Wiederverwertung ist in Mode

  • Über die Wieder­verwertung von Mode rümpften große Designer lange Zeit die Nase.
  • Doch Corona und ein zunehmendes Umweltbewusstsein haben das Thema Upcycling salonfähig gemacht.
  • Neue Gesetze tun ein Übriges.
Estelle Marandon
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Balenciaga brauchte keine echte Fashionshow, um bei den Pariser Modenschauen ein Statement zu setzen. Das Video der aktuellen Pre-Kollektion für Frühjahr und Sommer 2021 war der Inbegriff von Coolness. Begleitet von den rhythmischen Synthesizer­klängen des Achtziger­jahre­hits „Sunglasses at Night“ von Corey Hart ließ Kreativ­direktor Demna Gvasalia seine Models bei einem nächtlichen Spaziergang durch Paris filmen. Die Schultern ihrer Mäntel sind übertrieben breit und kastenförmig geschnitten, Sweatshirts tragen sie als Kapuze über dem Kopf, dazu High Heels, die wie flauschige Hotelpantoffeln aussehen. Ein zeitgemäß genderloser Look.

Was in dem Video nicht zu sehen war, die Kollektion aber umso relevanter machte: Sie war auch ein Paradebeispiel für nachhaltige Luxusmode. 93,5 Prozent der unifarbenen und 100 Prozent der bedruckten Stoffe bestehen aus natürlichen, recycelten oder upgecycelten Materialien. Einige der Strickwaren wurden aus Denim-Abfall­produkten hergestellt, die Patchworks aus Restbeständen von alten Motorrad­hosen und ein Kleid sogar vollständig aus den Metallketten von Basketball­körben. Ein Zeichen, dass sich in der Branche gerade grundlegend etwas ändert.

„Noch vor zwei Jahren wäre Recycling Blasphemie gewesen“

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Altes wieder­zu­verwerten ist im Milieu der Luxusartikel alles andere als selbstverständlich. Hier ging es bisher vor allem darum, alle paar Monate etwas Neues auf den Markt zu bringen. „Noch vor zwei Jahren wäre Recycling Blasphemie gewesen, wir wären von der Presse niedergemacht worden!“, erklärte der CEO von LVMH (Moët Hennessy Louis Vuitton), Michael Burke, kürzlich in einem Interview mit „Le Figaro“. „Die Mode lebte viel zu lange in einem System von Saisons, welches die vorangegangene sofort veraltet aussehen lässt. Wir haben uns zu Sklaven unseres eigenen Systems gemacht, aber das ist kein unabwendbares Schicksal. Vor 1970 hatte der Luxus andere Werte, wie die Maßanfertigung, die heutzutage wieder neuen Sinn bekommt.“

Balenciaga ist somit nicht das einzige High-Fashion-Label, das inzwischen auf die Kunst der Wieder­verwertung setzt und sich auch öffentlich damit brüstet. Unter der kreativen Leitung von John Galliano hat das Modehaus Maison Margiela letzte Saison die Linie Recicla eingeführt, in der es ausschließlich um Upcycling geht, also darum, alten Kleidern ein neues Leben zu schenken, indem man sie in neue verwandelt. Auch Louis Vuitton wagte sich diese Saison zum ersten Mal an das Thema Wieder­verwertung. Kreativdirektor Virgil Abloh präsentierte bei seiner aktuellen Männer­kollektion 25 Looks, die nur aus Restbeständen gefertigt wurden, weitere 25 Looks gab es bereits in vorherigen Kollektionen zu sehen, und einige Stücke waren komplett upgecycelt, so wie beispielsweise flache Sneaker, die aus den Hightop-Sneakern der Sommerkollektion 2019 gefertigt wurden.

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Angespornt wurden die großen Modehäuser bei ihren nachhaltigen Initiativen auch durch junge, aufstrebende Labels wie Marine Serre oder Germanier, bei denen Upcycling und zirkuläre Mode seit Anbeginn zur DNA gehören. Die aus alten Seidenkarrees gefertigten Kleider und Catsuits der Französin Marine Serre sind seit ein paar Saisons der Liebling vieler Influencer und der beste Beweis dafür, dass nachhaltige Mode mit langweiliger Ökokleidung längst nichts mehr zu tun hat.

Video
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Deutlicher Wandel beim Konsum­verhalten junger Menschen

Aber auch neue Gesetze, die ab 2022 die Zerstörung von unverkauften Kleidungs­stücken verbieten, haben Marken inzwischen zum Umdenken gezwungen. 2018 löste Burberry einen Skandal aus, weil im Jahresbericht stand, dass Produkte im Wert von 28 Millionen Pfund zerstört wurden – aus reinem Imageschutz. Luxuslabels wollen mit der Vernichtung verhindern, dass ihre Produkte zu Dumping­preisen verhökert werden. Heute wäre ein solches Vorgehen undenkbar.

Schon vor der Pandemie konnte man vor allem bei der jüngeren Generation einen deutlichen Wandel im Konsum­verhalten spüren. Spätestens aber seit der Corona-Krise haben sich die Ansprüche der Kunden an eine Marke grundlegend geändert. Wenn man sich in dieser Zeit – in der viele andere Sorgen haben, als sich ständig neue Outfits zu besorgen – schon neue Kleider anschafft, dann sollen sie zumindest nachhaltig hergestellt und die Philosophie der Marke soll ethisch vertretbar sein.

Konzept des Recyclings somit ein neues, cooles Image

Selbst die einflussreichsten Modehäuser können es sich heutzutage nicht mehr leisten, nicht in irgendeiner Form engagiert zu sein. Die Fragen nach Inklusion, Diversität und nachhaltiger Produktion stehen bei den Kunden im Vordergrund. Und gerade die Luxusmarken tragen in dieser Hinsicht eine besondere Verantwortung. Sie haben die Macht, bestimmte Werte zu vermitteln, indem sie ein breites Publikum ansprechen.

Dank der Maßnahmen von Maison Margiela, Louis Vuitton und Co. hat das Konzept des Recyclings somit ein neues, cooles Image bekommen. Doch das allein reicht natürlich nicht, um die Mode­industrie in ein nachhaltiges Business zu verwandeln. „Wenn wir nicht das grundsätzliche Problem behandeln, also die Diktatur des Kollektions­rhythmus, bleiben diese Initiativen reine Augenwischerei“, sagt Elisabeth Laville, Gründerin der Agentur Utopies, die sich auf nachhaltige Entwicklung spezialisiert hat. Sie wünscht sich, dass Marken neben dem Recycling auch zu weniger Konsum auffordern.

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Denn trotz Covid-19 werden weiterhin physisch oder virtuell Modenschauen veranstaltet und somit alle paar Monate neue Kollektionen hergestellt. Dabei wäre der Umwelt vor allem mit einem geholfen: weniger Produktion.

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