Zurück auf Los? Wie die Corona-Lage uns wieder lähmt

  • Vor Monaten haben wir uns noch nach einem Kinobesuch gesehnt, nach einer Umarmung von Freunden oder einer Fernreise.
  • Das ist jetzt alles möglich – noch.
  • Doch in Zeiten dramatisch steigender Infektionszahlen hat der viel beschworene Neustart seinen Glanz bereits wieder verloren.
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Hannover. Es hatte fast etwas Magisches: Beim Kinobesuch vor ein paar Wochen, dem ersten nach der langen, pandemiebedingten Pause, fühlte sich alles besonders an. Der Teppichboden im Foyer war zwar immer noch abgewetzt, die Filmplakate erinnerten noch immer an die Klassiker aus Hollywoods Glanzzeit, und nach wie vor roch es nach einem Gemisch aus Popcorn und Kaffee. Zum Renovieren hatten die Kinobetreiber den Lockdown nicht genutzt. Das machte aber gar nichts: Auch so empfanden wir den Abend als etwas Herausragendes. Endlich mal wieder Kinoatmosphäre erleben!

In den vergangenen Monaten gab es einige solcher außergewöhnlicher Momente – der erste Restaurantbesuch, als man nicht draußen in eine Decke gehüllt den langsam erkaltenden Rotwein trank, sondern gemütlich im Innenraum saß. Das erste Treffen mit den Freundinnen, bei dem man es wagte, sich – zumindest kurz und mit leicht abgewandtem Kopf – zur Begrüßung in den Arm zu nehmen. Der erste Besuch im Sportclub, als sich die Gruppe nicht mehr (bei jedem Wetter!) auf dem Sportplatz traf, sondern unkompliziert im Fitnessraum.

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Manch einer empfand diese Möglichkeiten, diese Freiheiten sogar als Neustart – so, als sei das Schlimmste überstanden: Jetzt wird alles schön. Und nicht wenige haben sich in dieser Situation wohl vorgenommen, den Besuch im Kino, Theater oder Café künftig ganz besonders zu schätzen. So wie Menschen nach einer schweren Erkrankung oder persönlichen Krise oft entschlossen sind, die guten Erlebnisse bewusst wertzuschätzen. Sich fortan über die Freundlichkeit der Kollegin zu freuen, statt sich über die Launenhaftigkeit des Chefs zu ärgern. Den Cappuccino zu genießen, statt sich von der patzige Bedienung die Stimmung vermiesen zu lassen.

Die Zeit für den Neustart sei angebrochen, hieß es überall

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Dass nicht nur im Privaten, sondern ganz umfassend die Zeit für einen Neustart angebrochen sei, hören wir allenthalben. So viel Anfang war nie – zumindest wenn man Ankündigungen und Programmen Glauben schenken will. Laut denen gibt es in nahezu jedem Bereich einen Neustart: in Schulen ebenso wie im Arbeitsleben und in der Tourismusbranche. Seit Kurzem sind, unter gewissen Auflagen, wieder Fernreisen zu beliebten Zielen wie Thailand oder in die USA möglich – Neustart Tourismus heißt das dann.

Nahezu jede Partei hat ihre Thesen aufgestellt, was für den Neustart nach Corona notwendig sei, der Bundesverband der Deutschen Industrie sammelt seine Ideen dazu unter dem Schlagwort „Ready für Restart“, das Förderprogramm für kulturelle Einrichtungen trägt den Titel „Neustart Kultur“, und das Unterstützungsprogramm des Bundeswirtschaftsministeriums für Soloselbstständige nennt sich „Neustarthilfe plus“. Doch nicht immer können die tatsächlichen Veränderungen mit dem zwar schwammigen, aber positiv besetzten Begriff Schritt halten.

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Neustart für Theaterbesucher? In den Hamburger Kammerspielen gelten die 2G-Regeln. © Quelle: Markus Scholz/dpa

Dass unsere Gesellschaft Erneuerung brauche, ist seit Beginn der Pandemie ein immer wiederkehrender Topos – ebenso wie die Vermutung, dass unser Leben „danach“ anders verlaufen werde. Bereits Anfang März 2020, noch vor dem ersten Lockdown in Deutschland, erschien das Buch des Philosophen und Publizisten Christoph Quarch, „Neustart. 15 Lehren aus der Corona-Krise“. Im Mai 2020 folgte das breit diskutierte Buch des Trendforschers Matthias Horx, „Die Zukunft nach Corona: Wie eine Krise die Gesellschaft, unser Denken und unser Handeln verändert“. Und sein Kollege Oliver Leisser attestierte in seinem Ratgeber „So geht Zukunft“ wenige Monate später einen Wertewandel in der Gesellschaft. Leisser meinte wahrgenommen zu haben, dass „in dieser neuen Zeit der Unsicherheit die nachdenkliche Sinnsuche“ begonnen habe.

Da darf man allerdings skeptisch sein. Viele Menschen wurden während dieser Phase eher nachdenklich, wenn sie überlegten, ob sie ihren Arbeitsplatz behalten werden, in Kurzarbeit gehen müssen und wie sie Job, Familie und Homeschooling unter einen Hut bekommen sollen. Auf die Frage, was sie nach der Pandemie als Erstes tun möchten, stand in einer Erhebung des Meinungsforschungsinstituts YouGov Anfang dieses Jahres bei den Deutschen an erster Stelle „In einem Restaurant essen gehen“, an zweiter „Freunde/Verwandte treffen“ und an dritter „Außerhalb Deutschlands verreisen“. Auch die Wünsche, auf ein Konzert oder in eine Bar zu gehen, rangierten ziemlich weit oben auf der Liste.

Das mag vergleichsweise banal klingen. Doch in den vergangenen nahezu zwei Jahren hat sich gezeigt: Die Sehnsucht nach Normalität ist bei den meisten größer als die Sehnsucht nach Veränderung und einem tatsächlichen, umfassenden Neustart. Und schon die Möglichkeit, sich für oder gegen einen Restaurantbesuch entscheiden zu können, sei wichtig, meint der Berliner Psychologe Thilo Hartmann. „Das Autonomie- und Kompetenzgefühl vieler Menschen hat in der Pandemie gelitten“, sagt er. Wieder „Herr oder Frau der Lage“ zu sein und sich in eine Gruppe eingebunden zu fühlen – und sei es im Sportverein – sei für viele motivierend und aufbauend. Auch wenn andere den ersten Kneipenbesuch oder die erste längere Reise durchaus als herausfordernd und als „sozialen Stress“ erlebt hätten.

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Egal ob Euphorie über den ersten Theaterbesuch seit Langem oder Ängstlichkeit angesichts der vielen anderen Besucher und Besucherinnen: In beiden Fällen löst solch ein Erlebnis einen erhöhten Stresslevel aus – und wird gerade dadurch als etwas Besonderes empfunden. „Unser Gehirn ist ziemlich faul“, meint die Hamburger Psychologin und Ratgeberautorin Eva Wlodarek, bekannt auch durch den Youtube-Kanal „Dr. Wlodarek Life Coaching“. „Jeder Neustart, jede Veränderung bringt uns über unsere Komfortzone hinaus und ist aufregend.“

In zahlreichen Kinos – wie hier der Astor Film Lounge in der Hamburger HafenCity – weisen Plakate auf geltende Regeln hin. © Quelle: Georg Wendt/dpa

Dass der Zauber des Neubeginns meist ziemlich schnell wieder verschwindet, ist nach Einschätzung der Psychologen normal. Was in der Fachsprache Habituation heißt, meint vereinfacht ausgedrückt: Der Mensch gewöhnt sich schnell und an nahezu alles. Nur wenn wir etwas in großen Abständen wiederholen, hat es laut Wlodarek erneut die „Magie des Besonderen“. Weihnachten ist dafür ein gutes Beispiel: Wenn wir es jedes Wochenende feierten, wäre das Fest wohl kaum so außerordentlich.

Dass im Alltag bei vielen Unternehmungen ziemlich schnell ein Gefühl der Gewohnheit einsetzt, ist allerdings ganz gesund. „Unser Körper kann nicht im Dauerstress sein, das würde uns krank machen“, sagt Psychologe Hartmann. Dass man bald wieder anfängt, den Kino- oder Kneipenbesuch als etwas Normales zu empfinden, ist also letztlich eine gesunde Reaktion. „Wir pegeln uns ein“, sagt Hartmann.

Doch während manch einer oder eine noch dabei ist, sich einzupegeln, steigen die Inzidenzwerte längst wieder dramatisch. Die Diskussion über Corona-Maßnahmen, die das sozialen Leben wieder einschränken könnten, und sogar über einen erneuten Lockdown haben an Fahrt aufgenommen. Soll es das schon wieder gewesen sein mit den neuen, alten Freiheiten? Kaum hat man sich darin eingerichtet, droht bereits das Ende? In solch einer Atmosphäre verpufft die Freude darüber, wie viel im Moment – noch – möglich ist. Die Verve, die man mit dem Begriff Neustart verbinden kann, erlahmt. Stattdessen wächst die Sorge, dass es demnächst erneut Einschränkungen geben könnte. Und die in den vergangenen Monaten verdrängte Einsicht, dass die Pandemie noch nicht vorbei ist, gelangt zurück ins Bewusstsein.

Psychologen raten: die Lage akzeptieren

Diese Erkenntnis kann individuelle Ängste und Frustrationen auslösen, oft auch Aggressionen. Die quälende Frage, ob „das denn nie aufhört“, setze uns unter Stress, meint Psychologin Wlodarek. Und was kann man machen, um halbwegs gut durch solch eine Phase der Unsicherheit zu kommen? Durch eine Zeit, in der es uns vielfach an Hoffnung und Perspektive fehlt? Ihr Ratschlag lautet: „Radikale Akzeptanz“ – statt Wunschträumen anzuhängen, zunächst die Realität anzunehmen.

Sich darin zu üben, das wäre für viele ein echter Neustart.

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