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Vorsicht beim Eisbaden! Für den Körper „eine Notfallsituation“

Baden mit Mütze: Wir geben 30 Prozent unserer Wärme über den Kopf ab – ein nasskalter Kopf erhöht die Gefahr der Unterkühlung dort.

Baden mit Mütze: Wir geben 30 Prozent unserer Wärme über den Kopf ab – ein nasskalter Kopf erhöht die Gefahr der Unterkühlung dort.

Berlin. Bekennenden Warmduschern läuft schon allein bei dem Gedanken daran ein Schauer über den Rücken: baden in eiskaltem Wasser. Besonders Hartgesottene dagegen verspüren dabei pure Lebenslust. Sie schwören auf den Gesundheitseffekt. Hanns-Christian Gunga, Professor für Weltraummedizin und extreme Umwelten an der Berliner Charité und Spezialist für physische Extremsituationen, sieht das kritisch.

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Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie Leute sehen, die im Winter ins eiskalte Wasser steigen?

Ich denke, das Eisbaden ist nicht zuletzt eine stark psychologisch getriebene Freizeitbeschäftigung. Heutzutage hat man ja immer weniger Dinge und Entscheidungen selbst in der Hand und ist vor allem durch Corona ziemlich eingeschränkt. Da entsteht schnell mal der Drang, etwas Außergewöhnliches zu machen – und sich danach zu freuen, wenn man es geschafft hat.

Eine gefährliche Mutprobe?

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Das kommt darauf an. In der Tat kann Eisbaden sehr gefährlich sein: zum einen, wenn man nicht völlig körperlich gesund ist. Und zum anderen, wenn man es „falsch“ macht.

Beginnen wir mit dem Thema Gesundheit!

Dazu muss man wissen, wie sich die Temperaturveränderung beim Eisbaden auswirkt. Der Körper will natürlich die Auskühlung durch die plötzliche Kälte verhindern. Die Thermorezeptoren geben entsprechende Meldungen an das Gehirn. Die Nervenbahnen sorgen dann dafür, dass sich die Gefäße verengen und die Haut eine Isolationsschicht bildet. So soll das warme Blut geschützt werden.

Das klingt nach einem perfekt angelegten Selbstschutz, oder?

Ja, aber der bleibt nicht ohne Konsequenzen. Das Blut von Armen und Beinen wird ins Körperinnere geleitet – vor allem, um die Organe vor der Kälte zu schützen. Dabei steigt der Blutdruck enorm an. Ist aber das Herz vorgeschädigt und hat verengte Gefäße, kann das Eisbaden zu einer Unterversorgung des Herzmuskels und einem Infarkt führen. Doch auch für Gesunde ist das Eisbaden nicht unbedenklich: Werden die Schleimhäute längere Zeit weniger durchblutet, können Bakterien und Viren schneller in den Körper eindringen.

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Weil auch die Abwehrkräfte schwinden ...

… und weil sich der Stress extrem erhöht. Der Körper schüttet sämtliche Stresshormone aus. Das Signal lautet: Achtung, Notfallsituation!

Und doch loben zahlreiche Mediziner das Eisbaden als gesundheitsfördernd.

Gesunde Erwachsene können das Eisbaden nutzen, um ihre Gefäßmuskulatur zu trainieren. Das ist vor allem wichtig, wenn man im Alltag wenig thermische Reize hat, zum Beispiel immer in der gleichen Temperatur am Schreibtisch sitzt. Auch für das Herz-Kreislauf-System kann der Kälte-Wärme-Wechsel gut sein. Doch man sollte sich im Vorhinein über einiges klar sein.

Was muss man beachten?

Zum einen sollte man langsam ins kalte Wasser gehen – dann verlagert sich das Blut im Körper nicht so abrupt – und nicht länger als zwei bis drei Minuten. Zum anderen sollte man das Untertauchen vermeiden. Denn wir geben 30 Prozent unserer Wärme über den Kopf ab – ein nasskalter Kopf erhöht die Gefahr der Unterkühlung dort. Das Gehirn zeigt bereits bei Gewebetemperaturen von unter 35 Grad Celsius erste kognitive Einschränkungen – also mein Rat: nicht allein ins Wasser gehen.

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Hanns-Christian Gunga ist Professor für Weltraummedizin und extreme Umwelten am Zentrum für Weltraummedizin der Charité in Berlin.

Hanns-Christian Gunga ist Professor für Weltraummedizin und extreme Umwelten am Zentrum für Weltraummedizin der Charité in Berlin.

Macht es einen Unterschied, ob See oder fließendes Wasser?

Ja, es gibt einen großen Unterschied zwischen stehendem und fließendem kalten Wasser. In stehendem Wasser, zum Beispiel in einer Eistonne oder einem See, bildet sich um den Körper eine Wasserschicht, die aufgewärmt wird. Fließt das Wasser aber, wird die Wärme weggetragen – und man kühlt viel schneller aus.

Der Körper schüttet sämtliche Stresshormone aus.

Hanns-Christian Gunga, Professor für extreme Umwelten

Also sollte man sich wenig bewegen, auch nicht schwimmen?

Schwimmen sollte man möglichst bleiben lassen. Erstens ist das Wasser wegen seiner höheren Dichte schwerer zu bewegen. Und zweitens wird dem Körper bei jeder Bewegung Wärme entzogen. Arme und Beine, deren Muskulatur und Nervenbahnen kühlen schnell aus. Selbst gute Schwimmer laufen Gefahr, kleinste Strecken zum Ufer nicht mehr zu schaffen, weil sie sich nicht mehr koordiniert bewegen können. Das kann ganz plötzlich eintreten.

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Welche Warnsignale sollte ich beachten?

Wer das Gefühl hat, sein Herz schlägt nicht mehr gleichmäßig, oder wer schwer atmet und sich im Kopf benebelt fühlt, sollte sofort raus aus dem Wasser. Dann schnell abtrocknen und warm einpacken – das gilt für alle Eisbader. Eine heiße Dusche sollte es allerdings nicht sein: Denn dann könnte der Körper mit einer Nachkühlung reagieren und das Herz überlasten, weil kaltes Blut aus den Hautgefäßen zum Herz transportiert wird – und ein unterkühltes Herz ist erst recht anfällig für Rhythmusstörungen.

Das klingt nicht so, als ob Sie das Bad im kalten Wasser mögen.

Ich liebe mehr die warmen Gefilde. Wissen Sie, der Mensch ist generell nicht dafür geschaffen, Kälte abzuwehren. Mit Hitze kann er in der Regel viel besser umgehen. Und so ist das auch bei mir.

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