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ZDF-Moderator Tim Niedernolte im Interview: „Wenn ich Respekt lehren will, muss ich Respekt einfach leben“

  • Vordrängeln an der Kasse oder Hasstiraden im Netz – wo ist der gelebte Respekt?
  • Im RND-Interview erklärt TV-Moderator Tim Niedernolte (42), warum er dem Thema sein zweites Buch gewidmet hat.
  • Außerdem beschreibt der Journalist, wie wir unser Handeln im Alltag respektvoller gestalten können.
David Sander
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Herr Niedernolte, nach Ihrem ersten Buch zum Thema Wertschätzung (2018) wollten Sie eigentlich kein Buch mehr schreiben. Warum haben Sie Ihre Meinung geändert?

Ich wollte sogar schon das erste Buch gar nicht schreiben, die Fallhöhe ist da ja noch viel größer (lacht). Aber ernsthaft, hauptsächlich gibt es zwei Gründe: Zum einen war es das Gefühl, dass ich noch eins nachlegen kann – ich dachte, seit der Veröffentlichung von Buch Nummer eins ist es alles gar nicht viel besser geworden. Die Gesellschaft hat sich, was die Themen Wertschätzung und Respekt betrifft, vielleicht sogar eher noch einen Schritt zurückentwickelt. Wobei ich mir natürlich nicht anmaße, dass ein Buch alles verändert. Mir ging es einfach darum, den Finger in die Wunde zu legen, Menschen zu inspirieren und durch Geschichten mit dazu beizutragen, dass Leute ins Nachdenken kommen. Idealerweise auch ins Handeln.

Zum anderen erhielt ich zum ersten Buch zahlreiche Rückmeldungen, die fast alle positiv sind. Viele haben sich für die Anregungen und Hinweise bedankt. Das hat mir gezeigt, wie viele Menschen das Thema erreicht und welche Relevanz es hat – das hätte ich in diesem Umfang vorher nie erwartet. So erschien es mir sinnvoll, sich noch einmal hinzusetzen und diese Arbeit in Kauf zu nehmen.

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Und fortan lief der Prozess zum zweiten Buch („Respekt! Die Kraft, die alles verändert – auch mich selbst“) reibungslos?

Eine neue Erkenntnis war tatsächlich, das Projekt zwischendurch abzubrechen. Es gab Momente, wo ich mich gefragt habe, warum ich mir das alles antue. Bevor ich überhaupt die ersten Sätze geschrieben habe, war bereits das Foto-Shooting für das Buch-Cover abgeschlossen – ich habe schon daran gedacht, allen Beteiligten ihre Kosten zu erstatten und einfach wieder raus zu sein. Dann kam Corona; die Zeiten, die ich mir eigentlich zum Schreiben freigeräumt hatte, fielen weg. Plötzlich stand ich mit meiner Frau vor Herausforderungen wie den geschlossenen Kitas oder dem Lockdown im Allgemeinen. Da habe ich mich selbst hinterfragt: warum?

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So ein Buch kostet viel Zeit, es wartet keiner darauf und es verhalten sich eh viele total anders, als ich es mir erhoffe – die werden auch nicht durchs Buch umgestimmt werden. Aber dann habe ich mich eben auch an die positiven Rückmeldungen zum ersten Buch erinnert. Da habe ich realisiert, es gibt Menschen, die diese Arbeit wertschätzen, die es gut finden, dass ich mich, als in der Öffentlichkeit stehende Person, für solche Themen einsetze. Dazu die vielen positiven Beispiele aus der Corona-Zeit. Das alles führte letztlich doch dazu, dass ich das Projekt „zweites Buch“ durchgezogen habe.

Tim Niedernolte moderiert aktuell das News- und Boulevardmagazin "hallo deutschland" im ZDF. © Quelle: Julia Baumgart Photography
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Auch in Ihrem neuen Buch stecken viele persönliche Erlebnisse. Überwiegen eher die positiven oder sind Sie erschrocken, wie viele negative es gibt?

Beides. Was mich erschreckt, ist, wo wir als Gesellschaft im Jahr 2020 stehen – unabhängig von Corona. Zum Beispiel das Thema Umweltdiskussion: natürlich gehen viele auf die Straße, es verändern sich Dinge, aber parallel wird so viel Regenwald abgeholzt wie nie zuvor. Oder die gesellschaftliche Situation in Amerika, Trump mit seinen Twitter-Kommentaren, die Rassismusdebatten, die natürlich sehr wichtig sind, aber ich dachte, wir wären schon ein paar Schritte weiter. Mich erschreckt auch, in welchem Ausmaß in der Corona-Krise teils rumgeschrien und gepöbelt wird – es wird nicht mehr zugehört, also nicht einmal der Versuch gemacht, eine andere Meinung anzuhören und zu hinterfragen, ob da etwas Wahres dran sein könnte oder nicht. Aber genauso beflügeln mich auch die anderen, die positiven Geschichten. Da ich ein optimistischer Mensch bin und an das Positive und Gute glaube, glaube ich auch daran, dass dies überwiegt und wir etwas verändern können. Wir haben alle den Schlüssel in der Hand, etwas besser zu machen, selbst wenn es gerade nicht so läuft.

Glauben Sie, dass die Corona-Krise unser Denken nachhaltig verändert hat?

Die Hoffnung überwiegt auf jeden Fall, weil diese Krise so existenziell ist und wir sie alle gemeinsam erleben und durchleben müssen. Das bestätigen auch Psychologen: durch so ein gemeinsames Erlebnis wächst etwas zusammen. Das ist für mich ein weiteres ergänzendes Argument, dass es durchaus funktionieren kann, dass wir uns gegenseitig erinnern, wenn alle in ihren gewohnten Trott kommen, dass rechts und links auch Menschen sind. Ich glaube, der Mensch entwickelt sich weiter und ist lernfähig. Ich fände es sehr schade, wenn wir aus dieser Krise nicht gestärkt rausgehen und gar nichts lernen. Durch Geschichten können wir inspiriert werden – weshalb das Buch auch voll von solchen Geschichten ist, die einen hoffentlich daran erinnern.

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Sind Sie zufrieden mit Ihrem Werk oder würden Sie gern – jetzt mit etwas Abstand – noch ein Kapitel hinzufügen?

Ich habe das Buch immer mal wieder zur Hand genommen. Es gab tatsächlich Momente, wo ich dachte: so schlecht ist es ja gar nicht geworden, das habe ich geschrieben?! (lacht). Weil ich natürlich genau weiß, wie es entstanden ist – einige Seiten beispielsweise auch mal übermüdet nach einer Sendung spät abends in Mainz. Viele Punkte im Buch sind zeitlos wie Erziehung, Partnerschaft und Respekt in den Medien, aber einige aktuellere Bezüge sind jetzt vielleicht schon fünf Monate alt, gefühlt wie aus einer anderen Zeit. Da merke ich, wie schnelllebig unser Leben ist und dass manche Geschichten ein neues, ergänzendes Kapitel bräuchten.

Das schreit ja förmlich nach einem dritten Buch …

Sagen wir mal so, nach dem ersten Buch dachte ich: never ever. Mittlerweile ist mein Selbstbewusstsein aber natürlich gestärkt worden, weil ich nicht aufgegeben habe und am Ende nun ein zweites Buch zustande bekommen habe – gemeinsam mit meinem guten Freund und Co-Autor Daniel Schneider. Wenn man das alles bereits zweimal durch hat, würde ich zumindest jetzt nicht mehr abstreiten, dass es vielleicht doch noch mal ein Buch gibt. Wer weiß – ein Dreierpack klingt ja eigentlich schon gut.

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Im Buch geht es auch darum, Kindern die Grundwerte von Respekt zu vermitteln. Haben Sie und Ihre Frau bei Ihren beiden Töchtern eine ganz praktische Taktik?

Vorleben ist das Wichtigste, finde ich. Wenn man sich wünscht, dass die Kinder bestimmte Werte übernehmen, macht es keinen Sinn, ihnen diese ständig nur zu erklären. Sie beobachten uns ganz genau.

Wenn ich also Respekt lehren will, bringt es nichts, das Wort zu erklären, sondern ich muss Respekt einfach leben. Indem wir uns vertragen, nachdem wir uns gestritten haben, indem ich mich bedanke, wenn ich etwas bekomme – alles, was Kinder sich abgucken können, ohne dass man drüber redet, funktioniert in der Regel. Da sind wir bei unseren Kindern sehr dankbar, dass einige Kleinigkeiten angekommen sind. Doch um Respekt vorzuleben, muss man sich ständig auch selbst hinterfragen, weil man ja quasi immer unter Beobachtung steht. Man wird jeden Tag neu herausgefordert.

Können wir vielleicht andersrum auch oft von den Kindern lernen?

Absolut. Dazu hatte ich erst kürzlich ein Gespräch mit meiner Frau, weil ihr aufgefallen ist, wie selbstverständlich Kinder untereinander beispielsweise mit Kindern mit einer Behinderung umgehen. Kinder nehmen Menschen einfach so wahr, wie sie sind. Sie akzeptieren sie einfach und integrieren sie im Alltag. Ich finde, davon können wir Großen ganz viel lernen, von dieser unverbrauchten Sichtweise auf das Leben. Die Menschen mal ohne Vorurteile und Hintergedanken betrachten – die wir Erwachsene oft ja leider haben.

Ein weiterer wichtiger Punkt im Buch: Respekt vor der Umwelt. Blicken Sie manchmal besorgt in die Zukunft und fragen sich, ob Ihre Kinder noch eine Erde zum Leben haben?

Manchmal schon. Denn das sieht einerseits schon düster aus, andererseits bin ich eben auch hoffnungsvoll. Als Journalist bekomme ich viele Infos, ich sehe immer wieder Dinge, die funktionieren oder Möglichkeiten, wo wir ansetzen können.

Es gibt sehr wohl das technische Know-how, das wir uns als Menschheit im 21. Jahrhundert erarbeiten durften und ich wünsche mir einfach, dass sich das wieder mehr durchsetzt. Wir stehen uns zwar selbst im Weg, aber wir müssen auch nicht kampflos aufgeben. Grundbedingungen sind aber: Respekt, Offenheit und Zuhören. Dadurch können solche ernsten Probleme erst angegangen werden, weil man von vornherein keine Ideen ausschließt oder gar verhindert, sondern erkennt, dass wir alle in einem Boot sitzen – lasst uns gucken, wie wir das gemeinsam schaffen.

Dabei schiele ich auf Handlungsempfehlung Nummer vier in Ihrem Buch: „Respekt ist das Gegenteil von Ignoranz […].“

Genau! Weiter heißt es: „Wenn ich respektvoll leben will, darf es mir nicht egal sein, was den anderen bewegt und was um mich herum passiert.“ Wenn wir das ernster nähmen, dann können wir ganz viel daran subsumieren. Das Gegenteil von Ignoranz heißt konkret: Es darf mir nicht egal sein, wo mein Handy herkommt, was mit dem Müll passiert, den ich fabriziere oder was es für die kleinen, lokalen Händler bedeutet, wenn ich immer nur bei den großen Online-Plattformen bestelle. Da gibt es eine Menge an Möglichkeiten, wenn man das mal für sich durchdekliniert.

Am Ende Ihres Buches haben Sie insgesamt zehn solcher Handlungsempfehlungen formuliert, für gelebten Respekt im Alltag. Wie kann ich mich denn selbst hinterfragen und lernen, diese Handlungsempfehlungen anzuwenden?

Vielleicht einfach mal so eine Art Respekt-Brille aufsetzen. Einfach mal sagen, heute beobachte ich meinen Alltag: das was mir so passiert, wer mir begegnet, was ich tue – ich prüfe mal, wie das zusammenhängt. Dazu kann zählen: Wie gehe ich einkaufen? Wie kommuniziere ich mit den Menschen im Supermarkt – oder kommuniziere ich nicht? Wie suche ich meine Produkte aus? Fahre ich Fahrrad oder nehme ich für kurze Strecken doch das Auto? Also einen Tag mal zum „Respekt-Tag“ machen. Schauen, wo mir Respekt begegnet, wo er mir fehlt. Ich garantiere, dann schafft man bei sich selbst direkt ein besseres Bewusstsein. Dann weiß man sofort, wo man anknüpfen kann.

Apropos anknüpfen – dazu passt die zehnte Handlungsempfehlung: „Respekt hat immer Luft nach oben. Entscheidend ist, was Sie selbst daraus machen …“

Richtig. Und nicht verzweifeln, wenn es mal nicht klappt, sondern sich sagen: „Morgen ist ein neuer Tag.“ Es geht nicht darum, alles perfekt zu machen, alles sofort zu können. Es geht darum, dieses Bewusstsein zu haben und den Willen, es beim nächsten Mal vielleicht besser zu machen. Es gibt immer Möglichkeiten im alltäglichen Leben, sich in Respekt zu üben.

Das zweite Buch "Respekt! Die Kraft, die alles verändert – auch mich selbst" von Tim Niedernolte ist Anfang Oktober 2020 im Verlag bene! erschienen. © Quelle: bene!/Julia Baumgart Photography

Im Buch erwähnen Sie die schärfste Waffe des Respekts: Vergebung. Den inneren Frieden, der sich dadurch einstellt, haben Sie selbst im christlichen Glauben erfahren, schreiben Sie. Inwiefern hilft Ihnen Ihr Glaube ganz praktisch im Bezug auf das Thema Respekt?

Der christliche Glaube wurde natürlich vor allem durch Jesus und das Neue Testament geprägt. Ich finde, Jesus ist ein großes Vorbild, weil er das, was ich mir von mir erhoffe, einfach vorgelebt hat – so wie die biblischen Geschichten uns das überliefern. Jesus hat in erster Linie immer den Menschen gesehen und nicht auf das, was er kann oder nicht kann. Er hat sich mit denen abgegeben, die oft durchs Raster fallen – ob das jetzt Obdachlose sind, von denen ich auch im Buch schreibe, oder andere. Er ist nicht dem Mainstream gefolgt, ihm war das egal.

Jesus hat einfach Liebe in den Vordergrund gestellt, er hat diese Nächstenliebe und den Respekt gelebt. Da steckt fast alles drin, was ich versuche mit dem Buch auszusagen. Es ist ja kein Appell, christlich zu leben, sondern es ist unter anderem vom christlichen Glauben inspiriert, der eben dafür sorgt, dass man die Umwelt und die Menschen mit anderem Blick respektiert. Und das ist nicht falsch zu verstehen: Christen sind keine bessere Menschen, sie müssen ihren respektvollen Worten genauso respektvolle Taten folgen lassen – wie alle anderen auch.

Das Buch „Respekt! Die Kraft, die alles verändert – auch mich selbst“ von Tim Niedernolte ist am 1. Oktober 2020 im Verlag bene! erschienen (192 Seiten, Gebundene Ausgabe, 18 Euro).

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