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Zu Besuch bei der Gruselkonditorin: „Bei mir ist jeden Tag Halloween!“

  • Morbide Torten, zuckersüße Totenschädel oder Eingeweide aus Marzipan: Die Konditorin Annabel de Vetten backt alles, was uns Angst oder Unbehagen bereitet.
  • Demnächst expandiert die gebürtige Deutsche mit ihren Horrortorten in die USA.
  • Ein Interview über die Gemeinsamkeiten von Backen und Bildhauerei und die heimlichen Gelüste ihrer Auftraggeber.
Stefan Wagner
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Frau de Vetten, Ihre Kuchen sind essbare Albträume. Wie morbide muss man sein, um Totenschädel aus Schokolade zu backen oder Augäpfel aus Zucker?

Sehr morbide (lacht laut)! Ich habe eine besondere Vorliebe für alles, was sich um Verfall, Tod und Untergang dreht. Der Tod gehört zum Leben, und er ist ja auch eines der wichtigsten Themen in der Kunst. Er hat Künstler schon immer in seinen Bann gezogen – und mich eben ganz besonders. Das heißt aber nicht, dass ich ein trübsinniger, trauriger Mensch bin. Ganz im Gegenteil.

Aber müssen es denn Eingeweide mit Zitronengeschmack sein?

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Es ist ein großes Vergnügen, so etwas herzustellen – und ein noch größeres, das Produkt zu essen. Ich bin eine Bildhauerin, nur dass ich statt Marmor Marzipan und Zucker verwende. Ich lasse mich inspirieren von Horrorfilmen, Gemälden in Museen, Darstellungen in alten Büchern. Am meisten mag ich es, wenn mich jemand anschreibt oder anruft und so beginnt: „Das mag jetzt etwas merkwürdig klingen, aber …“ Dann entwickle ich mit dem Kunden ein paar Ideen und wir sind beide happy.

Gibt es denn auch Aufträge, die selbst Ihnen zu widerlich sind?

Was heißt widerlich? Das ist sehr relativ. Ich kann auch Abgründiges oder Ungewöhnliches, wie zum Beispiel ein seziertes Ferkel, einen Rabenschädel oder einen halboffenen menschlichen Kopf, so backen, dass es ästhetisch aussieht – und vor allem prima schmeckt. Es gibt allerdings Sachen, die ich nicht backe: Genitalien zum Beispiel oder rosarote Cupcakes. Das sollen andere machen.

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Sieht gruselig aus, schmeckt aber fantastisch: Annabel de Vetten hat sich auf morbide Kuchenkunst spezialisiert. © Quelle: Annabel de Vetten

Sie haben als Bildhauerin gearbeitet, als Tierpräparatorin und als Requisiteurin bei Horrorfilmen. Scheint so, als hätten Sie sich Ihr Leben lang auf Ihren jetzigen Beruf vorbereitet.

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Ich bin in Bad Homburg aufgewachsen und habe schon als Kind gern und gut gebacken. Ich hatte schon immer eine Neigung zum Morbiden, hatte als Teenagerin eine Goth-Phase und bin schwarz gekleidet mit schwarzen Lippen auf Friedhöfen rumgelaufen. Mich zieht das Dunkle sehr an, ich bin der glücklichste Mensch der Welt, wenn ich meine Fantasie in der Backstube ausleben kann. Die Kombination aus Präparatorin und Bildhauerin hat mir tatsächlich die Augen geöffnet für Formen, Körper, deren magische Schönheit und deren Zusammensetzung und Bestandteile. So richtig habe ich aber erst mit dem Backen begonnen, als ich vor neun Jahren meine eigene Hochzeitstorte gebacken habe. Immer mehr Freunde wollten dann, dass ich auch für sie Kuchen mache. Ich habe die Bilder ins Netz gestellt, seitdem geht die Nachfrage durch die Decke.

Jetzt, unmittelbar vor Halloween, ist wahrscheinlich Ihre stressigste Zeit?

Das stimmt, aber bei mir ist jeden Tag Halloween. Ich brauche kein bestimmtes Datum, um Morbides zu kreieren. Ich arbeite ohnehin das ganze Jahr an ähnlichen Themen. Viele Torten sind Auftragsarbeiten für Hochzeitstorten, besondere Geschenke, Promotionaktivitäten für Firmen. Ehrlich gesagt finde ich den Sommer anstrengender. Ich muss teilweise vier Ventilatoren gleichzeitig laufen lassen, damit nichts schmilzt, es ist immer ein Rennen gegen die Zeit. Vor ein paar Jahren habe ich eine Torte für die Produzenten der Fernsehserie Dexter gebacken, es war ein 1,80 Meter langer Kuchen in der Form des Hauptdarstellers. Daran habe ich mehr als hundert Stunden gearbeitet. Die Zutatenliste habe ich noch: 240 Eier, 55 Pfund Mehl, 44 Pfund Zucker.

Warum, glauben Sie, essen Menschen gern Kuchen, der eklig aussieht?

Gerade dieser Kontrast zieht meine Kunden an. Dass etwas, das auf den ersten Blick abstoßend aussieht, richtig lecker ist und man schließlich kaum genug davon bekommen kann. Es ist etwas Besonderes, ein Körperteil zu zerschneiden und dafür mit etwas Süßem belohnt zu werden. Es ist ein bisschen unanständig. Wenn ich dann meinen Kunden ins Gesicht schaue, während sie einen Finger oder ein Ohr essen, sehe ich, dass sie irgendwie zerrissen sind: „Das sollte mir nicht gefallen, aber ich mag es.“

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Die Deutsche Annabel de Vetten hat eine besondere Vorliebe für alles, was sich um Verfall, Tod und Untergang dreht. Deshalb gestaltet sie Torten, die gar nicht appetitlich aussehen.  @ Quelle: Annabel de Vetten

Was kostet mich eine Ihrer Schöpfungen?

Das ist extrem unterschiedlich, da gebe ich ungern Preise an. Manche Kuchen sind riesig – eine verwesende Frauenleiche in Lebensgröße zwischen Farnpflanzen –, andere extrem kompliziert, wie zum Beispiel eine Skeletthand. Für etwas Schwierigeres kommen wir schon mal gut in den vierstelligen Euro-Bereich.

Werden Sie wegen Ihrer Backwerke auch angefeindet?

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Sie wissen ja, wie das Internet so ist. Es gibt immer welche, die das ablehnen, was ich mache. Die das pervers finden oder schockierend. Ich habe ganz gut gelernt, das zu ignorieren, und sehe es eher als Kompliment. Es ist schließlich eines der Ziele von Kunst, starke Emotionen zu wecken. Schließlich backe ich auch nicht wirklich für Kindergeburtstage. Für mich ist es viel wichtiger, dass ich bisher noch keinen unzufriedenen Kunden hatte. Nicht einen. Das ist für mich der Maßstab!

Ich erwische Sie gerade beim Möbelpacken. Sie ziehen um?

Ja, nach 30 Jahren in Großbritannien geht es in ein paar Wochen in die USA. Mein Mann ist Amerikaner. Er sehnt sich danach, wieder dort zu leben. Er arbeitet beruflich als Zauberer, ich mache meine Kuchenkunst, da gibt es wohl wenige Orte auf der Welt, die sich besser dafür eignen, sich beruflich zu verwirklichen, als Los Angeles und Hollywood.

Eine Vorliebe fürs Morbide: Das ist Annabel de Vetten

Die wohl berühmteste Horrorkonditorin der Welt, Annabel de Vetten, 48, stammt aus Bad Homburg, wo sie auch aufwuchs. Mit 17 zog sie nach Großbritannien und studierte Bildhauerei. Sie hat als Malerin, Tierpräparatorin, Requisiteurin für Horrorfilme und seit 2008 als Konditorin und Food-Artistin in Birmingham gearbeitet. Seit 2010 ist sie mit dem Zauberer Thom Peterson verheiratet. Derzeit zieht das Paar in die USA um, wo de Vetten im Januar ihre Konditorei im Großraum von Los Angeles eröffnen will.