Wo die Kunst zu Hause ist: Worauf es bei der Wahl der Wanddeko ankommt

  • Museen haben zwar noch immer größtenteils geschlossen, aber Videokonferenzen bieten auch Kunstgenuss.
  • Wir sehen, was bei anderen an den Wänden hängt.
  • Das ist oft überraschend und zeigt: Bilder unterliegen keinen Trends.
Bert Strebe
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Es ist vertrackt. Einerseits müssen wir derzeit Abstand halten wie noch nie und wissen kaum mehr, wie die Kolleginnen und Kollegen in Wirklichkeit aussehen. Andererseits rücken wir ihnen bei all den Videokonferenzen ständig sehr nahe, denn man sieht hinter und neben ihnen, womit sie sich in ihren Wohnungen umgeben. Kunstdrucke aus dem Baumarkt bei jemandem, der sonst Wert auf Teures legt. Kahle Wände bei Menschen, die immer irgendwie plüschig rumlaufen. Ölgemälde mit Alpenpanorama bei Leuten, denen man niemals Heimatkitsch zugetraut hätte.

Bilder an der Wand gibt es, seit Menschen Behausungen haben. Angefangen hat das mit den Höhlenmalereien. Gerahmte Bilder sind deutlich jünger, aber sie waren zunächst den Gutbetuchten vorbehalten. Gedruckter Wandschmuck existiert seit dem 19. Jahrhundert, je besser die Techniken wurden, desto stärker stieg die Massenproduktion.

Süße Putten, putzige Tiere, Naturlandschaften, Muttergottesbilder. Das Ziel ist eigentlich immer, in den Räumen eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Bewohnerinnen und Bewohner wohlfühlen. Zugegeben: Es gibt Menschen, die ihren Gästen einen echten Mark Rothko präsentieren, die aber abstrakten Expressionismus für eine ausgefallene Form von Psychotherapie halten und mit dem Bild bloß Vermutungen über den Umfang ihres Bankkontos auslösen möchten. Alle anderen aber wollen von Bildern an Wand in der Regel nur, dass sie schön aussehen.

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Trotz Trends bei Instagram und Co.: Die Dekoration der Wände ist Geschmackssache

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Wie erreicht man das? Es gibt zwei Wege. Entweder durchflöht man die Wohnberatungszeitschriften und verfolgt auf Instagram und Facebook die Posts der Influencerinnen und Influencer. Dann kriegt man, was alle mögen. Vorteil: Niemand kommt zum Tee und fragt: „Wie sieht es denn hier aus?“ Oder man hört auf den eigenen Bauch. Vorteil: Die Wohnung passt zu einem selbst. Nachteil: Vielleicht kommt jemand zum Tee und fragt: „Wie sieht es denn hier aus?“ Dann antworten Sie: „So, wie ich es mag.“ Denn es kommt auf Sie an, nicht auf das, was angeblich gerade angesagt ist. Wenn Ihnen sogenannte Expertinnen und Experten erzählen, der 2021 andauernde Trend zu marinefarbenen Interieurs vermittle „ein Gefühl von ‚Scandi Noir‘ und raffinierter Männlichkeit“, dann rennen Sie, so schnell Sie können. Wenn Ihnen jemand was von „Greige“ vorschwärmt, der neuen Hypefarbe zwischen Grau und Beige, Sie aber weder das eine noch das andere mögen, dann sagen Sie einfach Nein. Es gibt auch Inneneinrichterinnen und -einrichter, die uns was von der Haptik von Marmor erzählen, uns dann eine Marmorfototapete andrehen wollen und gar nicht merken, was sie da reden.

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Seien Sie mutig. Das einzige Kriterium für das, was bei Ihnen an der Wand hängen sollte, sind Sie und Ihr Geschmack. Okay, man könnte auf Partnerin oder Partner und Kinder Rücksicht nehmen. Doch wenn es Ihnen gefällt, Ihr komplettes Homeofficearbeitszimmer mit Postern von van Goghs „Sonnenblumen“ zu tapezieren, dann, verdammt noch mal, tun Sie es! Und wenn Sie wirklich die auf Leinen gedruckte milliardste Reproduktion von Gustav Klimts „Der Kuss“ in den Flur hängen wollen – voilà: Wenn Sie es lieben, ist es das Richtige für Sie. Aber vielleicht kontaktieren Sie vorher noch mal Ihr Gefühl, ob es wirklich das Richtige oder eventuell nur das Bequemste ist.

Wände dekorieren: Tipps für die Suche nach der richtigen Deko

Es gibt ein paar Hilfsmittel, dem eigenen Bauchgefühl und der Fantasie auf die Sprünge zu helfen. Das Wichtigste ist: Überlegen Sie in Ruhe, welche Dinge und welche Farben und Formen Sie mögen. Bestimmte Motive? Als Druck? Oder echte Fotos? In Öl? Vielleicht als Skulptur? Alles zusammen? Es erfordert, das kann man nicht leugnen, ein bisschen Arbeit. Aber es lohnt sich. Und wenn Sie wissen, was Sie wollen, machen Sie sich auf die Suche. Auf Flohmärkten bekommen Sie für wenig Geld passable Bilder. Wer mehr Anspruch hat, schaut sich in Galerien um. Sie sind unsicher? Einfach ausprobieren: In einer Artothek können Sie sich Kunst auf Zeit leihen. Noch besser: Besuchen Sie Künstlerinnen und Künstler in Ihrer Nähe im Atelier. Wer junge Talente fördern möchte, geht zum Tag der offenen Tür in der Kunsthochschule. Sie werden sehen: Die meisten freuen sich, ihre Arbeiten zeigen zu können, die wenigsten haben überkandidelte Preisvorstellungen. Und dann haben Sie Originale an der Wand, die niemand sonst hat!

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Asymmetrie ist nicht immer schlecht: Probieren Sie sich aus

Versuchen Sie außerdem, über das Naheliegende hinauszudenken: Das Bild muss nicht mittig über dem Sofa prangen, asymmetrisch gehängt sieht es vielleicht viel besser aus. Gewiefte Einrichter laufen so lange mit einem Bild in den Händen herum, bis sie spüren, wo es hingehört. Denken Sie daran, dass Kon­traste belebend wirken, dass zwei nicht zueinander passende Werke vielleicht verboten aussehen, aber fünf davon nebeneinander super sein können. Und schauen Sie mal nach, ob es irgendwelche ungeliebten Ecken in Ihrer Behausung gibt, in denen Sie verschämt den Staubsauger hinter einem Vorhang verstecken. Solche Stellen könnten Sie – nach dem alten Designergrundsatz, dass man das, was man nicht kaschieren kann, betonen muss – knallrot streichen und mit Spots ausleuchten und mit Bildern bestücken. Und schon haben Sie ihre eigene kleine Galerie.

Übrigens: Warum immer nur Bilder? Sie können durchaus die schmiedeeiserne Pforte, die als einziger Gegenstand von Onkel Ottos Garten übrig geblieben ist, wo Sie als Kind so wunderbare Ferien verlebt haben, an die Wohnzimmerwand schrauben. Mit Rost. Sieht bestimmt phänomenal aus. Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann. Der Mann, der das gesagt hat, hieß Francis Picabia. Er war Maler. Er wusste, wovon er redete.

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