung von drei Altglascontainern.

Es ist kein Wunder, dass die Geburtenrate in Deutschland Anfang der Neunzigerjahre auf einem historischen Tiefstand verharrte, wenn „Tutti Frutti“ das erotische Selbstverständnis des Landes widerspiegelte. Das konnte ja nichts werden. Der Slip blieb zur großen Enttäuschung unterversorgter Frühneunziger-Pubertanten am Leib.

Der Robin Hood des entrechteten Zuschauers

Trotzdem machte Balders hüpfender Tortenbelag das halbe Land wuschig. Nicht wegen der Nacktheit, sondern wegen der Blödheit. „Es war, als ob man ein Steak in den Zwinger wirft“, sagte Thoma mit Blick auf die nationale Erregung. Weltuntergang durch Brustentblößung! Fernsehen – das galt im Volkshochschul-Deutschland schließlich noch als Weiheakt der Aufklärung. Dass nun nicht mehr zählte, was die Leute sehen sollten, sondern was sie sehen wollten, sickerte nur mühsam ins Bewusstsein. Irritiert nahm die bundesdeutsche Kulturelite zur Kenntnis, dass 2 Millionen Zuschauer bis 1993 sich sonntags um 23 Uhr über Balders Speckröllchenparade beömmeln wollten. Thoma ließ sich immer gern als Robin Hood des entrechteten Zuschauers feiern. Selige Zeiten medialer Unschuld.

Ex-Schlagerbarde Balder („Stanislaus, der Krieg ist aus“), der früher auch mal Gitarrist der Krautrockband Birth Control war und bürgerlich Egon Hugo Balder heißt, ergriff die Flucht nach vorn und machte Schmerzfreiheit zu seinem Markenkern. Niemand ließ sich je derart regungslos öffentlich mit Torten beschmeißen („Alles nichts oder?!“). In „Pastewka“ parodierte er dann viel später brillant sich selbst („Na, Keule?“).

Balder lief dann irgendwann heiß

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Natürlich sorgten sich diverse Bedenkenträger um das sittliche Wohlergehen deutscher Pubertanten. Obwohl es bereits Sexformate gegeben hatte („Schloss Pompom Rouge“), diskutierte sich Deutschland wund, ob derlei Trash eine „Normalisierung öffentlich inszenierter Nacktheit“ bedeutete oder das Ende von Anstand und Sitte. Abseits von Moralfragen war sich die Medienkritik schnell einig, dass „Tutti Frutti“ handwerklich und ästhetisch grauenhafter Mumpitz war. Balder lief dann irgendwann heiß, moderierte zum Schein aus fiktiven bayerischen Mehrzweckhallen und lieferte die Medienkritik zum absurd dämlichen Obstspektakel gleich mit, indem er als Erfinder des ironischen Trashs die Mechanismen des Krawallfernsehens entblößte. Gleichzeitig begründete er seinen stabilen Ruf als „Titten-Hugo“.

Mit seiner unfassbaren Knalltütigkeit hätte „Tutti Frutti“ in #Metoo-Zeiten nicht eine Minute Bestand. Frauenfeindlich? Ja. Ausbeuterisch? Ja. Verheerend für das sittliche Wohlergehen erblühender Adoleszenten? Nun ja. Aber damals war der Clou der Show tatsächlich die Frage, ob die Brustwarzen des „Cin Cin“-Balletts nun abgeklebt waren oder nicht. Eine „Tutti Frutti“-Neuauflage 2016 in der digitalen Resterampe RTLplus erlebte nur eine Ausgabe. Es ist vorbei.

Allerdings nicht für „Tutti Frutti“-Regisseur Wolfgang Weber. Er führte schließlich die „Blaubeere“ vor den Traualtar. Manchmal heißt es eben auch bei Schmuddelkram: Am Ende wird geheiratet.